Da kommt wieder mein Sonnenstrahl und lockt mich aus meiner Ruhe und gleitet vor mir her – und ist verschwunden. Wo bin ich? Was wölbt sich über mir – weit, groß, allmächtig. Ich schaue hinaus, und schaue: immer höher, immer gewaltiger weitet sich der grüne Dom von Blättern. Die Zweige der beiden norwegischen Baumriesen neigen sich gegen einander, sie werden zu gothischen Spitzbögen, anstrebend in die Unendlichkeit. Sanftes Dämmerlicht liegt in meiner Kirche. Durch das grüne, schimmernde Blätterdach schaut der Himmel wie blaue, freundliche Sterne. Ein lieblicher Weihrauch umweht mich. Es ist der Duft der kleinen weißen Blüten des wilden Apfelbaumes, der meine Kirche mit wonniger Süße erfüllt. Ich stehe und schaue. Ich breite die Arme aus nach der grünen Unendlichkeit da droben, und es ist still, still, um mich, in mir. –
Als ich hinaustrete aus den dämmernden Bögen meines Domes, liegt die Welt hell zu meinen Füßen. Ihr Duft umhüllt mich. Ihr Licht gleitet warm in mein Herz. Es ist Frühling.
| In den Lüften singt es und klingt es – und – |
| Ich flüstere in die weite Welt: »Wohl süß ist es zu singen, |
| Wenn Vogelschlag und Frühlingsduft weich dir ins Herze klingen« – |
| Da lachte der Sonnenschein. |
Das Märchen, das gar nicht kommen wollte.
Es war einmal ein Märchen, das hatte sich eingepuppt wie eine Schmetterlingsraupe und sich versteckt in dem Astloch einer alten Eiche im Walde; nur zuweilen öffnete es die Augen ein wenig und blinzelte um sich, und wenn es sah, daß die Welt immer noch grau und kahl und ungemütlich war, dann machte es die Augen zu und schlief wieder ein. – Während dessen liefen die Menschen in dieser kalten Welt herum und jammerten nach dem Märchen, das gar nicht kommen wollte. Das heißt, eigentlich waren es nur ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen, die überall nach dem Märchen fragten. Sie hatten dicht bei einander auf dem Fußschemel gesessen und zugehört, was die alte Märchenmuhme erzählte. Die großen Leute hatten keine Zeit dazu, die hatten so viel zu sorgen und zu wirtschaften und zu studieren, daß sie sich um ein Märchen nicht weiter bekümmern konnten; außerdem sagten sie, so ein Märchen, das sei nur für Kinder und solche, die es immer bleiben; dabei käme gar nichts heraus, und man sollte nur einmal die gelehrten Leute fragen, die den täglichen Bildungsbedarf fürs Volk liefern – das viele Zeitungspapier – die werden Euch schon sagen, was man von dem Märchen zu halten hat.
Da sagte der kleine Junge zu dem kleinen Mädchen:
»Komm', wir wollen hingehen und sie fragen!«
Als sie bis an eine große düstere Thür gekommen waren, – da wären sie am liebsten wieder umgekehrt; aber der kleine Junge war sehr mutig, und so gingen sie hinein. Da saß der Gelehrte und las aus einem gewaltig großen Stück Papier. –
»Sieh' 'mal, der hat vier Augen,« sagte das kleine Mädchen – und dann guckte er mit ein paar allmächtigen schwarzen Augen über die gläsernen hinweg, die ihm unten auf der großen Nase saßen, und das kleine Mädchen steckte schnell den Finger in den Mund und der kleine Junge ballte die Faust, während der Gelehrte brummte (Gelehrte brummen meistens):
»Sie haben zu viel Phantasie, meine Lieben, das hindert Sie durchaus am logischen Denken und schwächt den Verstand. Doch, es wird sich schon geben, darüber seien Sie nur unbesorgt.«