Julia war geneigt, den ganzen Vorgang, wie ihn Hedwiga erzählte, für einen Traum, oder, stand sie in der Tat wach am Fenster, für das täuschende Spiel der aufgeregten Sinne zu halten. Wer sollte, wer konnte der Tote sein, den man unter solchen geheimnisvollen Umständen aus dem Pavillon forttrug, da niemand vermißt worden, und wer mochte daran glauben, daß dieser unbekannte Tote noch spuken solle in der Behausung, aus der man ihn fortgebracht? Julia äußerte dieses alles der Prinzessin und fügte noch hinzu, daß jene Erscheinung am Fenster auch wohl auf optischer Illusion beruhen, auch wohl gar ein Scherz des alten Magikers, Meister Abraham sein könne, der ja oft sein Wesen treibe mit solchem Spiel und vielleicht dem leeren Pavillon einen gespenstischen Einsassen gegeben habe.
Wie, sprach die Prinzessin, die ihre ganze Fassung wiedergewonnen, sanft lächelnd, wie man doch gleich mit der Erklärung bei der Hand ist, geschieht das Wunderbare, Übernatürliche! — Was den Toten betrifft, so vergissest Du das, was sich in dem Park begab, ehe Kreisler uns verließ. — Um Gott, rief Julia, sollte denn wirklich eine gräßliche Tat begangen sein? — Wer? — von wem? —
Du weißt ja, Mädchen, daß Kreisler lebt, fuhr Hedwiga fort. Aber auch er lebt, der in Liebe ist zu Dir — Sieh mich nicht so erschrocken an! — Solltest Du das nicht längst ahnen, was ich Dir sagen muß, damit Dir es klar werde, was, länger verborgen, Dich verderben könnte? — Prinz Hektor liebt Dich, Dich Julia, mit all der wilden Leidenschaft, die seiner Nation eigen. Ich war, ich bin seine Braut, Du aber, Julia, bist seine Geliebte. Die letzten Worte betonte die Prinzessin auf eine eigne scharfe Weise, ohne übrigens jenen besonderen Accent hineinzulegen, der dem Gefühl innerer Kränkung eigen.
O ewige Macht, rief Julia heftig, indem ihr die Tränen aus den Augen stürzten, Hedwiga, willst Du denn meine Brust zerreißen? — Welcher finstre Geist spricht aus Dir! — Nein, nein, gern will ich es leiden, daß Du aller bösen Träume halber, die Dich verstörten, an mir Ärmsten Rache nimmst, aber nie werde ich an die Wahrheit dieser bedrohlichen Phantome glauben! — Hedwiga! — besinne Dich doch nur, Du bist ja nicht mehr die Braut des entsetzlichen Mannes, der uns erschien, wie das Verderben selbst! Nie kehrt er zurück, niemals wirst Du sein!
Doch, erwiderte die Prinzessin, doch! — Fasse Dich nur, Mädchen! — Nur dann, wenn die Kirche mich mit dem Prinzen verbunden, löst sich vielleicht das ungeheure Mißverständnis des Lebens, das mich elend macht! — Dich rettet des Himmels wunderbare Fügung. — Wir trennen uns, ich folge dem Gemahl, Du bleibst! — Die Prinzessin verstummte vor innerer Bewegung, auch Julia war keines Wortes mächtig, beide fielen sich schweigend, in Tränen zerfließend, an die Brust!
Man meldete, daß der Tee serviert sei. Julia war aufgeregter, als es ihr besonnenes, ruhiges Gemüt zuzulassen schien. Es war ihr unmöglich, in der Gesellschaft zu bleiben, und die Mutter erlaubte ihr gern, nach Hause zu gehen, da die Prinzessin sich ebenfalls nach Ruhe sehnte.
Fräulein Nannette versicherte auf Befragen der Fürstin, daß die Prinzessin den Nachmittag und Abend sich sehr wohl befunden, indessen mit Julien durchaus allein sein wollen. So viel sie im Nebenzimmer beobachten können, hätten beide, die Prinzessin und Julia sich allerlei Geschichten erzählt, auch Komödie gespielt und bald gelacht und bald geweint.
Die lieben Mädchen, sprach der Hofmarschall leise. Die aimable Prinzessin, das liebe Mädchen! verbesserte der Fürst, indem er den Hofmarschall mit großen Augen anblitzte. Dieser wollte in der Bestürzung über den entsetzlichen Fehlgriff ein ziemliches Stücklein Zwieback, das er sattsam in Tee getränkt, auf einmal hinunterschlucken. Das blieb ihm aber in der Kehle stecken, und er brach aus in ein fürchterliches Husten, so daß er schnell den Saal verlassen mußte, und nur dadurch gerettet werden konnte vom schnöden Erstickungstode, daß der Hoffurier im Vorsaal mit geübter Faust ein wohlgesetztes Paukensolo ausführte auf seinem Rücken.
Nach zwei Unschicklichkeiten, deren er sich schuldig gemacht, fürchtete indessen der Hofmarschall noch die dritte zu begehen, er wagte es daher nicht, zurückzukehren in den Saal, sondern ließ sich bei dem Fürsten mit plötzlich ihm angewandelter Krankheit entschuldigen.
Durch des Hofmarschalls Abwesenheit wurde aber die Whistpartie zerrissen, wie sie der Fürst gewöhnlich zu spielen pflegte.