Es waren aber viele Kinder auf der Straße, die sahen das Märchen zwar nicht, aber sie riefen doch: Das Märchen, das Märchen! und tanzten hinter dem kleinen Jungen und dem kleinen Mädchen her, und so ging der Zug durch die Stadt zum Thore hinaus, als wenn der Rattenfänger von Hameln ihnen aufspielte. Die großen Leute, denen sie begegneten, blieben stehen und lachten und sagten:
»Das ist ja ein Sonnenstrahl, und nun ist es Frühling geworden. Der Frühling ist eine natürliche, höchst angenehme, alljährlich wiederkehrende Naturerscheinung. Es ist gar nichts Märchenhaftes daran.«
Aber nun waren es der kleine Junge und das kleine Mädchen, welche lachten – sie wußten es ja viel besser. Sie liefen in den Wald hinein – da tanzten die Blumen mit den Elfen und Kobolden, und die Kinder waren mitten unter ihnen. Das Märchen schenkte ihnen den Frühlingswein aus Blütenkelchen, und sie lagen auf weichem Moos und guckten in den blauen Himmel hinein, von dem die weißen Wölkchen winkten und grüßten und weiter segelten.
Das Märchen aber wuchs und wurde größer und wurde eine liebliche Jungfrau und ein blühendes Weib; und dann wurde es ein liebes, eisgraues Mütterlein, und dann – ja, dann spann es sich wieder ein, wie eine Schmetterlingsraupe und kam lange, lange nicht mehr; nur zur Zeit der Wintersonnenwende, als die weißen Grüße vom Himmel an der alten Eiche im Walde vorüberwehten, da öffnete es die blauen Märchenaugen ein wenig und blinzelte um sich, und dann schlief es wieder ein und wartete auf den singenden, sausenden, brausenden Frühlingswind.
Und der kleine Junge und das kleine Mädchen wuchsen auch und wurden größer und schöner und wurden Mann und Weib; dann spannen sie sich auch ein, in sich und ihre Welt; und dann erzählten sie ihren Kindern und Kindeskindern das Märchen vom Märchen, das gar nicht kommen wollte, und endlich, endlich doch gekommen war. – –
| Klein Hildegard wollte zur Schule gehn, |
| Da blieb am Walde sie sinnend stehn; |
| Der sah sie mit winkenden Augen an, |
| Die Vöglein lockten aus dem Tann: |
| »Klein Hildegard, komm, so schön ist's hier, |
| Wir rauschen Dir Märchen, wir singen Dir |
| Von Elfenkönigs goldenem Thor |
| Viel Süßes, Geheimnisvolles ins Ohr; |
| Wir singen Dir von des Nixen Spiel – |
| Tief unten im Wasser, da weint er so viel. |
| Wir streuen Dir duftende Blumen umher, |
| Der Wind regt die Zweige, brausend wie's Meer.« |
| – Doch Hildegard richtet sich ernsthaft auf |
| Und schickt sich wieder an zum Lauf: |
| »Zur Schule, zur Schule!« die Mutter spricht, |
| »Im Walde spielen, das darfst Du nicht!« |
| Da fällt, plumps! von dem Tannenast |
| Ein Zapfen auf das Näschen fast: |
| »Au! böse Tanne!« schilt das Kind, |
| »Bist unartig, wie Kinder sind! |
| Willst mir wohl gar was sagen, gelt? – |
| Ei nun, so rede, wenn's gefällt!« |
| Lieb schmiegt klein Hilde sich heran |
| Zum rauhen Stamm der alten Tann. |
| Vergessen ist Schule, der Mutter Gebot – |
| Ja, Sonntagskinder machen viel Not. – |
| Vom Tannenbaum fall'n – tip, tip, tap, |
| Die würz'gen Nadeln sacht herab. |
| Und, wie sie rieseln, wie sie fallen, |
| Hört Hilde Stimmchen draus erschallen, |
| Die lullen's Kindchen kosend ein |
| In seltsamliche Träumerein; |
| »Zur Schule geh', mein liebes Kind, |
