»Mein Gott, die Großmama!« wiederholte die Kranke geärgert und sich ungeduldig herumwerfend. »Wer verlangt denn nach ihr? Mag sie doch drüben bleiben. Ich spreche von Flora!«
Henriette verschlang die Hände fest ineinander und hob sie mit einer leidenschaftlichen Gebärde empor. »Käthe, ist das eine glanzvolle Rechtfertigung! Gott sei Dank, daß ich sie erleben durfte! Wenn nur Bruck sich nicht hineinreißen läßt, auf seinem Rückwege vom Schlosse in der Villa einzukehren! — Hier, vor meinen Augen muß ihm Flora zum erstenmal wieder gegenüber stehen, hier. Ich lechze danach, sie im Staube vor ihm zu sehen.«
»Rege dich nicht auf, Henriette!« bat Käthe mit zitternder Stimme.
»Ach was — laß mich reden!« entgegnete sie hastig. »Wenn Bruck nur wüßte, zu welchen Qualen er mich verurteilt mit seinem Sprechverbot! Die unterdrückte innere Aufregung beklemmt mir die Brust bis zum Zerspringen, genau wie gestern der Sturm, der sich dann so erschreckend Luft machte.« — Sie stützte den Ellenbogen und vergrub die Hand in dem reichen Blondhaar, von dem sie längst das Batisthäubchen weggeschüttelt hatte. »Weißt du noch, wie Flora die Reise, von der Bruck berühmt zurückgekehrt ist, höhnisch und verwegen ihm in das Gesicht hinein eine Vergnügungstour nannte?« fragte sie und sah unter der gesenkten Stirne hervor mit Augen voll Erbitterung zu der Schwester auf; sie verfiel in denselben Ton wie gestern in ihren wilden Fieberphantasien, die eine so furchtbare Entscheidung herbeigeführt hatten. Käthe schauerte in sich zusammen. »Erinnerst du dich, wie sie Moritz schalt und verlachte, weil er der Wahrheit nahe kam und vermutete, daß Bruck an ein Krankenbett nach L.....g gerufen sein könne? Nein, und wenn sie auf den Knieen Abbitte leistet, sie kann diesen Frevel, diesen beispiellosen Uebermut kaum sühnen. Nur einen einzigen Blick möchte ich jetzt in ihre Seele thun. Welche niederschmetternde Beschämung! Sie kann beim ersten Begegnen die Augen weder zu ihm, noch zu uns aufschlagen.«
Käthe hatte die Hände im Schoß gefaltet und die Wimpern lagen tief auf ihren Wangen, als sei sie die Schuldige. Das leidenschaftlich erregte Mädchen da vor ihr ahnte nicht, daß diese erste Begegnung nicht mehr stattfinden konnte, daß sich Floras Fuß nie wieder in »die spukhafte Spelunke« verirren würde. Sie wußte so wenig wie alle anderen, daß sich die Braut gewaltsam befreit, daß das Symbol des geschlossenen Bundes, der »einfache« Goldreif, draußen im Flusse liege, wenn ihn nicht die Wellen längst fortgespült hatten.
»So sprich doch auch ein Wort!« grollte Henriette. »Du mußt Fischblut in den Adern haben, daß dich die Vorgänge so ruhig lassen. Freilich, du hast noch keinen besonders tiefen Einblick in die Verhältnisse thun können, und den Persönlichkeiten gegenüber magst du auch noch nicht den richtigen Standpunkt einnehmen. Bruck z. B. kann dich kaum interessieren; du siehst ihn zu selten und hast sicher noch keine zehn Worte mit ihm gesprochen, aber du bist doch schon Zeuge von Floras abscheulichen Rücktrittsmanövern gewesen, hast die herzlosesten Aussprüche von ihren Lippen gehört — ich sollte meinen, so viel Gerechtigkeitsgefühl, so viel Verlangen — ich möchte sagen ‚Durst‘ nach gerechter Strafe, nach einem rächenden Ausgleich müsse in jeder gesunden Menschennatur liegen.«
Jetzt sah Käthe mit einem seltsam flimmernden Blick auf; das war sicher kein Fischblut, das in so jäh emporschießender Welle Stirn und Wangen, selbst den runden, schneeweißen Hals heiß und purpurn färbte; es wallte unbezwinglich auf und ließ sie einen Augenblick völlig vergessen, daß sie am Krankenbett sitze und als gewissenhafte Pflegerin auf kein erregendes Thema eingehen dürfe. »Und wenn dieses Rachewerk sich wirklich vollzieht, wenn Flora beschämt ihren Irrtum zugibt, welchen Wert könnte diese Umkehr für den beleidigten Mann haben?« fragte sie gepreßt. »Flora hat ihm, wie du selbst sagst, ihre Abneigung unverhohlen gezeigt, und wenn er in den Fürstenstand erhoben würde, es könnte doch unmöglich den Widerwillen in Liebe zurückverwandeln.«
