»Nein, Flora, du hast Geist, Esprit, aber schöpferisch bist du nicht,« versetzte er, ernst den Kopf schüttelnd und in seine gewohnte milde Sprechweise einlenkend.
Sekundenlang stand sie wie erstarrt vor diesem unumwundenen Urteile, das sich unverkennbar auf die festeste Ueberzeugung stützte, dann aber hob sie in einem halbwahnwitzigen Gemisch von gemachtem Jubel und ausbrechendem Grimme die Arme hoch empor. »Gott sei Dank, nun fällt auch die letzte Rücksicht, das letzte Bedenken. Eine Sklavin wäre ich geworden, ein armes, niedergetretenes Weib, dem man den göttlichen Funken der Poesie aus der Seele gerissen hätte, um — das Küchenfeuer damit anzuzünden.«
Sie hatte überlaut gesprochen. Die Kranke, die vorhin der gleichmäßige Wechsel der zwei Stimmen allmählich eingeschläfert hatte, fuhr empor und blickte mit weit aufgerissenen Augen um sich. Besorgt eilte der Doktor an das Bett; er reichte ihr die Medizin und legte sanft die Hand auf ihre Stirn. Unter dieser Berührung sanken die erschreckten Augen wieder zu. Hätte sie ahnen können, die arme Leidende, welchen Sturm sie über den unglücklichen Mann heraufbeschworen, sie, die bis dahin alles aufgeboten hatte, um den unheilvollen Bruch zu verhindern!
»Ich muß dich ernstlich bitten, die Kranke nicht mehr zu stören,« sagte der Doktor, den Kopf in das Zimmer zurückwendend; noch beugte er sich über das Bett und seine Hand lag auf Henriettens Stirn.
»Ich wüßte auch nichts mehr zu sagen,« versetzte Flora mit einem mißlungenen Spottlächeln und zog die Handschuhe aus der Tasche. »Wir sind zu Ende, wie du nach deinen verletzenden Aussprüchen selbst wissen wirst — ich bin frei —«
»Weil ich dir ein Talent abspreche, auf welches du dich kaprizierst?« fragte er, mit äußerster Ueberwindung die Stimme dämpfend. Jetzt gewann die Entrüstung die Oberhand in ihm; er stand plötzlich in seiner ganzen imposanten Größe da. Alles, was ihn zuweilen so jünglingshaft erscheinen ließ, der sanfte, treue Blick, die von edler Bescheidenheit und Geduld zeugenden Gebärden — alles war verschwunden; er war ein zürnender, empörter Mann. »Ich frage dich, um wen ich geworben habe, um die Schriftstellerin oder um Flora Mangold? Als diese letztere, und nur als diese hast du damals deine Hand in die meine gelegt, recht wohl wissend, daß ich zu denen gehöre, die ihre Frau einzig und allein für sich und ein stillbeglücktes Familienleben, nicht aber als ein in der Welt herumflackerndes Irrlicht haben wollen. Du hast das gewußt; du hast dich damals befleißigt, mir das zu werden; du bist in deiner sanguinischen Art weit darüber hinausgegangen — denn daß du selbst die rußigen Töpfe in die Hand nehmen solltest, wie du in übertriebenem Eifer gethan, würde ich ja nie von derjenigen verlangen, die das geistig belebende Element, mein Stolz, meine mitfühlende, mitringende Gefährtin in meinem Daheim werden soll.«
Er schöpfte tief Atem; nicht ein einziges Mal wichen die strafenden Augen von dem schönen Mädchen, das jetzt so klein und erbärmlich, so unscheinbar vor ihm stand und sich vergebens abmühte, die kühne, trotzig herausfordernde Haltung standhaft zu behaupten.
»Ich habe die Wandlung in dir vom ersten mißmutigen Zuge auf deiner Stirn an bis zu deiner eben erfolgten Erklärung Schritt für Schritt verfolgt,« hub er von neuem an. »Du bist so unsäglich schwach deinen eigenen weiblichen Schwächen gegenüber, als da sind Hochmut, Eitelkeit, Launenhaftigkeit — und doch willst du die Starkgeistige spielen, willst in Sachen der Frauenemanzipation das große Wort reden und für dein Geschlecht die Urteilskraft, die Konsequenz, das feste Wollen und deshalb auch die Vorrechte des Mannes in Anspruch nehmen? ... Wie ich über dein ganzes Verhalten denke, was meine eigene Seele dabei durchmacht, ob ich glücklich oder namenlos unglücklich werde, darauf kommt es hier nicht an. Wir haben uns feierlich für das ganze Leben verlobt, und dabei bleibt es. — Man sagt dir nach, daß du oft genug grausam mit Männerherzen gespielt und die Betrogenen schließlich dem öffentlichen Spott und Mitleid preisgegeben hast — mich stellst du nicht an diesen Pranger — darauf verlasse dich! Du bist nicht frei — ich gebe dich nicht los. Ob du eidbrüchig werden willst oder nicht — gleichviel. Ich will mein Wort halten.«
»Schande über dich!« rief sie außer sich. »Wirst du mich auch zum Altar schleppen, wenn ich dir versichere, daß ich längst aufgehört habe dich zu lieben? Daß ich in diesem Augenblicke, wie ich hier vor dir stehe, nur mit Mühe den bittersten Haß gegen dich niederkämpfe?«
Bei diesem furchtbaren Ausbruche erhob sich Käthe; es war ihr allmählich gelungen, ihre Hand zu befreien. Sie eilte mit weggewandten Augen hinaus; sie konnte unmöglich in das Antlitz dessen sehen, der eben eine Art Todesstreich empfangen hatte.