| Doch da nicht, wo die andern sind. |
| Geh' Du zur Schule in dem Wald; |
| Was Du da lernst, vergißst Du nicht bald. |
| Denn hier im Wald, da lernst Du verstehn, |
| Was Bäume rauschen und Blüten verwehn; |
| Warum am ewigen Himmelszelt |
| Die Wolken ziehen über die Welt; |
| Was Blumen duften, Vöglein singen, |
| Was Bächlein murmeln, Stürme klingen – – |
| Was unsere ganze schöne Welt, |
| Die kunterbunte, zusammenhält – – – |
| Horch nur auf jedes Gezirpe fein, |
| So wirst Du bald klug wie Waldvöglein sein.« |
| So spricht im Walde die alte Tann', |
| Und Hilde hält den Atem an, |
| Daß ihr die Wörtlein nicht entrinnen. |
| Dann wandert lustig sie von hinnen. |
| |
| Es grüßen Blumen von allen Seiten, |
| Und Hilde nickt, als weitergleiten |
| Im weichen, kühlen Gras und Moos |
| Die kleinen Füße, nackt und bloß. |
| »Pflück' mich,« spricht die Königskerze, |
| »Sieh', wie ich gen Himmel schwanke, |
| Schlanker Stab aus Sammetblättern, |
| Bin ganz Sehnsucht, ganz Gedanke, – |
| Vor Idealen, hoch und hehr, |
| Seh' ich den eignen Stamm nicht mehr!« |
| Da lacht das kecke Heidekraut: |
| »Ich wurzle in der Erde traut; |
| Und wie ich dufte, wie ich blühe, |
| Und wie ich stark und kräftig bin, |
| Und wie ich feurig rot erglühe – |
| All das gab mir die Erde hin!« – |
| Horch! Welch ein feines Stimmchen schallt |
| Vom nahen Eichstamm durch den Wald? |
| Die wilde Weinblüt' ist's, die spricht |
| Ganz spöttisch: »O, Ihr dummen Wicht'! |
| Vom Himmel träufelt uns der Regen, |
| Vom Himmel wärmt die liebe Sonn', |
| Und Mutter Erde will uns hegen, |
| Wenn Frost und Eise starren schon. |
| Ich lieb', was mir der Himmel gab, |
| Die Erd', in der ich Wurzeln hab'.« |
| So flüstert's, lacht es auf und an; |
| Klein Hilde pflückt so viel sie kann. |
| Schau! Dieses bunte Blumenmeer! – |
| Fast wird's dem Aermchen gar zu schwer. |
| Im schilfigen Gras glüht rot es auf. |
| Pechnelken stehen da zu Hauf, |
| Und schütteln ihre Federköpfe, |
| Und spreizen sich, die eitlen Tröpfe. |
| »Ei, liebes Kind, mußt mich ansehn,« |
| Die Eine spricht, »bin wunderschön! |
| Brichst mich in meinem Purpur-Prangen, |
| So bleibst an meinem Stengel fein |
| Unwiderstehlich daran hangen |
| Mit Deinen Kinderhändchen rein; |
| Wer mich nur einmal hat berührt, |
| Stets neue Lust nach mir verspürt.« |
| Doch – »Bim – bam!« klingelt da die Blaue, |
| Die Glockenblum', »Nur der nicht traue! |
| Denn Lüg' ist Alles, was sie spricht – |
| Kennst Du das alte Sprüchwort nicht? |
| Wer Pech anfaßt, besudelt sich! |
| Und das ist richtig, sicherlich! |
| Hör', rote Nelke, das ist schlimm! |
| Das Glöcklein läutet stets: Bim – bim! |
| Und öffnest Du den Lügenmund, |
| So klingelt es ganz kunterbunt: |
| »Bimbam, bimbam, bimbam, bimbum! |
| Du Federnelke, bist Du dumm!« |
| Und lachend steht Klein Hildegard |
| Und droht dem blauen Glöcklein: »Wart', |
| Du lieber Schelm, jetzt pflück' ich Dich, |
| Dann läutest Du »Bimbim!« für mich, |
| Und läutest artig mich nach Haus; |
| Doch jetzt ruh' ich mich erst 'mal aus.« |
| Es winkt der gelbe Ginsterbusch, |
| Und wie das graue Häslein – husch! – |
| Schlüpft unser Kind geschwind hinein |
| Ins goldne Blütenbettelein, |
