Ein Hauch von Röte ging ihm über Stirn und Wangen hin und seine Brauen zogen sich leicht zusammen; er war offenbar eine jener sensitiven Naturen, die ein scharf zugespitzter, auf gegenseitige Verletzung ausgehender Wortwechsel geradezu auf die Folter legt. »Ich will damit sagen,« entgegnete er gleichwohl fest und mit anscheinender Gelassenheit, »daß zu diesem Auf-eigenen-Füßen-stehen, zu welchem die strebende Frau vollkommen berechtigt ist, wenn sie damit nicht bereits übernommene ältere Pflichten und das edle deutsche Familienleben schädigt, daß zu diesem Auf-eigenen-Füßen-stehen ein starker, zäher Wille, ein konsequentes Ausschließen der reizbaren weiblichen Eitelkeit und vor allem wirkliche Begabung, wirkliches Talent erforderlich sind.«
»Und die letzteren Eigenschaften bestreitest du mir?«
»Ich habe deine Artikel über die Arbeiterbewegung und die Frauenemanzipation gelesen.« — Jetzt allerdings hatte die sonst so sanft moderierte Stimme des Arztes etwas durchdringend Schneidendes.
Flora fuhr zurück, als sei ein blitzendes Messer auf sie gezückt worden. »Wie willst du wissen, daß ich die Verfasserin derjenigen Artikel bin, die du gelesen?« fragte sie unsicher, schwankend, dabei aber seine Züge in fieberhafter Spannung fixierend. »Ich schreibe unter Chiffern.«
»Aber die Chiffern zirkulierten bereits in deinem großen Bekanntenkreise lange vorher, ehe die Aufsätze das Licht der Oeffentlichkeit erblickten.«
Sie wandte einen Augenblick beschämt und verlegen die Augen weg. »Gut, du hast sie gelesen,« sagte sie gleich darauf. »Was soll ich aber von dir denken, daß du dieses Streben nie mit einer Silbe berührt, daß du nicht einmal dein ungnädiges Mißfallen darüber ausgesprochen hast?«
»Würdest du darauf hin deine Feder niedergelegt haben?«
»Nein, und abermals nein.«
»Das wußte ich; deshalb ließ ich dich gewähren bis zu unserer Vereinigung. Es versteht sich ja von selbst, daß die verständige Frau mit dem Manne geht und sich nicht isoliert in Sonderbestrebungen, es sei denn, daß sie bei starkem Pflichtbewußtsein, hochbegabt, ein hervorragendes Talent —«
»Was ich selbstverständlich nicht bin,« unterbrach sie ihn mit nicht zu beschreibender Erbitterung.