Die Tante kam herein, um, wie jeden Abend, die brennende Lampe auf den Arbeitstisch des Doktors zu stellen. Sie schloß die Läden, ließ die Rouleaux herab und schürte das Feuer im Ofen; dann ging sie wieder hinaus, ohne das junge Mädchen in ihrer kleinen Fensterlaube bemerkt zu haben. Ihr leiser, schwebender Tritt erlosch schon hinter der Thür, gleich darauf aber hallten feste Männerschritte durch die Flur, und der Doktor trat in das Zimmer.

Er blieb einen Moment an der Schwelle stehen und strich sich tief aufseufzend mit der Hand über die Stirn; er ahnte so wenig wie die alte Frau, daß dort hinter dem dunkeln Laub ein Menschenherz in tödlicher Angst klopfe — drückte sich doch die Mädchengestalt atemlos, wie zu Stein erstarrt, an die Fensterwand. War alles vorüber? Kam er verarmt, verzweifelnd, ein einsamer Mann für immer?

Rasch durchschritt er die beiden Zimmer und trat an seinen Schreibtisch. Käthe erhob sich lautlos. Mitten im Stübchen der Tante stehend, konnte sie ihn sehen. Der Lampenschein beleuchtete grell und voll sein Profil, das noch alle Symptome aufgestürmter Leidenschaft zeigte. Er war erhitzt, dunkelrot auf Stirn und Wangen, als habe er einen weiten Weg in brennender Mittagsglut gemacht, selbst die Augenlider erschienen gerötet. Es war auch ein heißer Weg gewesen, ein Weg über Trümmer, zerstörte Illusionen und Hoffnungen — war er am Ende, am öden Ziel, wo die schöne Fata Morgana entschwebte und die ganze schreckhafte Einsamkeit kommender Zeiten ihn anstierte?

Im Stehen schrieb er ein paar Zeilen auf einen Briefbogen und steckte das Blatt in ein Kouvert. Das geschah mit hastigen Händen, in fiebernder Erregung. Auch die Adresse wurde in flüchtigen Zügen hingeworfen — wessen Name war es, den er schrieb? Gab es in dieser Stunde außer der furchtbaren Entscheidung noch etwas auf Erden, an das er denken mochte? Der Brief konnte nur für Flora bestimmt sein — ein letztes Lebewohl, oder der zermalmende Richterspruch eines sterbenden Mannes?

Und nun goß er aus einer Karaffe Wasser in das milchweiße Kelchglas, in welches sie neulich ihren Frühlingsstrauß gesteckt hatte, dann schloß er einen kleinen Schrank im Schreibtisch auf und nahm ein winziges Medizinfläschchen heraus; er hielt es gegen das Licht — fünf silberhelle, farblose Tropfen fielen in das Glas.

Bis dahin hatte Käthe mit dem unheimlichen Gefühl, als stehe ihr das Herz still, wie gelähmt an ihrem Platze verharrt, aber nun kam die ganze, allmählich bis ins Maßlose gesteigerte Aufregung ihres Innern stürmisch zum Ausbruch. Mit einigen raschen Schritten stand sie an seiner Seite und legte die Linke auf seine Schulter; mit der Rechten umfaßte sie krampfhaft seine Hand, die das Glas eben zum Munde führen wollte, und zog sie langsam nieder.

Sie war keines Lautes fähig; ihre ganze Seelenangst, der innere Jammer, das unsägliche Mitleiden, das ihr gleichsam das Herz umwendete, malten sich in den braunen Augen, die in flehender Beredsamkeit die seinen suchten. Sie fuhr zurück. Gott im Himmel, was hatte sie gethan! Unter dem großen, erstaunt fragenden Blicke, der sie traf, sank sie vor Scham fast in die Kniee. Einige unartikulierte Worte stammelnd, bedeckte sie das Gesicht mit den Händen und brach in ein bitterliches Weinen aus.

Er begriff augenblicklich alles. Das verhängnisvolle Glas auf den Tisch stellend, nahm er bestürzt ihre Hände und zog sie an sich. »Käthe, liebe Käthe!« sagte er mit bebender Stimme und sah in das thränenüberströmte Antlitz, das sie mit einem sanften Neigen des Kopfes wegzuwenden suchte. In diesem Augenblicke erschien das prächtige, imponierende Mädchen vollkommen als das, was sie an Jahren, an Erfahrung, an fleckenloser Seele in Wirklichkeit war — als die Jugend in ihrem unangetasteten Glanze warmen rückhaltlosen Empfindens, aber auch in dem hilflosen Schrecken über eine ungeahnte Wendung.

Sie entzog ihm leise die Hände und trocknete in Hast ihre Augen mit dem Taschentuche. »Ich habe Sie schwer gekränkt, Herr Doktor,« sagte sie, immer noch mit den Thränen kämpfend. »Ich habe eine Taktlosigkeit begangen, die Sie mir ganz gewiß nie vergessen werden. Ach Gott, wie konnte ich mich nur in diese wahnwitzige Vorstellung so verrennen, daß —« Sie biß sich auf die Unterlippe, um das krampfhafte Zucken ihres Mundes zu unterdrücken. »Gehen Sie nicht zu streng mit mir ins Gericht!« setzte sie mit sinkender Stimme hinzu. »Das, was ich heute schon durchleben mußte, genügt wohl, um auch einen stärkeren, als meinen Mädchenverstand, zu verwirren.«