Er sah sie kaum an; nur von der Seite streifte sein Blick den schönen, jugendlichen Mund, als wolle er nicht zeigen, wie leid ihm diese bittere Selbstanklage thue und wie fassungslos er selbst sei. Nun aber glitt das seelenvolle Lächeln, das sie schon kannte, leise durch seine Zuge.

»Sie haben mich nicht gekränkt,« sagte er tröstend, »und wie sollte ich es wohl anfangen, mit Ihrem lauteren Gemüte ins Gericht zu gehen? Was Sie sich für eine Vorstellung von meinem Charakter, meiner Denkart, meinem Temperament gemacht haben mögen, um zu einem solchen Schlusse zu kommen — ich weiß es nicht; ich will darüber auch gar nicht grübeln, noch weniger aber widerlegen. Mir hat dieser Irrtum einen Lebensmoment gebracht, den ich allerdings nicht vergessen werde. Und nun beruhigen Sie sich, oder vielmehr, erlauben Sie mir, daß ich als Arzt meine Pflicht thue!« Er ergriff das Glas und hielt es ihr hin. »Nicht die Ruhe, die Sie fürchteten, wollte ich in diesem Tranke suchen —« Er brach ab und hielt einen Augenblick inne. »Ich habe mich hinreißen lassen, heftig und leidenschaftlich zu werden, noch dazu am Krankenbette,« hob er von neuem an; »das könnte ich mir nie verzeihen, wenn ich nicht bedächte, daß ich doch auch, wie jeder andere, Blut und Nerven habe, die mit dem guten Willen um die Herrschaft streiten. Ein paar Tropfen davon« — er zeigte auf das Medizinfläschchen — »genügen, um die nervöse Aufregung zu dämpfen.«

Sie nahm das Kelchglas, das er ihr bei diesen Worten nochmals bot, aus seiner Hand und trank es folgsam bis zur Neige leer.

»Nun aber möchte ich Sie um Verzeihung bitten, daß Sie eine so häßliche, aufregende Szene, wie die da drüben, mitansehen mußten,« sagte er ernst und nachdrücklich. »Ich bin dafür verantwortlich; denn es hätte in meiner Macht gelegen, sie mit einigen zur rechten Zeit gesprochenen Worten zu verhindern.« Er lächelte so bitter, so schneidend, daß es dem jungen Mädchen durch die Seele ging. »Mich plage der leidige Bettelstolz, sagen einige meiner Herren Kollegen — die wenigen, die mich aus purer Gutmütigkeit noch nicht ganz haben fallen lassen — sie behaupten das, weil ich nicht zu den ‚lauten‘ Leuten gehöre. Dieser Bettelstolz ist zu einer Art von Kassandrafluch für mich geworden. Die Welt nimmt das Schweigen für Unfähigkeit, für Mangel an Urteil, und so hält man es gar nicht für nötig, sich mir gegenüber einen moralischen Zwang anzuthun. Ich sehe Menschen, die sich als geniale, geistreiche Naturen äußerlich gerieren, plump und täppisch vorgehen, und kann ihr Handeln und die damit verknüpften Ereignisse mathematisch genau voraussagen — o, dieser Ekel!« Er stieß leicht mit dem Fuße auf den Boden und schüttelte sich, als gelte es, ein verabscheutes Reptil von sich zu werfen.

Noch war er weit entfernt von der Herrschaft über sein empörtes Blut; noch stürmte die Bewegung heftig in ihm, und das frivole Wesen, das mit frevelnder Hand diese harmonische Natur aus den Fugen gerissen, dort sah es von der Wand hernieder, im weißen Iphigeniagewande an eine Säule gelehnt, mit gefalteten, lässig herabgesunkenen Händen und einem lieblich gedankenvollen Aufblicke; fast fromm sah das dämonische Mädchen aus. Damals hatte sie noch um seine Liebe, seinen Beifall geworben; damals war sie noch entschlossen gewesen, sein Ideal zu verwirklichen und dem künftigen »berühmten Universitätsprofessor« die waltende gute Fee seines Daheims zu werden. Sie wäre es doch nie geworden; gerade das wäre der Boden gewesen für ihre Sucht, als schaffender Geist zu brillieren. Er hätte einen besuchten Salon, aber kein Daheim, eine in unbefriedigtem Ehrgeize sich verzehrende Weltdame, aber kein wahrhaft liebendes Weib, keine »mitringende, mitfühlende Gehilfin« gehabt. Dagegen war er ja auch nicht mehr blind — und doch gab er sie nicht frei. Oder war nun doch das Band gelöst, nachdem Flora ihm so unumwunden den Ausdruck ihres Hasses in das Gesicht geschleudert hatte? Käthe wußte ja nicht, was sich nach ihrem Hinausgehen ereignete, soviel aber sagte sie sich, daß ihr längeres Verweilen hier in seinem Zimmer nicht statthaft sei, mochte der Würfel gefallen sein, wie er wollte.

Der Doktor hatte den finsteren Blick aufgefangen, den sie auf das Bild geworfen, und sah nun, daß sie sich zum Gehen anschickte.

»Ja, gehen Sie,« sagte er. »Henriettens Kammerjungfer ist gekommen und hat bereits ihr Pflegeramt angetreten. Der Zustand der Kranken ist derart, daß Sie getrost in die Villa zurückkehren können, um der Frau Präsidentin, wie sie es lebhaft zu wünschen scheint, beim Thee Gesellschaft zu leisten; sie fühle sich so sehr vereinsamt, ließ sie herübersagen. Ich gebe Ihnen mein Wort, Sie können unbesorgt gehen; ich wache treulich über Ihre teure Kranke,« wiederholte er nachdrücklich, als sie lebhaft zu protestieren versuchte. »Aber geben Sie mir einmal die Hand!« Er hielt ihr die seine hin, und sie legte rasch und willig ihre schlanken Finger hinein. »Und nun, was man Ihnen auch heute noch sagen mag, lassen Sie sich nicht verleiten, mich zu verurteilen! Schon in den nächsten Tagen wird sie,« er nannte den Namen nicht und neigte nur, ohne hinüberzublicken, bitter lächelnd den Kopf nach Floras Bild, »ganz anders denken, und das ist's, was mich konsequent bleiben heißt; ich darf nicht den Vorwurf auf mich nehmen, als hätte ich einen günstigen Moment — auszunutzen verstanden.«

Sie sah befremdet zu ihm auf, und er neigte bedeutsam und so sonderbar resigniert den Kopf, als wollte er sagen: »Ja, so steht es,« aber über beider Lippen kam kein Wort.

»Gute Nacht, gute Nacht!« sagte er gleich darauf — er ließ mit leisem Drucke ihre Hand fallen und trat an den Schreibtisch, während sie rasch der Thür zuschritt. Unwillkürlich wandte sie sich noch einmal auf der Schwelle um — er führte eben seltsamerweise das leere Kelchglas an seine Lippen; in demselben Augenblicke aber auch glitt es aus seiner Hand und zersprang auf dem Boden in Scherben und Splitter. — — —

Drüben im Krankenzimmer stand Flora zum Fortgehen gerüstet, sie sah aus, als bebe jede Fiber an ihr vor nervöser Ungeduld. »Wo steckst du denn, Käthe?« schalt sie. »Die Großmama wartet; du bist schuld daran, daß man uns den Thee mit Impertinenzen würzen wird.«