Käthe schritt nach der Thür, um das Zimmer zu verlassen. Die allzufrühe Selbständigkeit war für Flora allerdings verderblich gewesen, das ließ sich nicht mehr leugnen, aber das junge Mädchen konnte es doch nicht mit anhören, daß ihrem verstorbenen Vater in so verletzender Weise der Vorwurf gemacht wurde, daß — er der Frau Schwiegermutter aus guten Gründen das Herrscheramt in seinem Hause verweigert habe.

Der Kommerzienrat folgte ihr und ergriff ihre Hand. »Du bist so blaß, Käthe, so schrecklich ernsthaft und still,« sagte er. »Ich fürchte, du stehst noch unter dem Eindrucke des gestrigen Vorfalles und leidest, armes Kind.« Das klang nichts weniger als vormundschaftlich.

»So verändert in der Gesichtsfarbe und so nachdenklich ist Käthe schon seit einigen Tagen,« warf die Präsidentin rasch ein. »Ich weiß, was ihr fehlt: sie hat Heimweh. Du darfst dich darüber nicht wundern, bester Moritz. Käthe ist an das Stillleben in kleinbürgerlichen Verhältnissen gewöhnt; dort wird sie vergöttert; um das reiche Pflegetöchterchen dreht sich schließlich alles in dem kleinen Hauswesen. Wir können ihr das mit dem besten Willen nicht bieten. Wir leben zu sehr in der Welt; unsere gesellschaftlichen Formen, die Elemente unserer Kreise sind so ganz andere, daß sie sich bei uns entschieden unbehaglich und bedrückt fühlen muß.« Sie trat näher und streichelte mit linder Hand die Wange des jungen Mädchens. »Hab' ich nicht recht, mein Kind?«

»Es thut mir leid, aber ich muß ‚nein‘ sagen, Frau Präsidentin,« versetzte Käthe mit ihrer festen Stimme; dabei bog sie den Kopf mit einer entschiedenen Bewegung zurück — es nahm sich aus, wie ein Protest gegen jegliche fernere Liebkosung. »Ich werde nicht vergöttert, und es dreht sich auch nicht alles um ‚den Goldfisch‘;« — sie lachte leise und schalkhaft auf — »der arme Goldfisch spürt die Zügel einer konsequenten Erziehung mehr als je; ein Versehen im Hauswesen wird mir weit schwerer verziehen, seit ich die reiche Erbin bin. Und so bedrückend fremd, wie Sie meinen, sind mir die vornehmen Elemente Ihrer Kreise auch nicht. Der Staatsminister von B. ist einer der Auserwählten, die zu dem kleinen Abendzirkel meiner Pflegeeltern gehören. Unser Salon ist freilich so eng, daß keine Spieltische aufgestellt werden können, aber einige Professoren der Akademie, Freunde des Doktors, halten interessante Vorträge; öfter kehren auch musikalische Celebritäten bei uns ein, und dann wird unverdrossen, mit wahrer Lust auf meinem schlechten Pianino musiziert.« Um ihre Lippen schwebte wieder der ganze Liebreiz jugendlicher Heiterkeit, aber auch ein Zug von Sarkasmus trat hervor — sie hatte in der That eine »streitbare Ader« in sich.

»Ich bin, Gott sei Dank, so erzogen, daß ich dem Heimweh nicht die geringste Macht einräume, sobald ich weiß, daß ich irgendwo nötig bin,« wandte sie sich an den Kommerzienrat. »Damit lasse dich nicht schrecken, Moritz! Erlaube mir vielmehr, auf unbestimmte Zeit hier zu bleiben — Henriettens wegen!«

»Mein Gott, ich habe ja selbst keinen andern Wunsch, als dich hier zu behalten,« rief er mit einem Feuer, das selbst dem jungen Mädchen verwunderlich erschien.

Die Präsidentin stand wieder am Tische und ließ die Blätter eines vor ihr liegenden Buches unter ihrem Daumen hinlaufen, und die gesenkten Augen hingen so nachdenklich an diesem Spiel, als sehe und höre sie nichts anderes. »Es versteht sich ja von selbst, daß du bleibst, so lange es dir gefällt, meine liebe Käthe,« sagte sie gleichmütig, ohne aufzusehen. »Nur darf dieses Bleiben beileibe nicht den Anstrich einer Aufopferung erhalten; dagegen müssen wir uns entschieden verwahren. Nanni pflegt unsere Kranke musterhaft, und auch meine Jungfer ist angewiesen, nachts beizuspringen, wenn es nötig ist. Du könntest sie ohne Sorge verlassen.«

»Mag doch das Motiv sein, welches es will, teuerste Großmama, es genügt, daß Käthe in unserer Mitte zu bleiben wünscht,« fiel der Kommerzienrat lebhaft ein — er konnte den Blick nicht wegwenden von dem Mädchen, das sich unverkennbar die eigene Ueberzeugung durch beschwichtigende Worte nicht übertäuben ließ. »Sieh, im frohen Vorgefühl, daß wir dich hier behalten werden, mein Kind, habe ich den neuen Flügel —« Er unterbrach sich und küßte ekstatisch Daumen und Zeigefinger der rechten Hand. »Du bekömmst ein Instrument, Käthe, gegen welches das drüben im Musiksalon ein Klimperkasten ist; ich habe es, sage ich, gleich direkt hierher dirigiert.«

»Aber, Moritz, so ist das nicht gemeint,« rief das junge Mädchen rückhaltlos mit großen, erschrockenen Augen. »Gott bewahre mich! Dresden ist und bleibt meine Heimat, und die Villa Baumgarten meine Besuchsstation;« — sie lachte mit ihrem ganzen Mutwillen auf — »soll ich den Flügel immer als Gepäckstück mitschleppen?«

»Ich bilde mir ein, daß du eines Tages in Bezug auf Dresden ganz anders denkst,« versetzte er mit einem feinen, ausdrucksvollen Lächeln. »Der Flügel wird morgen hier eintreffen und bis auf weiteres in deinem Zimmer placiert werden.«