Mechanisch hatte der weinende Rekrut den papiernen Trost ergriffen und schwamm nun in Tränen nach Hause. Kaum fand sich Tante Moritz dort in Sicht eines soliden Sofas, als sie auch sofort in die lange zurückgehaltene, aber offenbar zur Sache gehörige Ohnmacht fiel unter so viel nachfolgenden Krämpfen, als ihrer weiblichen Ehre unumgänglich notwendig schienen. Bald hatte sie das ganze Haus auf die Beine gebracht. Die jungen Gräfinnen weinten in ihrer Unerfahrenheit, und die jungen Grafen standen mit Bereiterstiefeln und Reitpeitschen um den Fall herum und machten stehengebliebene Gesichter. Am liebsten hätten sie auch geweint, wenn das nicht gegen die Stiefel gewesen wäre. Die alte Gräfin und ein Stubenmädchen bemühten sich mit erprobten Hausmitteln um die Kranke, und der alte Herr Graf nahm der bewußtlos Daliegenden ein zerknittertes Papier aus der Hand, entfaltete es und las: »Militär-Entlassungsschein«. In diesem Denkmal polizeilicher Konsterniertheit wurde der Moritz N. aus der Altersklasse 1801, Tochter des weiland Reichskammergerichts- usw. usw. -Registraturskanzlisten, wegen allgemeiner Untauglichkeit seiner Militärdienstpflicht los- und lediggesprochen. Die Rubrik »Signalement« war unausgefüllt geblieben; selbst der item: »Besondere Kennzeichen« hatte den Beamten zu keiner naheliegenden Notiz veranlassen können. Mit diesem Talismann hätte freilich Tante Moritz allen künftigen Anforderungen des Kriegsministers entgegentreten können, wenn dieser noch einmal Anspruch auf die friedliche Amazone hätte erheben wollen.
Natürlich vergingen damals die Krämpfe wieder, und die gute Tante hat in der Folge manche schwerere Krankheit zu bestehen gehabt, bis endlich eine sie ganz ablöste und aller Konskriptionsgefahr entrückte. Mit dem gegilbten und verbleichten Nachlasse der braven alten Jungfer, aus dem ich eine ganze Lebensgeschichte von kleinen Freuden und großen Entbehrungen, ein standhaft durchgerungenes Dasein von Armut und Ehre herauslesen mußte, habe ich auch den Militärentlassungsschein geerbt, den ich als ein Andenken an die gute alte Zeit, an die selige Tante, an den Großonkel mit dem Haarbeutel und an die verdrehte Polizei meiner Vaterstadt noch immer aufbewahre.
Henry F. Urban:
Der Eishund
Hört die Geschichte von dem kleinen häßlichen, gelben Eishund, der es auf merkwürdige Weise zu einem hervorragenden und vornehmen Hunde brachte! Den ganzen Tag war er hungrig und frierend, denn es war Winter, in New York herumgelaufen. In der fünften Avenue wichen ihm die aristokratischen Hunde der Dollarköniginnen aus und bemerkten naserümpfend: »Welch ein vulgärer Köter, welch ein Vagabund! Er wird ein Ende mit Schrecken nehmen!« Dann war er bei Anbruch der Dunkelheit in den kahlen, düsteren Park gekommen, und dann war er plötzlich irgendwo hinuntergefallen, auf eine harte, eisige, weite Fläche. Das war wohl das Ende, dachte er. Aber es wurde Tag, ein Tag voll Sonnenlicht, und er lebte immer noch. Er befand sich auf einem gefrorenen Wasserbecken, das Trinkwasser für die New Yorker enthielt. Es bildete ein riesiges, längliches Viereck und war von steinernen Böschungen eingefaßt. Nirgends konnte er heraus. An einer Stelle erblickte er zwei Menschen. Das waren Pat Flaherty und Fred Kaiser, die beiden Parkpolizisten. Sie standen an dem eisernen Geländer des Wasserbeckens, schüttelten die Köpfe und blinzelten mit den Augen, weil auf Schnee und Eis die Sonne sprühte.
»Da ist ja der kleine Köter noch immer auf dem Wasserbecken!« sagte Flaherty. »Er war schon gestern dort.«