Käthe antwortete nicht. Sie warf den Baschlik über, den ihr die Jungfer mitgebracht, und trat an das Bett. Henriette schlief sanft; die dunkle Fieberröte auf ihren Wangen hatte bedeutend nachgelassen. Wiederholt hauchte das junge Mädchen einen Kuß auf das bleiche, schmale Händchen, das ruhig auf der Decke lag, dann folgte sie der hinausrauschenden Schwester.

In der Flur brannte eine kleine Lampe und ein Lakai aus der Villa, der mit der Kammerjungfer gekommen war und noch Verschiedenes herübergetragen hatte, ging wartend auf und ab. Fast zugleich mit den Schwestern trat der Doktor in die Flur, und jetzt fühlte Käthe abermals die Glut tiefer Beschämung in ihre Wangen steigen; er reichte dem Bedienten das Billet, den vermeintlichen Todesgruß an die treulose Braut, zur Bestellung an einen in der Stadt wohnenden jungen Arzt.

Flora schritt an ihm vorüber, scheinbar als wolle sie seine Instruktion für den Lakaien nicht unterbrechen, und verschwand rasch draußen im Dunkel. Käthe aber ging noch einmal in die Küche und verabschiedete sich von der Tante. Die alte Frau schüttelte mit ernstem Gesichtsausdrucke den Kopf, als sie sich überzeugen mußte, daß »die Braut« das Haus bereits verlassen habe, ohne sie auch nur eines flüchtigen Gutenachtgrußes zu würdigen, aber sie schwieg und ging dem Doktor nach in die Krankenstube, um noch einmal nach der Leidenden zu sehen, ehe sie sich in ihr Zimmer zurückzog.

Draußen vor dem Hause blieb Flora stehen, nachdem die Schritte des vorausgeschickten Bedienten auf der Brücke verhallt waren. Der durch die offene Hausthür fallende Schimmer der Flurlampe streifte schwach ihr Gesicht — es sah so ergrimmt, so leidenschaftlich beredt aus, als schwebe eine Verwünschung auf den halbgeöffneten Lippen. Mit unaussprechlichem Hohne glitt ihr Blick über den roten Ziegelfußboden und die weißen kahlen Wände drinnen, dann fuhr er die äußere Frontseite entlang, als wolle er das Gesamtbild der kleinen Besitzung noch einmal umfassen.

»Ja, ja, das wäre so etwas nach meinem Geschmacke gewesen — eine Hütte und ein Herz!« sagte sie mit einem steifen, drastisch ironischen Kopfnicken. »Einen Mann ohne Amt und Einfluß, über dem Kopfe eine spukhafte Spelunke, mitten im öden Felde, und ein isoliertes Zusammenleben zu dreien, für welches die schmale Revenue meines väterlichen Erbteils ausreichen müßte! Nie in meinem ganzen Leben habe ich empfunden, was es heißt, gedemütigt zu werden — heute zum erstenmal kam mir in der bedrückend armseligen Umgebung das Gefühl, als sei ich herabgezerrt worden von dem Piedestal, auf das mich makellos gute Herkunft, vornehme Gestaltung der äußeren Verhältnisse und die eigene geistige Begabung gestellt haben. Gott mag geben, daß sich Henriettens Krankheit nicht zum Schlimmsten wendet! Ich könnte ihr kein letztes Lebewohl sagen, denn mich sieht dieses Haus nicht wieder. Wahrhaftig, schmachvoller ist nie ein Mädchen betrogen worden als ich. — Ich möchte mich selbst ins Gesicht schlagen, daß ich so blind, so bodenlos unbefangen in diese Verhältnisse hineingetappt bin.«

Sie stürmte wie wahnwitzig der Brücke zu. Das Mondlicht, das sich wie ein dünner Silberschleier über das glitzernde Flußbett hinbreitete, floß schwach an ihr nieder, und der Wind, schon halb und halb zum Sturme gesteigert, fiel sie heftig an; er zauste an ihren Kleidern und blies ihr den atlasglänzenden Umhang vom Kopfe, und die gelösten Locken hoben sich wehend und schlangenhaft züngelnd über der weißen Stirn.

»Er gibt mich nicht frei, trotz meines Flehens und meiner Gegenwehr,« sagte sie, mitten auf der Brücke stehen bleibend, zu der Schwester, die ihr folgte und nun ohne weiteres an ihr vorüberschreiten wollte. »Du bist dabei gewesen — du hast gehört, was für entscheidende Worte gefallen sind. Er handelt ehrlos, erbärmlich, wie eine kalte Krämerseele, die den Untergang eines Betrogenen vollkommen ermißt und doch auf der Erfüllung des unheilbringenden Kontraktes besteht. Mag er — mag er sich zeitlebens mit dem Gedanken sättigen, daß ihm ein Schatten von Recht verblieben ist — ich bin von diesem Moment an frei.«

Sie hatte bei den letzten Worten den Verlobungsring vom Finger gestreift und schleuderte ihn weit hinüber in die rauschenden Fluten.

»Flora, was hast du gethan!« schrie Käthe auf und bog sich mit ausgestreckten Händen über das Brückengeländer, als könne sie den Ring noch erfangen. Er war versunken. Ob ihn die Wellen mit fortspülten, oder ob er liegen blieb auf dem Grunde, nahe dem Hause, in welchem das Unheil einzog, sobald warme, liebende Menschenherzen darin schlugen? Das junge Mädchen meinte, das blonde, tote Weib müsse aus dem glitzernden Wasserschwalle auftauchen und drohend das verächtlich fortgeschleuderte Symbol der Treue emporhalten. Schaudernd legte sie die Hand über die Augen.

»Närrchen, alteriere dich doch nicht, als sei ich selbst hineingesprungen mit Haut und Haar!« sagte Flora mit kaltem Lächeln. »Manche andere mit weniger Willens- und Widerstandskraft hätte es vielleicht gethan — ich werfe einfach den letzten Ring einer verhaßten Kette von mir.« Sie hob die Linke und strich wie liebkosend über den befreiten Ringfinger. »Es war nur ein schmaler, dünner Goldreif, ‚einfach‘, wie es der da drin« — sie nickte mit dem Kopfe nach dem Hause hin — »in seiner erkünstelten Spartanermanier zu lieben vorgibt, und doch drückte er grob wie Eisen. Nun mag er rosten da unten — ich fange ein neues Leben an.«