»Verrücktes Hofgeschwätz! Auf was alles werden wohl diese müßigen Köpfe noch verfallen! Sie kombinieren wirklich das Blaue vom Himmel herunter,« lachte Flora auf. »Hofrat und Leibarzt! Und solchen Blödsinn hörst du ruhig mit an, Großmama, und lässest dich auch noch beglückwünschen?« Sie brach abermals in ein schallendes Gelächter aus.

»Nun, das muß ich sagen, lebt man denn hier in der Residenz so weltenfern von der Zivilisation, daß keine Zeitungen gelesen werden?« rief der Kommerzienrat, die Hände zusammenschlagend. »Ihr wißt wirklich nichts, rein gar nichts von dem, was geschehen ist, was uns so nahe angeht? Und ich komme deshalb einen Tag früher zurück. Die Freude hat mir keine Ruhe gelassen. Alle Zeitungen sind voll von der wunderbaren Operation, die Bruck in L.....g ausgeführt hat! in allen Kreisen Berlins wird augenblicklich davon gesprochen. Der Erbprinz von R., der gegenwärtig in L.....g studiert, ist mit dem Pferde gestürzt; er ist so schwer und unglücklich am Kopfe verletzt gewesen, daß sich kein Arzt zu der Operation hat verstehen wollen, selbst der tüchtige Professor H. nicht. Dem aber ist es erinnerlich gewesen, daß Bruck im letzten Feldzuge einen ähnlichen Fall behandelt und zum Erstaunen aller glücklich durchgeführt hat. Darauf hin hat man ihn sofort telegraphisch berufen —«

»Und das soll dein Bruck, dein Protegé gewesen sein?« unterbrach ihn Flora. Sie versuchte zu lächeln, aber diese weiß gewordenen Lippen schienen versteinert, wie das ganze, plötzlich leichenhaft erblichene, schöne, impertinente Gesicht.

»Es war allerdings mein Bruck, wie ich ihn jetzt mit Stolz nenne,« bestätigte der Kommerzienrat mit sichtlicher Genugthuung. Er war ja so froh über diese glückliche Wendung. Zwar Skrupel hatte er sich längst nicht mehr gemacht über sein Verschweigen — der bereits halb vergessene grauenhafte Vorfall hatte ihn ruhig schlafen lassen; denn er war ein echtes Kind seiner Zeit, ein Egoist, der bei der Wahl: »Er« oder »Ich« keinen Augenblick im unklaren war, daß das »Ich« betont werden müsse. Aber nun war es doch gut, daß alles so gekommen, und Bruck sich durch eigene Kraft, wie er, der Kommerzienrat, ja voraus gewußt, wieder emporgerungen. »Uebrigens macht auch zu gleicher Zeit eine Broschüre von ihm unglaubliches Aufsehen in den medizinischen Kreisen,« fuhr er fort. »Er hat für die Operation im allgemeinen einen völlig neuen Weg entdeckt, der von unberechenbarer Tragweite sein soll. Es ist nicht mehr zu leugnen — Bruck geht einer großen Zukunft entgegen.«

»Wer's glaubt!« sagte Flora mit seltsam erloschener Stimme. Verzweifelt gespannt in jedem Gesichtszuge, glich sie einem Spieler, der sein Letztes auf eine Karte setzt. »Mit deinem hohlen Pathos überzeugst du mich nicht. Entweder liegt hier eine Namensverwechselung vor, oder — die ganze Wundergeschichte ist erfunden.«

Bei dieser hartnäckigen, trotzigen Behauptung büßte auch der Kommerzienrat seine sprichwörtlich gewordene Langmut ein, die er den Damen seines Hauses gegenüber jederzeit an den Tag legte. Er stampfte zornig mit dem Fuße auf und wandte sich ab.

Die Präsidentin stand am Tische und ließ ihre zwei weißen, welken Finger in nervöser Erregung auf der Tischdecke spielen. Ihre Augen fixierten unruhig die Enkelin. Sie begriff recht wohl, was in ihr vorgehen mußte, die den nun so gefeierten Mann so schmählich verkannt und verleumdet hatte. Es war eine jämmerliche Niederlage, aber gerade in solchen Momenten mußte die gut erzogene Weltdame sich ohne weiteres zurechtfinden können.

»Dein Sträuben wird dir wohl nichts helfen, Flora,« sagte sie gelassen. »Du wirst schließlich doch glauben müssen. Ich für meinen Teil — so wunderlich mir auch dabei zu Mute ist — zweifle nicht mehr. Der Herzog von D. ist der Mutterbruder des Erbprinzen; er mag wohl sehr erfreut und glücklich sein über die Rettung seines Neffen, denn gestern abend sah ich den D.schen Hausorden auf Brucks Schreibtische liegen.«

»Und das sagst du mir jetzt erst, Großmama?« schrie Flora wie wahnwitzig auf. »Warum nicht gestern noch? Warum hast du mir das verschwiegen?«

»Verschwiegen?« wiederholte die Präsidentin so geärgert, daß ihr Kopf in jenes leise nervöse Schütteln verfiel, das alten Leuten bei zorniger Erregung leicht eigen ist. »Wie impertinent! — Ich möchte wissen, was mich veranlassen könnte, dergleichen geheim zu halten, höchstens der Umstand, daß man in den letzten Monaten Brucks Namen vor deinen Ohren kaum noch nennen durfte. Ich habe das allerdings auch möglichst vermieden —«