Die Präsidentin klappte den Deckel des Buches zu und legte die schmale, weiße Hand darauf. »Du triffst andere Dispositionen, als ausgemacht war,« sagte sie anscheinend gelassen. »Das bringt mich zwar sehr in Verlegenheit, aber ich bescheide mich gern. Ich werde heute noch an die Baronin Steiner schreiben, daß ihr für den Monat Mai angekündigter Besuch unterbleiben muß.«
»Aber ich sehe nicht ein, weshalb —«
»Weil wir sie nicht unterbringen können, bester Freund. Käthes Zimmer war für die Gouvernante bestimmt, die sie mitbringen wollte.«
Der Kommerzienrat zuckte die Achseln. »Dann thut es mir leid — meine Mündel bleibt selbstverständlich, wo sie ist.«
Er opponierte! Er wagte es, mit kühler Ruhe in das zornblitzende Auge der empörten alten Dame zu sehen und es natürlich zu finden, daß die Frau Baronin von Steiner Käthe weichen müsse — er, der sonst Himmel und Erde in Bewegung setzen mochte, der kein Opfer scheute, wenn es galt, vornehme Gäste in sein Haus zu ziehen! Es wich von ihm plötzlich der im Verkehr mit exklusiven Kreisen angeflogene feine Lack der Außenseite, und die plumpe, gemeine Natur des Parvenü kam zum Vorschein. Er war ja nun selbst von Adel, und dazu reicher als die meisten seiner jetzigen Standesgenossen — hatte er doch eben wieder eine immense Goldernte eingeheimst — er konnte herausfordernd auf seine Tasche klopfen und — er that es.
Die alte Dame biß sich auf die Lippe. »Ich werde unverzüglich die nötigen Schritte thun,« sagte sie und nahm ihre Schleppe auf, um zu gehen. »Beneidenswert ist die Situation, in die ich ohne mein Verschulden gedrängt bin, durchaus nicht — das muß ich sagen,« warf sie mit hochgezogenen Brauen in bitterem Tone über die Schulter hin.
»Und das um meinetwillen?« rief Käthe und trat mit ausgestreckter Hand einen Schritt näher, um das Hinausgehen der Präsidentin zu verhindern. »Moritz, es kann doch dein Ernst nicht sein, daß ich junges Ding die Freunde der Frau Präsidentin verdrängen soll? Das geschieht ganz gewiß nicht. Habe ich denn nicht mein eigenes Heim? Ich quartiere mich sofort in der Mühle ein, wenn Frau von Steiner kommt.«
»Das wirst du bleiben lassen, meine liebe Käthe; dagegen protestiere ich selbst mit allen Kräften,« versetzte die Präsidentin mit vornehmer Kälte, und jetzt brach aller Hochmut, der dieser stolzen Weltdame innewohnte, aus ihren Augen. »Ich bin gewiß tolerant — deine verstorbene Mutter hat sich nie über Unfreundlichkeit meinerseits zu beklagen gehabt, aber ein solch intimer Verkehr zwischen Villa und Mühle, ein solch ungeniertes ‚Hinüber und Herüber‘ widersteht mir denn doch in tiefster Seele, am allerwenigsten aber möchte ich diese Beziehung der scharfen Kritik meiner sehr streng denkenden Freundin ausgesetzt wissen.« Sie neigte steif grüßend den Kopf. »Ich bin im blauen Salon zu finden, wenn du mir die Herren vorstellen willst, Moritz.« Damit ging sie hinaus.
Der Kommerzienrat wartete mit spöttischer Miene, bis das Rauschen der Seidenfalten draußen verklungen und die entgegengesetzte Thür im Musikzimmer sehr hörbar zugefallen war, dann, indem sich seine Lippe höhnisch hob, lachte er leise in sich hinein.
»Da hast du deine Lektion, Käthe!« sagte er. »Gelt, es stecken recht scharfe Krallen in den Samtpfötchen. Ja, kratzen kann sie, die alte Katze, daß es eine Art hat. Ich armer Tropf könnte Wundenmale genug aufweisen, aber, Gott sei Dank, ihr Schicksal erfüllt sich endlich auch. Sie erlebt das Schlimmste, das ihr passieren kann: sie wird ungefährlich. Mit Bärs Pensionierung ist ihr Einfluß bei Hofe und in der Gesellschaft gebrochen.« Er rieb sich die Hände in lächelnder, unaussprechlicher Befriedigung. »Du weichst nicht um eine Linie, lieb' Herz! Du hast mehr Rechte in meinem Hause als alle anderen zusammen — merke dir das!«