Als nun die Spieltische geordnet, war alles in gespannter Erwartung, was der Fürst in diesem kritischen Fall tun werde. Der tat aber nichts, als daß er, da auf seinen Wink die übrigen sich zum Spiel gesetzt hatten, die Hand der Rätin Benzon faßte, sie zum Kanapee führte, und Platz nehmen hieß, indem er selbst sich ihr zur Seite hinsetzte.

Unlieb wäre es mir doch gewesen, wenn der Hofmarschall erstickt wäre am Zwieback, sprach er dann sanft und leise, wie immer zur Benzon. Doch schien er Abwesenheiten des Geistes zu haben, wie ich es schon oftmals bemerkt, daß er die Prinzessin Hedwiga ein Mädchen nannte, und würde daher im Whist miserabel gewesen sein. — Überhaupt, liebe Benzon, ist es mir heute recht erwünscht und angenehm, statt des Spiels mit Ihnen hier in der Einsamkeit einige Worte vertraulich zu wechseln, wie sonst. Ach — wie sonst! Nun Sie kennen mein Attachement für Sie, geliebte Frau! Nie kann es aufhören, ein fürstliches Herz ist jedesmal ein treues, sobald nicht unabwendbare Verhältnisse ein anderes gebieten.

Bei diesen Worten küßte der Fürst der Benzon viel zärtlicher die Hand, als es Stand, Alter und Umgebung zu erlauben schienen. Die Benzon versicherte mit vor Freude funkelnden Augen, daß sie längst den Moment ersehnt, mit dem Fürsten vertraulich zu reden, da sie ihm so manches mitzuteilen habe, was ihm nicht unangenehm sein werde.

Erfahren Sie, gnädigster Herr, sprach die Benzon, daß der Geheime-Legationsrat auf's Neue geschrieben, daß unsere Angelegenheiten plötzlich eine günstigere Wendung genommen, daß —

Still, beste Frau, unterbrach sie der Fürst, nichts von Regierungsgeschäften! Auch der Fürst trägt Schlafröcke, und setzt eine Nachtmütze auf, wenn er beinahe erdrückt von der Last des Regierens, sich zur Ruhe begibt, wovon freilich Friedrich der Große, König von Preußen eine Ausnahme machte, der, wie es Ihnen als einer belesenen Frau bekannt sein wird, auch im Bette einen Filzhut aufsetzte. Nun, ich meine, daß auch der Fürst immer zu viel von dem in sich trägt, was — nun! was eben, wie die Leute sagen, das sogenannte bürgerliche Verhältnis, Ehe, Vaterfreuden usw. begründet, um sich diesen Gefühlen ganz zu entschlagen, und es ist mindestens pardonabel, wenn er sich ihnen überläßt in Augenblicken, da der Staat, die Vorsorge für den gehörigen Anstand am Hofe und im Lande nicht sein ganzes Selbst in Anspruch nimmt, — Gute Benzon! solche Augenblicke sind die jetzigen; fertig liegen sieben Unterschriften in meinem Kabinett, und nun lassen Sie mich den Fürsten ganz vergessen, lassen Sie mich hier beim Tee ganz Hausvater sein — der deutsche Hausvater vom Freiherrn von Gemmingen! Lassen Sie mich von meinen — ja, von meinen Kindern reden, die mir solchen Kummer verursachen, daß ich oft in eine ganz unschickliche Gemütsunruhe verfalle. Von Ihren Kindern soll die Rede sein, gnädigster Herr? sprach die Benzon mit spitzem Tone. Das heißt also, von dem Prinzen Ignaz und von der Prinzessin Hedwiga! — Sprechen Sie, gnädigster Herr, sprechen Sie, vielleicht kann ich Rat und Trost geben, wie Meister Abraham. — Ja, sprach der Fürst weiter, ja Rat und Trost, der möchte mir manchmal von nöten sein. — Sehn Sie, gute Benzon, was zuerst den Prinzen betrifft, so bedurfte er freilich nicht besonderer Geistesgaben, die die Natur denjenigen zuzuteilen pflegt, die sonst ihres Standes halber obskur und fühllos bleiben würden, aber etwas mehr esprit wäre ihm doch zu wünschen, er ist und bleibt ein — Simple! — Sehn Sie nur, da sitzt er und baumelt mit den Füßen und spielt eine falsche Karte aus nach der andern, und kichert und lacht wie ein Knabe von sieben Jahren! — Benzon! entre nous soit dit, nicht die Kunst des Schreibens, insofern sie ihm nötig, ist ihm beizubringen; sein fürstlicher Name sieht aus wie eine Eulenkralle. Ewige Barmherzigkeit, was soll daraus werden? Neulich wurde ich in meinen Geschäften gestört durch abscheuliches Gebelle vor meinem Fenster, ich schaue heraus, um den unangenehmen Spitz fortjagen zu lassen, und was muß ich erblicken! Sollten Sie es glauben, gute Frau! Es ist der Prinz, der wie wahnsinnig laut bellend hinter dem Gärtnerburschen herspringt. — Sie spielen mitsammen Hase und Hund! — Ist wohl nur einiger Verstand darin, sind das fürstliche Passionen? — Kann der Prinz wohl jemals zu der geringsten Selbständigkeit kommen?

