Ja, sie hatte die Last »abgeschüttelt, abgeschüttelt um jeden Preis«, wie sie schon immer gesagt. Das Schreckbild einer verhaßten Ehe versank, und dafür ging »die Sonne des Ruhmes« auf.
Flora flog davon, als brenne die Brücke unter ihren Sohlen. Käthe folgte ihr schweigend. In der Seele der jungen Schwester stürmte es erschütternd, sinnverwirrend; das klare, gesunde Urteil, mit welchem sie an die Menschen und Dinge heranzutreten pflegte, war verdunkelt; sie stand völlig steuerlos zwischen Recht und Unrecht, zwischen Wahrheit und Lüge. Gebärdete sich nicht das schöne Wesen da neben ihr, dieses personifizierte Gemisch von eklatantem Unrecht, von Uebermut und grausamer Willkür, so zuversichtlich und taktfest, als könne und dürfe es gar nicht anders handeln? Zertrat Flora nicht ihr gegebenes Wort, ihre Pflichten mit gutem Fug und Recht gerade so, wie sie jetzt mit ihren raschen Füßen über die Kiesel der Allee hinschritt? — —
Im Korridor der Villa meldete der Bediente den beiden Schwestern, daß die Frau Präsidentin Besuch habe; es seien zwei alte Damen zum Thee gekommen.
»Desto besser!« sagte Flora zu Käthe. »Ich bin wahrhaftig nicht in der Stimmung, heute noch die Scheherezade der Großmama zu spielen. Die alte Generalin hat immer die Taschen voll Klatsch und Stadtneuigkeiten; da ist man entbehrlich.«
Sie ging, wie sie sagte, für eine halbe Stunde hinein, um den Thee zu besorgen und sich dann mit ihrem »übervollen Herzen« zurückzuziehen. Käthe aber ließ sich mit Unwohlsein entschuldigen — war es doch auch, als woge ihr das fiebererregte Blut einer beginnenden Krankheit in Kopf und Herzen.
14.
Am andern Morgen herrschte reges Leben in der Villa Baumgarten. Gegen Mitternacht hatte eine telegraphische Depesche die Rückkehr des Kommerzienrates aus Berlin gemeldet, und eine Stunde später war er angekommen. Er hatte zwei Geschäftsfreunde mitgebracht, die in den Fremdenzimmern logierten. Die Gäste waren Koryphäen der Handelswelt; sie wollten nachmittags ihre Reise fortsetzen, und um ihnen Gelegenheit zu geben, auf der Durchreise mehrere ihrer Bekannten in der Residenz zu sprechen, hatte der Kommerzienrat in der Nacht noch ein großes Herrenfrühstück für den andern Morgen angeordnet. Köchin und Hausmamsell hatten vollauf zu thun, und die Bedienten liefen treppauf, treppab.