Die Tante kam herein, legte einen frischgebrochenen Syringenzweig voll junger Blätter auf die Bettdecke und brachte der Leidenden einen Gruß vom Frühling, der gar so golden, so helltönig und würzig draußen hinziehe und einen wahren Genesungsbalsam in seinem Atem trage. Sie bestand darauf, ihren Platz am Bett wieder einzunehmen, und erklärte Käthes Anwesenheit im Krankenzimmer für den Moment als vollkommen überflüssig; draußen im Garten möge sie sich ein wenig Bewegung machen und frische, sonnige Gottesluft atmen, das thue ihr sichtlich not; die gestrige Alteration und Anstrengung sei noch auf ihrem Gesicht zu lesen.
Das junge Mädchen ging rasch hinaus. Ja, Luft und Sonnenschein, das waren zwei gute Freunde, die ihr stets das Gefühl innerer Kraft und des Jungseins wonnig zum Bewußtsein brachten, die den Blick klärten und alles angekränkelte Empfinden über den Haufen bliesen. Und die Tante hatte recht, die Welt war so maienhaft, so blütenverheißend, und die schwach wehende, sonnentrunkene Luft hauchte »Genesungsbalsam« in Leib und Seele. Käthe trat hinaus auf die Freitreppe; ihr schöner Busen wogte in tiefen, zitternden Atemzügen. Sie hob und streckte unwillkürlich die Arme, die fest und doch mädchenhaft gerundeten mit den stählernen Muskeln. Und die Stufen hinabsteigend, ließ sie den Blick in die blaue Ferne hinausfliegen, über das niedere Staket hinweg, über die Wiesengründe draußen, über das sie durchschneidende, rasch strömende Gewässer mit den Dorfhäusern und Kirchtürmen an seinen fernen Ufern — wunderliches Menschenherz, das angesichts dieser Herrlichkeit doch so gepreßt blieb!
Und dort, vom Holzschuppen her, der am Gartenzaun stand, klang liebliches Gezwitscher, und blauschwarzes Gevögel mit metallisch funkelndem Rücken und rostbrauner Kehle tummelte sich um die offene Bodenluke — die ersten Schwalben waren da. Die Bodenluke war ihr alter Nistplatz. Käthe hatte schon als Kind, im Grase liegend, ihr Aus- und Einfliegen beobachtet, aber wie einsam und verloren hatte damals das Zwitschern geklungen in das eintönige Wellengemurmel und die um das verschlossene Haus webende, atemlose Stille hinein, die hier und da das Fallen einer reifen Frucht von den Obstbäumen unterbrach! Jetzt schmetterten auch vornehme, verzogene Stubenvögel aus den offenen Fenstern; der Rauch des Herdfeuers zog hoch droben als dünner, sonnenvergoldeter Schleier über den Rasenplatz hin; am Schuppen stand auch das Hundehaus, und der ungebärdige, struppige Köter riß an seiner Kette und schnappte nach einem schönen lichtgelben Huhn, das sich dummdreist immer wieder in seine Nähe wagte, um einige versprengte Getreidekörner aufzulesen. Die Köchin hatte auf Wunsch der Tante Diakonus einen prächtigen Hahn und fünf Hennen aus ihrem Dorfe mitgebracht — es sollte alles werden wie im alten, lieben Pfarrhause.
Käthe scheuchte die krakelnde Henne aus dem Bereiche des zornig knurrenden, gereizten Hundes und wandelte langsam unter den Obstbäumen hin. Der vorjährige, dürre Graswuchs zu ihren Füßen erschien da und dort gesprenkelt mit jener Bläue, die selbst das älteste, verdrossenste Menschenauge noch aufleuchten macht — die ersten Veilchen blühten, und das große, stattliche Mädchen bückte sich so emsig danach, wie es einst kaum der kleine Rücken des Müllermäuschens gethan ... Fast verwundert dachte sie jetzt daran, daß sie ja eigentlich als einzige Erbin ihres Großvaters vor wenigen Wochen noch Herrin hier gewesen sei; das Kapital, das der Doktor für die kleine Besitzung hingegeben, gehörte ihr — es lag wohl auch in dem bewußten eisernen Schranke, das mühsam ersparte, redlich erworbene Scherflein, vermischt mit dem Reichtume, den der Kornwucher aufgehäuft. Sie schrak zusammen und verschüttete unwillkürlich die gepflückten Veilchen auf den Rasen. Das schneidende Gefühl namenloser Demütigung und erlebter Schande überkam sie, wie gestern inmitten der erbitterten Weiberschar. Da hatte sie noch im ersten Aufschrecken gegen die entsetzliche Beschuldigung protestiert, aber nun, so oft das harte, mürrische, grobe Gesicht ihres Großvaters vor ihr auftauchte, mußte sie sich eingestehen, daß er recht wohl das grausame Wort von den »pfeifenden Mäusen« gesagt haben konnte; sie ballte in stummer Qual krampfhaft die Hände. Daß sie mütterlicherseits aus den untersten Schichten der Gesellschaft stamme, wußte sie ja; nie war ihr auch nur der Wunsch gekommen, daß es anders sein möchte — sie leitete vielmehr ihre prächtige Mitgift, Kraft und tadellose Gesundheit, dankbar von »dem Großmütterlein« her, das in frischer Waldluft mit kräftigem Arme die Holzaxt geschwungen, aber die Gemeinheit der Gesinnung, die Brutalität, mit welcher der ehemalige Müllerknecht einen erbarmungslosen Druck auf die Armut ausgeübt, um zu einem großen Vermögen zu gelangen, erfüllten sie mit Ekel und Abneigung, und an den eisernen Spind mit seinen aufgespeicherten Schätzen mochte sie gar nicht mehr denken.
