Um unsere Blüten sind wir betrogen! – Hat der Frost sie getötet, der lauernd über die Erde schlich? Hat unsere schönen Hoffnungen der Sturmwind verweht? Ist der Regen gekommen auf seinen grauen Rossen, den Wolken, und hat sie mit seinem gleichförmigen Gedrissel – patsch! patsch! Tropfen auf Tropfen, wie die tägliche Langeweile, – verwaschen, verknittert, zerblättert? –
Nackt stehen die Magnolienbäume im botanischen Garten. Sie, die sonst im Mai zum Frühlingsreigen in prächtigen Balltoiletten der verwunschenen Prinzen harrten; sie, die sonst von der Ueberfülle ihrer Schönheit den neckischen Winden preisgaben, daß die Blütenblätter und ihr Duft die Luft erfüllte. Heute stehen sie kahl und düster und traurig da, kein lächelnder Prinz wird um die südliche Schöne werben und der Frühling hat die Prächtige, Ueppige, Duftende vergessen. – Da gleitet ein Sonnenstrahl über die schwarzen, vom Frost geknickten Spitzen der Magnolien. Es ist, als lächle er. In seinem Flimmer tanzt ein gelber kleiner Schmetterling, er taucht sich in die vergessene weiße Blüte eines jungen Birnbaums, der schon winzige Früchte am andern Zweige trägt. Und da lispeln sie alle heimliche Worte – horch!
| Zur Blüte sprach der Schmetterling: »Was nützt mir's, daß ich strahle? |
| Wenn meinen Schmelz ein Fingerdruck wegwischt mit einemmale?« |
| Da lachte der Sonnenschein. |
| Es sprach die Blüte zum jungen Blatt: »Was nützt mir's, daß ich blühe? |
| Wenn ich nach einer Regennacht verblätt're in der Frühe?« |
| Da lachte der Sonnenschein. |
| Es sprach die Frucht zum grünen Baum: »Was nützt mir all mein Süßen? |
| In meinem Herzen nagt ein Wurm: tot fall' ich Dir zu Füßen.« |
| Da lachte der Sonnenschein. |
| Ich rief wohl in die weite Welt: »Was nützt mir all das Klingen? |
| Die rauhe Hand, die Nacht, der Wurm – Ein Sterbelied muß ich singen!« |
| Da lachte der Sonnenschein. |
Ich folge dem lachenden Sonnenstrahl. Er huscht über die Stiefmütterchen am Wege, die ihm ihre großen bunten Augen zuwenden, über rote dickköpfige Tulpen, die sich blähen vor lauter Vornehmheit; er klopft an die Fenster des Treibhauses: ich bin da, ich bin da! – Aber was kümmert das nervöse Volk da drinnen in ihrem überheizten Haus der warme Sonnenschein? – Halt! du lockender Strahl! laß mich erst einmal hineinschauen in die Blumen-Menagerie. Sehnsüchtig sehen die armen Eingesperrten durch die Glasfenster, und schauern zusammen, wenn die kühle Frühlingsluft durch die offene Thür sie trifft. Sie fühlen sich wohl in der heißen, feuchten Luft künstlicher Bildung; einmal ihres heimatlichen Bodens beraubt, gedeihen sie prächtig in der erstickenden Atmosphäre der Ueberfeinerung – oh, und diese höchste Kultur zeitigt bizarre Charaktere: da die Kaktus mit ihren Stacheln über und über, an denen ein rauhes Gewebe klebt wie graues Haar; dem bekannten Meergreis gleich, der »in die Wüste ging und ein Wüstling ward«, frühzeitig gealtert wie unsere nervös überfütterten Dandys fin de siècle. Protzige Agaven mit dicken, fleischigen, ausstreckenden Zeigefingern. Cochenille-Kaktus, unansehnliche, häßliche Dinger, nur dazu gut, daß andere sich von ihnen nähren – die kleine, rote Blattlaus, die aus diesem Häßlichen das Schöne bildet: das leuchtende Cochenille-Rot. Hier die Palmen, groß, still, erhaben, die Löwen der Blumen-Menagerie. – Die vielarmigen Dracänen, die üppig wuchernden Schlinggewächse, die seltsamen stillen Blumen mit Blättern und Blüten wie aus Wachs geformt, – gleitet nicht Scheherezade durch diese schwüle Luft und erzählt Märchen aus Tausend und einer Nacht unter lispelnden Palmen und großen duftlosen Blumen? – Aber dort unter dem First des Glasdaches, dem Licht zustrebend – dort liegt es wie glänzend weißer Schnee, besäet mit funkelndem roten Blutstropfen. »Weiß wie Schnee, rot wie Blut!« Schneewittchen aus unserem lieben deutschen Märchen nickt hervor aus diesem lieblichen Blumenmeer und lächelt uns an. Eine Schlingpflanze ist es mit schwarzgrünen Blättern; sie rankt sich hoch und immer höher dem Himmel entgegen, der blau durch die Fenster ihres Gefängnisses schimmert und tausend weiße, stille Blumenherzen wenden sich ihrem Gott, dem Lichte, zu, und rot und glühend entströmt ihnen ihr Gebet. – Da öffnet sich die Thür, der Sonnenstrahl huscht hinein und küßt die roten Blumenlippen, und winkt mir: Komm, komm! Ich zeig' Dir viel Schönes, wenn auch die Blüten Dir genommen sind. –
Draußen im botanischen Garten glänzen die feingeharkten Kieswege. Zwischen wohlgepflegten Blumenbeeten wandeln wohlgepflegte Städterinnen. Die ordentlichen Blumen auf den ordentlichen Beeten blühen noch nicht; die ordentlichen Städterinnen haben schon geblüht. Deshalb strömen sie einen künstlichen, starken Parfüm aus, der schlecht harmoniert mit der süßen, berauschenden Frühlingsluft.