»Bei einer so eitlen, ehrgeizigen Seele, wie Flora, ohne weiteres,« versetzte Henriette in bitter verächtlichem Ton. »Und Bruck? Du wirst sehen, er geht bei ihrer ersten Annäherung über das Geschehene hinweg, als sei es nie gewesen.« — Den Kopf zurücklehnend, schloß sie einen Moment die Augen. — »Ja, wenn die Liebe nicht wäre, dieses ewig unlösliche Rätsel!« sagte sie halb flüsternd vor sich hin. »Und er liebt sie wie vordem; wie ließe sich sonst sein Ausharren, sein geduldiges Ertragen erklären?« Sie hob die Wimpern wieder, und ein Gemisch von tiefem Schmerz und bitterer Ironie brannte in ihren unirdisch glänzenden Augen. »Und wenn ihn aus ihrem schönen Gesicht ein Teufel anblickte, und wenn ihre Hände nach ihm schlügen, er würde sie doch lieben und diese Hände zärtlich küssen.« Das Lächeln, das so scharfe Linien in ihre abgezehrten Wangen grub, hatte etwas Herzzerreißendes; sie suchte es auch zu verbergen, indem sie das Gesicht in die Kissen drückte. »Ihre Umkehr wird mithin hohen Wert haben,« sagte sie nach einer momentanen Pause entschlossen, mit gewaltsam beherrschter Stimme; »er wird glücklich werden, und deshalb muß auch von unserer Seite alles geschehen, daß die Zeit der Verirrung nie mehr berührt wird.«
Käthe sagte kein Wort mehr. Die Kranke erwartete mit kaum bezähmbarer Ungeduld den Moment, wo sie den Mann, den sie als ihren Arzt vergötterte, wieder glücklich sehen würde. Was sollte werden, wenn Flora nicht kam, wenn Henriette endlich erfahren mußte, daß die treulose Braut der langen Qual eigenmächtig ein rasches, gewaltsames Ende gemacht hatte? »Dann wirst du unseren Namen nie mehr auf die Lippen nehmen,« hatte Henriette gestern in ihren Fieberphantasien gegen Bruck geklagt. In Käthes Seele dauerte der chaotische Zustand fort, der sie schon gestern abend betroffen gemacht. Die Gesetze der Moral hatten ein scharfes Gepräge für sie, und sie war noch unerfahren genug, Lohn und Strafe stets als gerechte Folgen vorausgegangener Handlungen zu denken — und nun in diesem wunderlichen Weltgetriebe wurde alles Ernstes gewünscht und gehofft, daß unerhörter Uebermut und systematische Pflichtverletzung nicht nur straflos ausgehen, sondern auch noch eines seltenen Glückes teilhaftig werden sollten. Man bemühte sich, das Vergehen totzuschweigen; man hätschelte die Sünderin und dankte ihr womöglich auf den Knieen für ihre Umkehr, die, wenn sie wirklich erfolgte, nicht einmal wahre, innere Reue, sondern nur durch den Umschwung der äußeren Verhältnisse hervorgerufen worden war. Und er, den sie moralisch mit Füßen getreten, nahm er sie wirklich augenblicklich wieder an sein Herz, wenn sie sich herabließ, zu ihm zurückzukehren? Ganz sicher; hatte er sie doch nicht freigegeben, selbst nachdem sie ihm erklärt, daß sie ihn hasse. Jetzt fühlte Käthe einen mächtigen Zorn in sich aufglühen gegen die unselige Schwachheit, die einen Mann so erbärmlich, so unmännlich handeln ließ. Sie hätte so recht von Herzen ihren Groll ausweinen mögen über diese Erfahrung, die ihr das Leben und sogar die schöne, strahlende Welt für einen Augenblick verdunkelte, aber sie verbiß trotzig das wunderliche Schmerzgefühl und saß äußerlich fast noch »fischblütiger« da als vorher. Weinen? Was ging sie denn die ganze abstoßende Geschichte weiter an? Sie hatte nun nichts, gar nichts mehr dabei zu bedenken als das Hochzeitsgeschenk für die Schwester — etwa einen Teppich oder ein Sofakissen — das sie nunmehr schleunigst anfangen müsse, wenn wirklich die Hochzeit zu Pfingsten stattfinden sollte.