| Und dehnet wohlig sich zur Ruh', |
| Und schließt die müden Aeuglein zu. |
| Die Blumen hält im Arm sie fest, |
| Denn wenn man die gewähren läßt, |
| So fangen sie zu leben an |
| Und wandern fort durch Wald und Tann. |
| Es ist just um die Mittagsstunde. |
| Wo Waldesgeister ziehn die Runde. |
| Kennst nicht das Waldesweben Du? |
| Wenn rings im Wald ist tiefe Ruh', |
| Und doch ein seltsamliches Weben |
| Ein raunend, flüsternd Zauberleben? |
| Die Bäume stehen still und stumm, |
| Kein Blättlein reget sich ringsum. |
| Im Schatten schläft das Vöglein lieb, |
| Reckt sich einmal, sagt leise: »Piep!« |
| Und plustert seine Federlein |
| Und schläft dann sänftlich wieder ein. |
| Doch die Frau Sonne, die ist wach |
| Und luget durch das Blätterdach. |
| Es tanzt auf ihrem Flimmerstrahl |
| Der blanken Sonnengeister Zahl. |
| Im hohen Grase zirpt die Grille – |
| Nun zirpt es Antwort – dann wird's stille. |
| Der Falter taumelt über Blüten, |
| Das sind die Schäflein, die muß er hüten; |
| Doch in dem heißen Sonnenschein |
| Da schläfert's ihn mitunter ein; |
| Und ist er wieder aufgewacht, |
| Dann hat sie sich davon gemacht, |
| Die Blüten-Herde, und fliegt wie er, |
| Im hellen Sonnenglanz umher. |
| Dann hebet an ein Singen, Klingen, |
| Von Märchen, wunderlichen Dingen; |
| Das Bächlein gluckst sein schelmisch Lied, |
| Und Moos und Steinchen singen mit. |
| Vergißmeinnicht am Rande träumt: |
| »Hat's Wiederkommen er versäumt? |
| Ich rief so oft: Vergißmeinnicht! |
| In weiter Ferne – hört er's nicht?« |
| Der Ginster winket zu ihr her: |
| »Klein Blümchen, was verlangst Du mehr? |
| Kannst, kleine Blaue, Du's verstehn? |
| Die Lieb' soll nie von Liebe gehn – |
| Sonst geht die Treue hinterdrein. |
| Ich sing' ein Lied Dir – lausche fein: |
| |
| Ueber die Heide weht der Wind, |
| Da sitzt das blasse Königskind, |
| Singt: Leide, leide, leide – |
| |
| Bei Sonnenlicht und Sternenschein |
| Da suche ich den Buhlen mein – |
| Wo weilt er auch am Wege? |
| |
| Ach, wollt', er wäre noch bei mir, |
| Ich wollt' ihn küssen und herzen schier |
| Auf stiller, stiller Heide. |
| |
| Ach, wollt', ich läg' in seinem Arm, |
| Ich wollt' vergessen allen Harm, |
| Wollt' lachen nur und kosen. |
| |
| Ueber die Heide weht der Wind, |
| Da sitzt das blasse Königskind, |
| Singt: Leide, leide, leide. |
| |
| Und wartet noch gar manches Jahr – |
| Und kämmet ihr langes, goldnes Haar, |
| Das wehet in dem Winde. |
| |
| Und als der Bub dann kommen ist, |
| Der sie so oftmals hat geküßt, |
| Da sucht er auf der Heide. |
| |
| War da ein feiner Ginsterstrauch, |
| Des gelbe Blumen strahlten auch |
| Wie lauter lichtes Golde. |
| |
| Da hat er so viel weinen 'müßt, |
| Und hat die Ginsterblumen 'küßt – – |
| Dann ist er fortgezogen.« |
| |
| Und als verklungen ist die Weise, |
| Da reget sich Klein Hilde leise: |
| In ihrem Arm die Blümelein, |
| Die fangen an zu reden fein. |
| Das Löwenzähnchen schilt: »O Ginster, |
| Wie sind doch Deine Träume finster!« |
| »Noblesse oblige!« ruft Rittersporn, |
| »Auch in der Lieb' – bei meinem Zorn!« |
| Und trotzig mit gar mut'gem Sinn |
| Grüßt er zur Wickenblüte hin; |
| Verschämt senkt die das Köpfchen tief, |
| Ein lieblich Rot sie überlief. – |