»Vorüber, ihr Schafe, vorüber!« singt Goethes Schäfer, als ihm »gar so weh« wird – und wir huschen dem Sonnenstrahl nach, aus dem ordentlichen Garten hinaus, hinter die hohe Mauer, wo die Wildnis anfängt. Hier ist auch eine Menagerie, die der Bäume. Aber die Wildlinge aus Nord und Süd haben in dem fremden Boden Wurzel gefaßt, ihn sich angeeignet, und so gedeihen sie und wachsen und wachsen, als habe die neue Heimat ihnen die alte ersetzt. – Was es nicht alles zu sehen gibt unter den fremden Bäumen: dort, wohin die Tannen nicht mehr gelangen können mit ihren langen Armen, kriecht kleines, grünes Moos dicht an das Nadelbett heran, das die Tanne, wie Frau Holle den Schnee, um sich ausgeschüttet; es blüht, das Moos, mit lauter gelbgrünen Zäckchen, und zwischen den feinen krausen Spitzen kriechen winzige Insekten, denen der Mooswald wohl so gewaltig dünkt, wie uns jene blühende Kiefer. O wie blüht die Kiefer! Ueberall, überall auf den starken Aesten, in den Stacheln verborgen, da blüht es wie rotes Gold; sieben kleine Goldkätzchen in einem Nest – und rührst Du daran mit vorwitzigem Finger, dann rieselt ein feiner, gelber Blütenstaub in Deine geöffnete Hand. Weich wie ein zartes Kinderbäckchen berührt dich's, und ein würziger Duft erzählt dir von unendlichen Kieferwäldern, in denen der Wind singt.
»Bilde Dir nur nichts ein,« sagt die Nachbarin der Kiefer, die deutsche Edeltanne, und sie reckt sich kerzengrade, so daß sie noch einen Finger breit über jene hinweg schaut – »Du mit Deinem Blühen! Sieh' mich an: meine Orden, huldvollst verliehen von Sr. rauschenden Majestät dem Frühling.« – Und sie klappt ihre Zweige zusammen, daß ein feines Nadelgeriesel zur Erde fällt. Ueber und über ist sie besäet mit hellgrünen Knöpfchen, frischen Nadelspitzen, die vergnügt aus dem Dunkel ihrer Wintertracht hervorblitzen.
Zwischen den Bäumen, aus Gras und Moos erheben sich dunkle Blumenbeete. Seltsame Blumen stehen darauf: aus dunklen Blättern hängt an einem dünnen Stiel eine kleine, gelbe Tasche; – ich bin immer die vierundzwanzigste mit fünfundzwanzig Fehlern in der Botanik gewesen, und nun möchte ich wissen, ob diese niedliche, kleine, gelbe Tasche nicht eine Art von Venus-Fliegenfalle ist? Kriecht ein dummes Mückchen am Rand der schönen Blüte hin und bleibt daran kleben: sacht schließt die schöne Blüte ihre Tasche, und Mückchen ist gefangen und muß elend zu Grunde gehen. Denn so eine Venus-Fliegenfalle gibt ihre Beute nicht wieder los; ob's Mückchen auch zappelt – es wird festgehalten bis an sein unseliges Ende. –
Wenn nach einem deutschen Städtchen aus der nächsten Garnison die Militärkapelle kommt und ein Biergartenkonzert abhält, dann sitzen die unnützen Buben hinter der grünen Hecke des Gartens und gucken hindurch und haben die prächtige Musik mit allem Tschingdara-Bumbum und die Herren- und Damen-Honoratioren, die weißröckigen Mädchen, und all den Kaffee und das Bier – nämlich indem sie sehen, wie es getrunken wird – ganz umsonst. Sie nennen das: ein Heckenbillet nehmen. Ich habe auch ein Heckenbillet genommen: ich sitze hinter der großen Mauer, an der sich rotblühendes Gaisblatt rankt, und kein Mensch im gebildeten Garten weiß, daß ich da bin, und ich höre das süße Vogelkonzert, ich sehe die ernsthaften, andächtigen Bäume und das kindlich lustige Gras, in dem die blauäugigen Veilchen grüßen, ich trinke die wonnige Frühlingsluft – alles umsonst. –
Vor mir an der Mauer hinauf, einer Weinranke entlang, läuft ein winzig klein Vögelein, geschwind wie ein Mäuschen. Pick – pick! hier wetzt es sein Schnäbelein; husch – husch! dort jagt es dem Käferchen nach – und es sieht mich an mit den klugen Augen, als rief' es: Guck, mach' mir das nach! Da ist es oben, reckt die kleinen Flügel und mit einem jubelnden Gekicher ist es davon. – Horch! über mir: da lacht und küßt und tollt ein braunes Drosselpaar. Kokett wiegt sich das Weibchen auf dem schwanken Ast; der Liebste lugt um den Stamm und zwitschert zärtlich: Kind, sühst meck nich? – sühst Du meck nich? – Hier bün eck! hier bün eck! lacht das Weibchen, und fort sind sie, in das Dickicht hinein.