Der Kommerzienrat hatte in der Nacht noch ein großes Herrenfrühstück für den andern Morgen angeordnet. (S. 179.)
Käthe hatte die ganze Nacht schlaflos verbracht. Die am Tage empfangenen Eindrücke und die Sorgen um Henriette hatten sie nicht ruhen lassen. An dem einen Eckfenster ihres Zimmers hatte sie stundenlang gestanden und über die windgeschüttelten Parkbäume hinweggeforscht, ob nicht wenigstens eine im Mondschein flimmernde Spitze der Wetterfahnen auf dem Hause am Flusse zu sehen sei, aber es war wie versunken gewesen, das niedrige Haus, und still geblieben war es dort auch, obgleich Käthe jeden Augenblick gemeint hatte, es müsse jemand die Allee heraufkommen, um mit einer schlimmen Nachricht die Schlafenden in der Villa aufzurütteln.
Und vom andern Fenster aus hatte sie dann die Ankunft des Kommerzienrates mitangesehen. Im Nu, wie aus der Erde gestampft, waren die Dienstleute der Villa mit ihren Sturmlaternen um den Wagen postiert gewesen; die hellen Lichtflammen hatten die weißen Säulen des Portikus angestrahlt, hatten sich in dem silberfunkelnden Pferdegeschirre und den glänzenden Leibern der Goldfüchse gespiegelt und waren kräftig genug gewesen, auch das bronzierte, an der Promenade hinlaufende Gitter und mehrere herrliche Marmorfiguren aus dem Dunkel hervortreten zu lassen. Das alles hatte hocharistokratisch ausgesehen. Dann war der Kommerzienrat aus dem Wagen gesprungen, die stattliche, noch jugendlich elastische Gestalt in den eleganten Reisepelz gehüllt, in jeder seiner gebieterisch sicheren Bewegungen der reiche Mann, der eben noch reicher geworden, ein glänzender Komet, an dessen Fersen, magnetisch angezogen, der glitzernde Goldstrom sich hing. Er hatte seine Gäste in ihre Appartements geführt und erst gegen zwei Uhr das Haus mit dem voranleuchtenden Bedienten verlassen, um sich im Turme zur Ruhe zu begeben. Dann war es allmählich still geworden in der Villa, aber der Wind hatte sein Pfeifen und Blasen um das Haus fortgesetzt und den Schlaf von Käthes Augen verscheucht. Erst mit Tagesanbruch war sie eingeschlummert, zu ihrem großen Verdruß; denn nun hatte sie sich verspätet, und statt um sechs Uhr morgens, wie sie gewollt, das Haus am Flusse zu betreten, kam sie erst in der neunten Stunde dort an.
Es war ein schöner klarer Morgen. Der ungestüme Nachtwind hatte sich zu jenem südlich warmen Hauche gesänftigt, der den Duft der ersten Frühlingsblumen im Atem behält und der spröde zögernden Knospe schmeichelnd, aber beharrlich den braunen Schleier vom Gesichte zu ziehen suchte ... Auf des Doktors Hause zwitscherten die Vögel; das dunkle Geäst der Kirschbäume, das sich an die eine Hausecke schmiegte, erschien mit unerschlossenen, winzigen Blütenköpfchen zartweiß gesprenkelt, und vor der glanzvollen Morgenbeleuchtung konnten sich die sprossenden Halme im Rasengrunde auch nicht mehr verstecken — der ehemalige Bleichplatz schimmerte in einem schwachen jungen Grün.
Als Käthe die Brücke passierte, floß das Wasser sonnendurchleuchtet und klar bis auf den Grund unter dem morschen Holzbogen dahin, fast sanftmütig und friedlich — was Wunder! Die Wellen, die gestern den fortgeschleuderten Ring empfangen, hatten unterdes ein weites Stück Weges zurückgelegt und strömten dem Ozean zu — nur sie konnten erzählen von den verräterischen Frauenhänden, die so gewaltsam eine drückende Kette gesprengt.
Das Haus am Flusse hatte heute etwas eigentümlich Feierliches. Das rote Ziegelgetäfel in der Flur war mit feingesiebtem weißen Sande bestreut; der Duft einer feinen Räucheressenz schlug dem Eintretenden entgegen; auf dem kleinen Tische, nahe der Hausthür, lag eine frische Serviette, und darauf stand ein mächtiger Strauß von Tannenzweigen, Maikätzchen und Anemonen in einer altertümlichen großen Thonvase ... Und die alte, getreue Köchin war auch angekommen; sie stand schon in voller Thätigkeit, mit aufgestreiften Aermeln, die glänzend weiße Schürze über die derben Hüften gebunden, als sei sie nie fort gewesen, am Küchentische, und das gute, rotbackige Gesicht sah zufrieden und glücklich aus ... Warum aber erschien die Tante Diakonus heute, am frühen Morgen, im kaffeebraunen Seidenkleide, auf dem vollen Scheitel eine weiße Spitzenbarbe, und auch an Hals und Handgelenk mit Spitzen umkräuselt? Käthes Herz zog sich zusammen vor Weh und Angst — geschah das alles der Braut zu Ehren, die doch heute wiederkommen mußte, um die kranke Schwester zu besuchen?
Die alte Frau sagte kein Wort darüber. Sie schien nur sehr bewegt zu sein, und man sah es noch an den zartgeröteten Augenlidern, hörte es in der weichen Stimme, daß Thränen der Rührung geflossen waren. Sie teilte dem jungen Mädchen freudig mit, daß die Nacht für die Leidende gut verlaufen und der Anfall nicht wiedergekehrt sei.
Für diese beruhigende Nachricht küßte ihr Käthe die Hand, und da geschah das Seltsame, daß die sonst so zurückhaltende Frau plötzlich die Arme um die schöne, jugendliche Mädchengestalt schlang und sie wie eine Tochter zärtlich an das Herz zog. Dann führte sie die froh Erstaunte schweigend in das Krankenzimmer.
Henriette saß aufrecht im Bette und die Jungfer ordnete ihr ein wenig das reiche Haar unter dem Nachthäubchen, der Doktor aber hatte sich vor einer Stunde zurückgezogen, um zu ruhen ... Das schmale, langgezogene Gesicht der Kranken mit den fleischlos hervortretenden Backenknochen und den verhängnisvollen schwarzen Ringen unter den Augen hatte in der Nacht einen scharf hippokratischen Zug angenommen, der Käthe erschreckte, aber der Ausdruck der Züge war ein glücklicher. Sie konnte nicht genug beschreiben, wie aufopfernd der Doktor sie pflege, wie unsäglich wohl sie sich in der gemütlichen Fremdenstube fühle, und wie sie bei dem Gedanken schaudere, daß sie doch einmal wieder von da fort müsse. Sie bat Käthe, in die Villa zurückzukehren und ein Buch zu holen, das sie der Tante Diakonus versprochen habe — es sei in Floras Händen, die es ihr abgeborgt — dabei flüsterte sie der Schwester in das Ohr, sie möge dafür sorgen, daß Flora und die Großmama sie hier nicht allzu oft belästigten. Nicht die leiseste Ahnung hatte sie von dem, was sich gestern abend an ihrem Bette zugetragen, und daß durch ihre Schuld das so lange schwebende Ungewitter zum furchtbaren Ausbruch gekommen sei.