»Ja, ausreden lassen!« wiederholte Henriette halb lallend vor Erschöpfung, aber doch befriedigt wie ein Kind, dem man den Willen thut. »Wer soll dir's sonst sagen, Bruck, wenn nicht ich — ich? Wer soll dich warnen, damit du auf deiner Hut bist? Halte die Augen offen! Sie fliegt dir davon wie die Taube vom Baum, die weiße Kokette; sie will frei sein —«

»Was sie auch faseln mag, eine Wahrheit ist darin,« sagte Flora entschlossen dazwischen und trat dem Doktor um einen Schritt näher. »Sie hat recht, ich kann dir das nicht sein, was ich versprochen habe; gib mich frei, Bruck!« setzte sie flehend hinzu und hob die verschlungenen Hände; zum erstenmal hörte Käthe, wie unwiderstehlich und süß ihre Stimme klingen konnte, wenn sie weich wurde.

Da war das entscheidende Wort gefallen, um das sich monatelang die abscheulichsten Intriguen gedreht hatten. Käthe hatte gemeint, es müsse mit dem ersten Laute den Verratenen zu Boden schmettern, allein der vernichtende Blitz zündete nicht sichtbar; für das junge Mädchen war die unerschütterte Haltung des Doktors so rätselhaft, wie wenn nach einem mörderischen Schuß der scheinbar Getroffene unversehrt aus dem Pulverdampfe hervorgeht. Ernst und schweigend sah er auf die Bittende nieder, nur blaß war er, blaß wie der Tod. Er verweigerte ihr die Hand, die sie ergreifen wollte. »Zu einer solchen Auseinandersetzung ist hier nicht der Ort —«

»Aber der richtige Augenblick. Ein anderer Mund spricht für mich das aus, was ich seit Monaten auf den Lippen hatte und doch nicht in Worte kleiden konnte —«

»Weil es ein notorischer Treubruch ist.«

Sie biß sich auf die Lippen. »Die Bezeichnung ist hart und nicht zutreffend; so fest war unser Bund noch nicht geschlossen; auch bin ich mir bewußt, daß kein anderes Bild das deine aus meinem Herzen verdrängt hat. Lächle nicht so geringschätzend, Bruck! Bei Gott, ich denke an keinen andern Mann,« rief sie leidenschaftlich beteuernd. »Aber ich will den Vorwurf auf mich nehmen,« setzte sie ruhiger hinzu, »um den Preis, daß wir beide nicht unglücklich werden.«

»Mein Glück oder Unglück lasse dabei aus dem Spiele! Du kannst nicht wissen, was ich darunter verstehe; allein so viel wirst du dir wohl selbst sagen, daß sie beide nicht ins Gewicht fallen dürfen, wenn es sich um die innere Ehre und Selbstachtung des Mannes handelt. Und nun möchte ich dich um deiner kranken Schwester willen bitten, für jetzt zu schweigen.« Er wandte sich ab und trat in das nächste Fenster.

Sie ging ihm nach. »Henriette hört uns nicht,« sagte sie. Die Kranke war todesmatt in die Kissen zurückgesunken und flüsterte unaufhörlich vor sich hin wie ein Kind, das sich selbst ein Märchen erzählt; ihr Ohr war allerdings der Außenwelt verschlossen. »Das ist ja keine Entscheidung,« fuhr Flora in traurigem, niedergeschlagenem Tone fort. »Ich muß aber ein festes, klar bezeichnendes Wort haben. Warum hinausschieben, was mit einem raschen Entschlusse festgestellt werden kann?« Es war abscheulich anzusehen, wie sie mit Daumen und Zeigefinger am Ringfinger der linken Hand spielend drehte.

Doktor Bruck sah über seine Schulter auf sie nieder. Es fiel Käthe abermals auf, wie er bei aller Kraft und Männlichkeit seiner Gestalt dennoch merkwürdig jung neben ihr erschien. Unter dem vollen Barte sah man beim Sprechen fast mädchenhaft keusch geformte, zartrote Lippen, und die Ausbiegung an den Schläfen verlief so jugendlich weich wie bei einem Jüngling; dazu die schlichten anspruchslosen Gebärden und die Augen, die so leicht in befremdender Scheu schmolzen und sich seelisch gleichsam tief zurückziehen konnten vor einem anderen Blicke. Jetzt aber ruhten sie fest auf der schönen Dame, die mit ihrem lockigen Scheitel kaum seine Schulter erreichte.

»Was gedenkst du einzutauschen für das Leben an meiner Seite?« fragte er so plötzlich, so scharf, daß sie unwillkürlich zusammenfuhr.