»Das nicht, aber ist es nicht verwegen, der gebildeten Welt zum Trotz —«
»Was geht mich die Welt an?« Sie brach plötzlich in ein lautes Gelächter aus. »Die ganze gebildete Welt!« wiederholte sie. »Willst du mir sagen, wie du es möglich machst, sie mit deinem bedauernswürdigen Protegé in Verbindung zu bringen?«
Der Kommerzienrat faßte kopfschüttelnd ihre Hand; er war fast atemlos vor Ueberraschung. »Ja, wie ist denn das möglich? Weißt du denn noch nicht —«
»Mein Gott, was soll ich denn wissen?« unterbrach sie ihn ungeduldig mit ärgerlich gerunzelten Brauen und stampfte leicht mit dem Fuße den Boden.
Da wurde sehr rasch die Thür geöffnet, und die Präsidentin trat herein. Sie war einfach in penseefarbene Seide gekleidet. Ob die starke lila Nüance ihr Gesicht so gelb und alt machte, oder ob sie infolge der gestrigen Aufregung eine schlechte Nacht gehabt — genug, sie sah sehr verfallen und dabei unverkennbar tief alteriert aus.
Der Kommerzienrat eilte auf sie zu und küßte ihr ehrerbietig die Hand. Er betonte, daß er ihr schon vor einer halben Stunde habe seine Aufwartung machen wollen, aber zurückgewiesen worden sei, weil die Großmama das Schlafzimmer noch nicht verlassen und dort den Besuch der Hofdame von Berneck angenommen habe.
»Ja, die gute Berneck kam, um mir ihr Beileid auszusprechen über Henriettens Erkranken und das abscheuliche Attentat, dem Flora ausgesetzt gewesen ist,« sagte sie. »Wir werden heute einen anstrengenden Tag haben; die ganze Stadt ist aufgeregt über den Vorfall und die Freunde unseres Hauses sind empört; sie kommen sicher alle, um nach uns zu sehen.«
Sie sank matt in einen Lehnstuhl; ihre Stimme klang angegriffen und den Gebärden fehlte die Elastizität, die sie sonst noch so siegreich in ihrem Alter behauptete. »Uebrigens hatte die Berneck auch noch einen andern Grund, und der stand jedenfalls in erster Linie,« hob sie wieder an. »Ich kenne sie schon; sie ist eine von denen, die gar zu gern die ersten sein wollen, die eine sogenannte gute Nachricht hinterbringen, und da fragen sie nicht viel danach, ob sie ein Hofgeheimnis verletzen oder nicht. Denkt euch, sie kam, um mir insgeheim zu gratulieren, weil unserem Hause Heil widerfahren werde.« Sie erhob sich und verschlang die Hände ineinander. »Mein Gott, welches Dilemma! Ich weiß wirklich nicht, ob ich weinen oder mich freuen soll. Es ist ja trostlos niederschlagend, daß gerade bei Hof, der ein gutes Beispiel geben sollte, das alte Sprichwort vom Undanke immer wieder zur Wahrheit wird. Wie hat sich Bär zeitlebens aufgeopfert für die Herrschaften! Und jetzt geht man plötzlich über ihn hinweg, als habe der alte, treue Diener nicht existiert. Er ist noch so rüstig, so geistesfrisch, und doch — will man ihn pensionieren.«
»Und dazu gratuliert dir die alte Person?« rief Flora ärgerlich.
»Dazu selbstverständlich nicht, mein Kind,« entgegnete die Präsidentin, ihre Stimme verstärkend, mit großem Nachdrucke. »Flora, es geschehen wunderbare Dinge in der Welt. Hättest du das vor einer Stunde noch für möglich gehalten? Bruck soll Hofrat und Leibarzt des Fürsten werden.«