Auf Käthes Bitte trat Flora an ein Bücherregal und nahm das verlangte Buch herab. »Henriette wird doch nicht selbst lesen wollen?« fragte sie über die Schulter.

»Das würde Doktor Bruck schwerlich gestatten; die Frau Diakonus will das Buch lesen,« sagte Käthe mit ruhiger, kalter Stimme und nahm das Werk in Empfang.

Ein verächtliches Spötteln zuckte um Floras Mund; in ihren Augen blitzten Verdruß und Aerger auf; sie hielt es jedenfalls für eine nicht zu entschuldigende Taktlosigkeit von seiten der Schwester, daß sie diese Namen vor ihren Ohren noch laut werden ließ.

Käthe ging. Aber in demselben Augenblicke, wo sie die Thür öffnete, um das Zimmer zu verlassen, trat ihr der Kommerzienrat entgegen. Er sah prächtig, fast strahlend frisch aus, wenn er auch in sichtlich großer Aufregung kam.

»Dageblieben, Käthe!« rief er fast scherzhaft und breitete seine Arme aus, um sie zurückzuhalten. »Ich muß mich erst überzeugen, ob du heil und unverletzt bist.« Er schob sie in's Zimmer zurück, drückte die Thür in das Schloß und warf seinen Hut auf den Tisch. »Nun sagt mir um Gotteswillen, was ist Wahres an der haarsträubenden Geschichte, die mir eben mein Anton beim Ankleiden mitgeteilt hat?« rief er. »Die Leute haben einfältigerweise bei meiner Ankunft geschwiegen, um mir die Nachtruhe nicht zu stören, und ich habe mir eben dergleichen unzeitige Rücksichten für die Zukunft energisch verbeten.« Er fuhr sich mit beiden Händen durch das reiche Haar. »Ich bin ganz außer mir. Was muß die Welt von mir und meinem Taktgefühle denken! Henriette liegt auf den Tod krank, und ich arrangiere sorgloserweise ein Herrenfrühstück in meinem Hause. Ist's denn nur wahr, das Unglaubliche? Eine Schar Megären soll euch attackiert haben?«

»Nicht ‚uns‘, sondern ganz speziell mich, Moritz,« sagte Flora. »Henriette und Käthe haben eben nur mitleiden müssen, weil sie bei mir waren. Ich kann mir nicht helfen — den größten Teil der Schuld, daß es so weit gekommen, muß ich dir beimessen. Du mußtest schon bei den ersten feindseligen Kundgebungen ganz anders vorgehen; solch einer Rotte gegenüber ist ein entschlossener Mann stets Herr, wenn er's richtig anzufangen weiß. Aber bei deinen ewigen Rücksichten, um Gotteswillen nie und nirgends anzustoßen, bist du schwach —«

»Ja, schwach gegen euch, gegen dich und die Großmama,« fiel der Kommerzienrat ganz blaß vor Aerger ein. »Du vorzüglich hast nicht geruht, bis ich mein Wort zurückgenommen und dadurch meine Arbeiter unnötig gereizt habe. Bruck hat recht —«

»Ich bitte dich, verschone mich damit!« rief Flora dunkelrot vor Zorn. »Wenn du keine andere Autorität zu nennen weißt, auf die du dich berufst —«

Der Kommerzienrat trat ihr rasch näher und sah ihr erstaunt prüfend in die funkelnden Augen. »Wie, noch immer so feindselig, Flora?«

»Hältst du mich für so jammervoll schwachköpfig, daß ich meine Ansichten wechsele, wie man einen Rock aus- und anzieht?« fragte sie herb zurück.