»Weil mein Verhalten vollkommen nach deinem Geschmacke war, chère grand'mère —«
»Bitte recht sehr, nur weil es mir im Innersten widerstrebt, Zeugin leidenschaftlicher Ausbrüche zu sein. Du bist ja seine erbittertste Gegnerin, hast ihn schärfer gerichtet als die mißgünstigsten unter seinen Kollegen; das leiseste Bemühen, ihn zu entschuldigen, ruft stets heftige Szenen hervor. Der arme Moritz und Henriette wissen ein Lied davon zu singen. Und hast du nicht eben gezeigt, in welcher Weise du eine Nachricht aufnimmst, die zu seinen Gunsten spricht?« Wie tief gereizt mußte sie sein, daß sie — anstatt das fatale Vergangene nunmehr totzuschweigen, wie es sonst ihre Art war — noch einmal Floras häßliches Benehmen vor den Augen der anderen vorüberführte!
Flora schwieg. Sie stand am Fenster, den Rücken den Anwesenden zugekehrt; an ihren fliegenden Atemzügen sah man, daß sie heftig mit sich kämpfte.
»Sage mir doch, wann ich dir die Mitteilung hätte machen sollen!« fuhr die Präsidentin fort. »Vielleicht gestern, wo du beim Nachhausekommen kaum den Kopf zur Thür hereinstecktest, um meinem Besuche guten Abend zu bieten? Oder im Hause des Doktors selbst, wo ich keinen Augenblick mit dir allein war, und wo dich das pauvre Hauswesen deines Bräutigams in die übelste Laune versetzte?«
»Das war dein Kummer, liebe Großmama, wie du die Güte haben wirst, dich zu erinnern; was mich betrifft, so übertreibst du.«
Käthe öffnete weit die ehrlichen, braunen Augen vor Erstaunen über dieses kecke Verleugnen — das gestern gegen die »spukhafte Spelunke« geschleuderte Anathema klang noch in ihren Ohren.
»Mit dir ist schwer rechten; ich kenne dich schon. Bei aller bis zum Ueberdrusse an den Tag gelegten derben Wahrhaftigkeit verschmähst du doch die Schlupfwinkel des Leugnens nicht, wo es dir gerade paßt,« zürnte die Präsidentin und schob mit einer ziemlich heftigen Handbewegung das vor ihr auf dem Tische liegende Manuskriptenpaket weiter. Der Umschlag löste sich wieder, und der mit den »langbeinigen Krakelfüßen« geschriebene Titel kam zum Vorscheine.
»Ah, spricht das wieder einmal vor auf seinem Zickzackwege durch die Welt?« fragte sie und zeigte mit dem Finger auf die Papiere. Ihr Ton bewies, daß die Frau der weisen Mäßigung auch schneidend maliziös werden konnte. »Ich dächte, du gönntest ihm endlich die Ruhe im Papierkorb. Dieses fortgesetzte Angebot von seiten eines meiner Angehörigen und die konsequente Zurückweisung der Buchhändler wird mir nachgerade unerträglich. Ich möchte wissen, wie du es aufnehmen würdest, wenn eines von uns deine ‚hervorragende geistige Begabung‘ auch nur mit einem Worte anzweifeln wollte, und da lässest du es dir alle vier, fünf Wochen schwarz auf weiß sagen —«
»Echauffiere dich nicht unnötig, Großmama! Du könntest leicht irren, wie gewisse andere Leute auch,« unterbrach Flora sie zornbebend; ihr Blick streifte dabei entrüstet die junge Schwester. Der Backfisch hatte ja schon gestern abend ein ähnlich absprechendes Urteil mit angehört. »Du bist verstimmt, weil du an Bär eine einflußreiche Stimme bei Hofe verlierst; je nun, ich verdenke dir das im Grunde nicht, liebste Großmama, denn Bruck wird sich schwerlich dazu verstehen, deine kleinen Interessen bei unseren Herrschaften zu vertreten, vielleicht nicht einmal mir zuliebe; das ist fatal für dich, aber ich sehe trotzdem nicht ein, weshalb ich armes Opfer es nun ausbaden soll. Ich werde mir erlauben, mich zurückzuziehen, bis das Wetter im Hause wieder klar ist.« Sie raffte die auseinanderfallenden Blätter des Manuskriptes zusammen und verschwand wie eine blaue Wolke hinter der Thür ihres Ankleidezimmers.
»Die ist doch unberechenbar exzentrisch,« sagte die Präsidentin mit einem Seufzer. »Von ihrer Mutter hat sie nicht eine Ader; die war die Sanftmut und Fügsamkeit selbst ... Mangold hat sehr gefehlt darin, daß er sie so frühe die Honneurs in seinem Hause machen ließ. Ich habe genug dagegen geeifert, aber das war alles in den Wind gesprochen. Du weißt ja am besten, Moritz, wie obstinat Mangold sein konnte.«