| Da lacht es plötzlich neben ihr: |
| »Ich halt' die Liebe weg von mir! |
| Ich wehre mich vor jedermann – |
| Und fühlt, wie ich doch brennen kann!« |
| Da jubeln alle auf und sagen: |
| »Hört – Brennessel will auch was wagen! |
| Geh', Unkraut, pfeife uns ein Lied, |
| Im Chorus singen wir dann mit.« |
| Und neckisch stimmt die Grüne dann |
| Das Nessellied, und hebet an: |
| |
| »Ich wollt' einmal spazieren gehn, |
| Am Rain, wo bunte Blumen stehn.« |
| |
| Und jauchzend fällt der Chorus ein: |
| »Nessel, Nesselbusch am Rain!« |
| |
| »Da schaut ein weißes Blümlein 'raus, |
| Und ach – so schämig sah es aus.« |
| |
| Und jauchzend fällt der Chorus ein: |
| »Nessel sieht so schämig drein!« |
| |
| »Und als ich bückte mich danach, – |
| Gar plötzlich mir's den Finger stach.« |
| |
| Und jauchzend fällt der Chorus ein: |
| »Nessel, Nessel, wehr' Dich fein!« |
| |
| »Ei, böse Blume, halt' doch still |
| Wie die andern, wenn ich Dich brechen will!« |
| |
| Und jauchzend fällt der Chorus ein: |
| »Nessel, – hörst – sollst stille sein!« |
| |
| Da lacht die grüne Blum' und spricht: |
| »Ja Brennesselblüten, die pflückt man nicht!« |
| |
| Und jauchzend fällt der Chorus ein: |
| »Brennt die Nessel – laß sie sein!« |
| |
| Nun reichen alle sich die Hände, |
| Und singen's Tanzlied: »Wende, wende |
| Dich her zu mir, und auf und ab. |
| Zieh' die Kreise, zart und leise, |
| Sing' die alte Wunderweise, |
| Wie die Blumenfee sie gab. |
| In den Blüten schläft das Kind – |
| Küsse, küsse es geschwind, |
| Daß es eins der unsern werde; |
| Daß es blumenduftig schwebe, |
| Daß es waldesselig lebe |
| Auf der hellen, grünen Erde.« |
| Da ist klein Hilde aufgewacht, |
| Und hat die Aeuglein aufgemacht: |
| Und all die Sonnenpracht umher! |
| Und all das Duften, süß und schwer! |
| Und sieh' – die Blumen neigen sich, |
| Umkreisen sie gar seltsamlich – |
| Sie trägt ein rosenfarben Kleid, |
| Das strahlet hell von Taugeschmeid'. |
| Und Rosen trägt sie in dem Haar, |
| Und Rosen in den Händen gar. |
| Die Blumen knieen vor ihr hin: |
| Heil unsrer Rosenkönigin! |
| Und eh' sie weiß, wie ihr geschah, |
| So ruhet sie auf Rosen da; |
| Und allgewärtig ihren Winken |
| Die Blumen stehn zur Rechten und Linken, |
| Und Hilde grüßt nach allen Seiten |
| Huldvoll, wie sie vorüberschreiten. |
| Aus Blumen trinkt sie den Blütenwein |
| Und nascht den goldnen Honigseim. |
| Die Sonne wirkt ihr die goldne Kron' |
| Und die glänzenden Flitter für den Königsthron. |
| Die Schmetterlinge tanzen vor ihr, |
| Die Grillen spielen auf dafür. |
| So ruhet sie an Baches Rand |
| Als Königin übers ganze Land. |
| |
| Da – horch! was rauscht es ihr zu Füßen? |
| Und welch ein Nicken, Winken, Grüßen |
| Von Blum' und Moos am Ufer dort? |
| Das Wasser schwillet fort und fort – |
| Und aus den grauen Nebelwogen, |
| Da kommt es zu ihr hergezogen |
| So wunderselig. Aus dem Fluß |
| Erhebet sich mit süßem Gruß |
| Der Nix in silbernem Gewand |
| Und hält die Harfe in der Hand |
| Die gibt gar traurig hellen Ton – |
| Ob's Glück mit Thränen gemischt sei schon. |
| Er breitet die Arme aus nach ihr: |
| »O Rosenkönigin, komm' zu mir! |
| Ich will in meinem Arm Dich hegen, |
| Ich will Dich schaukeln auf der Flut; |
