Er wurde unterbrochen. Ein eintretender Diener meldete, daß die fremden Herren in der Bel-Etage den Herrn Kommerzienrat erwarteten. Eiligst griff Moritz nach seinem Hute; er wollte Käthe den Arm reichen, aber diese schlüpfte verlegen an ihm vorüber, hinaus in den Korridor. Der Herr Vormund mit der befremdenden Zärtlichkeit in Ton und Gebärden gefiel ihr ganz und gar nicht; seine kühlen, geschäftsmäßigen Briefe waren ihr lieber gewesen. Und welche merkwürdige Veränderung war sonst noch mit ihm vorgegangen! Unwillkürlich dachte sie an ihren neulichen Empfang in diesem Hause; noch hörte sie den ängstlichen Flüsterton, mit welchem der Kommerzienrat sie auf den Respekt hingewiesen, den sie der Präsidentin schulde, und jetzt machte er unehrerbietige Mienen hinter ihrem Rücken und fing an, ihrer bisher wirklich unumschränkten Machtvollkommenheit in seinem Hause unliebsame Grenzen zu ziehen. Das alles erschreckte das junge Mädchen, war ihr unbegreiflich und so unheimlich wie das dunkelpurpurne Zimmer voll dumpfer Luft und Bücherstaub, dem sie jetzt tiefaufatmend den Rücken wandte, um in das Haus am Flusse zurückzukehren.
15.
Das Krankenzimmer im Doktorhause sah am Nachmittag genau so aus wie gestern, als man Henriette hineingetragen. Auf ihre leidenschaftlichen Bitten hin hatte der Doktor die vornehmen Eindringlinge aus der Villa wegschaffen lassen. Draußen in der weiten Flur, auf dem roten Backsteingetäfel standen sie in Reih' und Glied, die apfelgrünen Lehnstühle, der elegante Ofenschirm, und um die einfache Thonvase mit dem Tannenstrauß gruppierte sich das vergoldete Waschgeschirr. Das Steingut war wieder zu Ehren gekommen, und die altmodischen Polsterstühle mit ihren schwarzen Serge-Bezügen standen an ihrem ehemaligen Platze. Dagegen sprang das erfrischende Silbergefunkel der kleinen, zerstäubenden Zimmerfontäne aus einem Kranz von grünen Topfgewächsen, und auf einem Tische stand der große Käfig mit Henriettens Kanarienvögeln, den man auf den sehnsüchtigen Wunsch der Kranken aus der Villa herübergeschafft hatte. Die flinken, goldgelben Geschöpfchen schlüpften, wie daheim, ungeniert aus und ein; sie umschwirrten das Bett, holten Zuckerkrumen aus den wächsernen Fingern der kranken Herrin und wiegten sich auf den schwebenden Blumenampeln an der Zimmerdecke.
Nanni, die Kammerjungfer, war gegen Mittag entlassen worden, damit sie in der Villa ausschlafen könne, und die Tante Diakonus hatte die Pflege für die Tagesstunden übernommen. Die alte Frau war noch im braunseidenen Kleide, aber sie hatte eine breite weiße Leinenschürze darüber gebunden, um das Seidengeräusch zu dämpfen.
Henriette wußte bereits um die Wandlung, die sich so plötzlich vollzogen. Die Jungfer war von draußen hereingekommen und hatte ihr zugeflüstert, daß eben ein Herr vom Hofe in der Flur feierlich von der Frau Diakonus empfangen und in das Zimmer des Doktors geführt worden sei. Ein Herr vom Hofe bei Bruck, der zuletzt nur noch Armenarzt gewesen war! Dazu hatten die festliche Toilette der Tante, ihr freudig verklärtes Gesicht die Aufmerksamkeit der Kranken erregt; sie war unruhig geworden und hatte mit Forschen und Fragen nicht nachgelassen, bis sich der Doktor an ihr Bett gesetzt und ihr in seiner ruhigen, einfachen Art und Weise Mitteilung von den Vorgängen gemacht hatte. Das alles war geschehen, während Käthe in Floras Zimmer dem Auftritte beiwohnte, den die Hofdame von Berneck und der Kommerzienrat mit ihrer blitzartig einschlagenden Neuigkeit hervorgerufen hatten.
Nachmittags saß Käthe am Krankenbett. Der Doktor war zu einer Audienz beim Fürsten befohlen und die Tante hatte sich für eine halbe Stunde freigemacht, um einige häusliche Anordnungen zu treffen; die beiden Schwestern waren zum erstenmal wieder allein. Auf Henriettens Gesicht lag ein wahrer Glanz unausgesprochener Freude und Glückseligkeit; Ruhe und Schweigen war ihr auferlegt worden. Der Doktor hatte ihr streng verboten, nochmals den Jubel laut werden zu lassen, in welchen sie bei seiner Mitteilung ausgebrochen war und der ihn tief erschreckt hatte. Sie war auch folgsam gewesen und hatte weder ihn noch die Tante im Laufe des Tages mit weiteren Fragen belästigt, aber jetzt, wo die ernsten Augen des Arztes nicht warnten, wo die Thür hinter der ängstlich besorgten Frau zugefallen war, jetzt richtete sie sich plötzlich in den Kissen auf. »Wo bleibt Flora?« fragte sie gespannt und hastig flüsternd.
»Du weißt, daß die Großmama von Stunde zu Stunde herübersagen läßt, der Boden brenne ihr unter den Füßen, aber sie könne nicht fort, man sei drüben von Beileidsvisiten dermaßen umringt, daß ein Losmachen sich noch immer nicht bewerkstelligen lasse.«