Darum ist es nötig, erwiderte die Benzon, daß der Prinz alsbald vermählt werde, und eine Gemahlin erhalte, deren Anmut, deren Liebreiz, deren klarer Verstand seine schlafenden Sinne weckt und die gutmütig genug ist, sich ganz zu ihm hinabzuneigen, um ihn dann allmählich zu sich heraufzuziehen. Diese Eigenschaften sind dem weiblichen Wesen, das dem Prinzen angehören soll, unerläßlich, um ihn aus einem Seelenzustande zu retten, der, mit Schmerz spreche ich es aus, gnädigster Herr! zuletzt in wirklichen Wahnsinn ausarten kann. Eben daher dürfen auch nur diese seltenen Eigenschaften entscheiden, und der Stand nicht in allzustrengen Betracht kommen.

Niemals gab es Mesalliancen in unserm Hause, sprach der Fürst, indem er die Stirn runzelte, lassen Sie ab von einem Gedanken, den ich nicht billigen kann. Immer war und bin ich noch bereit, sonst Ihre Wünsche zu erfüllen! —

Daß ich nicht wüßte, gnädigster Herr! erwiderte die Benzon mit scharfem Ton. — Wie oft mußten gerechte Wünsche schweigen chimärischer Rücksichten halber! Aber es gibt Ansprüche, die aller Verhältnisse spotten. —

Laissons cela, unterbrach der Fürst die Benzon, indem er sich ausräusperte und Tabak nahm. Nach einigen Augenblicken des Stillschweigens fuhr er fort: Noch mehr Kummer als der Prinz, macht mir die Prinzessin. Sagen Sie, Benzon, wie war es möglich, daß uns eine Tochter von dieser seltsamen Gemütsart, noch mehr von dieser absonderlichen Krankhaftigkeit, die selbst den Leibarzt in Verlegenheit setzt, geboren werden konnte? Hat sich die Fürstin nicht immer einer blühenden Gesundheit erfreut, hat sie zu mystischen Nervenzufällen inkliniert? Bin ich selbst nicht, was Leib und Seele betrifft, ein robuster Fürst gewesen? Wie kommen wir zu dem Kinde, das, gestehen muß ich es zu meinem bittern Leidwesen, mir oft — ganz verrückt erscheint, alles fürstlichen Anstandes los und ledig? — Auch mir ist der Organismus der Prinzessin unbegreiflich, erwiderte die Benzon. — Die Mutter ist sich immer klar, verständig, von jeder zu heftigen, verderblichen Leidenschaftlichkeit frei gewesen. — Die letzten Worte sprach die Benzon dumpf und leise vor sich hin, indem sie den Blick niedersenkte. Sie meinen die Fürstin, fragte der Fürst mit Accent, da es ihm nicht anständig schien, daß dem Worte: Mutter, nicht das Prädikat: Fürstin hinzugefügt war.

Wen sonst sollte ich meinen, erwiderte die Benzon gespannt.