| Die zarten Glieder sollst Du legen |
| Auf Wasserrosen, – da ruht sich's gut. |
| Mit meinen Fischlein sollst Du spielen, |
| Ein neckisch Haschen, her und hin – |
| Die kleinen, weißen Füßchen kühlen |
| In klaren Silberwellen drin. |
| Es ist so einsam in der Tiefe, |
| Im Wasserhaus so kalt für mich –. |
| Und kämst Du wohl, wenn ich Dich riefe? |
| O Königin, ich hole Dich!« |
| |
| Da wird Klein Hilde das Herz so weh – |
| Es ruft in ihr: O geh', o geh'! |
| Wie wird es ihr so seltsam kalt? |
| Was zieht es sie mit solcher Gewalt? |
| Wie schwillt das Wasser immer mehr – |
| Da kommt der Nix gar zu ihr her, |
| Und faßt sie mit feuchten Armen an – |
| Klein Hilde sich kaum noch regen kann. |
| Vor Angst, vor Glück? – Sie weiß es nicht, |
| Es küßt der Nix ihr blasses Gesicht; |
| Er wieget sie in seinem Arm, |
| Es wird ihm – ach – so wohlig warm; |
| Er will sich rauben das junge Blut |
| In tiefe, rauschende Silberflut. |
| Klein Hilde schaudert – an seine Brust |
| Zieht er sie eng mit sehnender Lust – |
| Schon netzt das Wasser ihr Gewand, |
| Er zieht sie hin mit zwingender Hand – |
| Nun sinkt Klein Hilde sacht hinab |
| In des Nixen stilles Wassergrab. – |
| Und horch! wie's um sie rauscht und singt! |
| Wie's brausend durch die Lüfte klingt! |
| Klein Hilde, wache auf geschwind, |
| Sonst weht der wilde Brausewind |
| Dich wirklich in das Bächlein dort – |
| Zum Schlafen einen bösen Ort |
| Hast Du Dir eben ausersehn. |
| Und dann mußt Du nach Hause gehn: |
| Die Schule ist schon lange aus, |
| Und alle Kinder schon zu Haus. |
| Da hat Klein Hilde sich erhoben |
| Und schaut verwundert hin nach oben, |
| Wo Wolken ziehen kreuz und quer, |
| Gar über die liebe Sonne her. |
| Wie war doch alles das geschehn? |
| Hat sie den Nixen nicht gesehn? |
| Ist nicht am Saum ihr Röckchen naß? |
| Das ist doch nicht vom feuchten Gras? |
| Wo ist ihr Rosenkleidchen hin? |
| War sie denn nicht die Königin? |
| Die Bäume neigen sich um sie her, |
| Das kommt vom Wind, der wehet sehr, |
| Der pfeifet ängstlich durch den Tann; |
| Klein Hilde hält den Atem an – |
| Es wird ihr plötzlich so beklommen |
| Da hat sie hurtig aufgenommen |
| Die Blumen alle nebendran, |
| Und springt davon so schnell sie kann. |
| Jetzt ist sie auf der kleinen Brücke, |
| Da rauscht es unter ihr voll Tücke: |
| »Da, Wassermann,« ruft sie geschwind, |
| »Da, nimm das bunte Blumenkind!« |
| Und wirft ein schönes Blümelein |
| In Wassermannes Haus hinein. |
| Mit weißer Hand greift der es an, |
| Und strudelnd sinkt's zur Tiefe dann. |
| |
| Und als Klein Hilde kam nach Haus |
| Und hat gesagt, was sie gesehn, |
| Und hat erzählt, was ihr geschehn – |
| Da lachen sie Klein Hilde aus. |
| Und scheltend streng die Mutter spricht: |
| »Im Walde spielen sollst Du nicht!« |
| Und Hilde setzt ins Eckchen sich |
| Und weinet, weinet bitterlich. |
| |
| Klein Hilde, werde wieder froh; |
| Uns Großen geht es ebenso: |
| Wenn wir im Walde etwas sehen, |
| Was all die andern nicht verstehen, |
| So lachen sie uns auch nur aus |
| In diesem weisen Weltenhaus. |
| Und Mutter Ordnung ernsthaft spricht: |
| »Der Phantasie bedarf man nicht! |
| Die Poesie – die braucht man nicht! |
| Mehr sehn, wie andre, soll man nicht! –« |