»Brauche ich dir das zu sagen, Bruck?« rief sie und strich sich tief aufatmend, wie von einem Alp befreit, die Locken aus der Stirn. »Siehst du nicht, wie meine ganze Seele danach dürstet, aufzugehen im Schriftstellerberufe? Kann ich das aber in dem Umfange, wie es meine Beanlagung, mein mit heißem Streben gepaartes Talent gebieterisch verlangen, wenn ich die Pflichten einer Frau übernehme? Nun und nimmermehr!«
»Wunderbar, daß dir dies stürmische Verlangen erst jetzt, erst in den letztvergangenen Monaten gekommen ist, nachdem du —«
»Nachdem ich neunundzwanzig Jahre lang ohne den Ruhm leben konnte, willst du sagen,« ergänzte sie schneidend mit dunkel überflammtem Gesicht. »Lege dir das zurecht, wie du willst, bringe es auf die Rechnung der Frauennatur, die schwankt und fehlgreift, bis sie das Rechte findet.«
»Weißt du so gewiß, daß es das Rechte ist?«
»So gewiß, wie die Magnetnadel nach dem Pole zeigen muß.«
Er ging schweigend an ihr vorüber, nahm die Medizin vom Tische und trat an das Bett. Die Kranke mußte wieder einnehmen, aber sie war eingeschlummert und hielt mit beiden Händen Käthes Rechte fest. Es war dem jungen Mädchen, als bewege er sich automatenhaft, als sei der innere Kampf so gewaltig, daß er ihn der Herrschaft über Hand und Fuß und Auge beraube. Sie sah er nicht an; es mochte ihn wohl tief demütigen, daß diese empörende Szene einen Zeugen hatte; aber litt sie nicht selbst qualvoll durch ihr Bleiben? Sie hatte mehrmals versucht, ihre Hand vorsichtig zurückzuziehen, um zu entfliehen, so weit sie ihre Füße tragen mochten, allein bei der geringsten Bewegung fuhr die Kranke in erschütterndem Schrecken empor.
Er versuchte, der Schlummernden den Puls zu fühlen. Käthe bemühte sich, ihm zu helfen, indem sie die Linke unter Henriettens Armgelenk schob; dabei ruhte ihre innere Handfläche einen Augenblick auf seinen Fingern. Er zuckte zusammen und wechselte so jäh die Farbe, daß sie erschrocken die Hand zurückzog. Was war das gewesen? Machte ihn der innere Aufruhr so nervös, daß ihn jede äußere Berührung entsetzte und mit zornigem Schrecken erfüllte? Sie sah seitwärts scheu zu ihm auf. Ein tiefer Atemzug hob seine Brust, während er sich wegdrehte, um die Medizin auf den Tisch zurückzustellen.
Flora hatte inzwischen unbeschreiblich erregt und ungeduldig einigemal das Zimmer durchmessen. Jetzt trat sie wieder neben den Doktor an den Tisch. »Es war unklug von mir, meine Gefühle so freimütig zu bekennen,« sagte sie mit zornfunkelnden Augen. Sein Schweigen und die Erfüllung seiner Berufspflicht, mit welcher er unbeirrt einen solchen Entscheidungskampf unterbrach, hatten sie furchtbar gereizt. »Du bist ein Verächter des Frauengeistes und gehörst zu den Tausenden von unverbesserlichen Egoisten, welche die Frau um keinen Preis auf eigenen Füßen sehen wollen —«
»Wenn sie nicht stehen kann, allerdings.«
Sie legte die kleine, krampfhaft zu einer Faust geballte Hand auf den Tisch und sah dem Sprechenden einen Augenblick mit festgeschlossenen, fast weiß gewordenen Lippen in das Gesicht. »Was willst du damit sagen, Bruck?« stieß sie scharf heraus.