Ohne es zu wissen, war sie, am Flusse hingehend, in einen förmlichen Sturmschritt verfallen. Da, wo der Zaun das Grundstück begrenzte und mit seinem Weißdorngeflecht noch ein Stück des abschüssigen Ufers hinablief, blinkten weiße Glasscherben, die Splitter des kleinen Glases, aus welchem sie gestern abend die nervenberuhigende Mischung getrunken. Die Köchin hatte die Trümmer, an welche sich eine beschämende Erinnerung für das junge Mädchen knüpfte, achtlos hingeworfen, damit das Wasser sie mit fortnehme. Ein schmerzlicher Stich durchfuhr Käthes Herz und brennende Thränen traten ihr in die Augen, wie jedesmal, wenn sie an die gestrige Szene im Zimmer des Doktors dachte. Sie hatte sich mit ihrem »tollen Kopf« entsetzlich blamiert. Und wenn der milddenkende, feinfühlende Mann auch sofort ein beschwichtigendes Wort, eine Entschuldigung für sie auf den Lippen gehabt, innerlich hatte er doch jedenfalls verwundert lächeln müssen über »die große, körperstarke Person« mit den kindisch schwächlichen, sentimentalen Vorstellungen in ihrem Gehirn. Aber solch eine Uebereilung ihres bis zur Schwachheit mitleidigen Herzens passierte ihr auch gewiß nicht wieder! Lieber wollte sie für grausam, boshaft, ja, für eine böse Sieben gelten. Und der Doktor sollte gewiß nicht wieder über sie lächeln — ah, dazu fand er auch bald genug keine Veranlassung mehr. Wie lange noch, da wurde Henriette in die Villa zurückgebracht; die Verbindung zwischen »hüben und drüben« wurde abgebrochen, und der Doktor »nahm nicht einmal mehr die Namen derer in der Villa auf die Lippen«. Nach allem, was gestern abend geschehen, was sie als einziger Zeuge mit angehört, mit angesehen, war die gehoffte Umkehr Floras unmöglich, mochte Doktor Bruck auch mit aller Energie auf seinem Rechte bestehen — heute noch mußte er die Ueberzeugung gewinnen, mußte sich alles entscheiden, wenn die Braut ausblieb. Oder that er doch, was Henriette befürchtete? Hatte er das Verlangen nicht unterdrücken können, bei seiner Rückkehr vom fürstlichen Schlosse in der Villa einzukehren, um Flora von der glücklichen Wandlung in seinem Leben nunmehr persönlich in Kenntnis zu setzen? Dann sagten ihm die zwei kleinen Brillantringe an ihrem Finger sofort, und zwar deutlicher als jedes erklärende Wort, was er noch zu hoffen habe.
Käthe lief in diesem Augenblicke vom Ufer weg auf den Rasengrund zu; ein abscheulicher Lärm, der möglicherweise bis ins Krankenzimmer dringen und Henriette erschrecken konnte, erhob sich in der Nähe des Schuppens; das Hühnervolk zerstob, entsetzt aufschreiend, nach allen vier Winden, und der Hofhund stürzte sich mit nachschleifender Kette wütend auf die gelbe Henne, die ihn geärgert hatte. Käthe war ihm sofort auf den Fersen; sie packte sein schmutzig weißes, zottiges Fell im Genicke, in demselben Momente, wo bereits die Schwanzfedern seines unglücklichen Opfers umherflogen.
Sie lachte wie ein Kind über das zerzauste Huhn, das sich kläglich krakelnd im Holzschuppen verkroch, und zog den Hund nach seiner Hütte zurück. Das ungebärdige Tier sträubte und sperrte sich mit allen Kräften; es versuchte, nach der kräftigen Mädchenhand zu schnappen, die es unerbittlich wieder in die Gefangenschaft schleifte.
Für einen dritten mochte dieser Kampf um die Herrschaft etwas Beängstigendes haben; denn der Hund war tückisch wild, groß, von sehnigem, gedrungenem Gliederbau, und die rotfleckige Zeichnung auf Rücken und Flanken gab ihm ein tigerartiges Ansehen, aber er wand und stemmte sich vergeblich. Käthe stieß mit der freien Linken den ausgehobenen Kettenhaken wieder in den eisernen Ring der Mauer und sprang, den Hund plötzlich loslassend, weit zurück; er fuhr ihr wütend nach und erwischte noch den Saum ihres Kleides, den er in Fetzen riß.
»Bösewicht!« drohte sie mit dem Finger und nahm das Kleid auf, um den Schaden zu betrachten. Sie hörte eilige Schritte von der Brücke her kommen; sie wußte auch, daß es der Doktor war, der von der Stadt zurückkehrte, aber sie sah nicht auf. Sie hoffte, er werde in das Haus gehen, ohne sie weiter zu beachten. Wer konnte denn wissen, ob er nicht direkt aus der Villa und vielleicht in sehr trüber Stimmung kam? Er war ohnehin so still und in sich gekehrt, so wortkarg heute; fast wollte es ihr scheinen, als habe er gestern abend mit dem sanften, unerklärlich weichklingenden »Gute Nacht, gute Nacht!« einen Abschluß seines bisherigen Wesens und Verhaltens andeuten wollen.