»Denn eigenes Unglück und eigener Kummer machen das Herz empfänglich für die Leiden anderer!« sagte das Blatt aus dem Geschichtsbuche für die Jugend gebildeter Stände. Nur das große Blatt mit dem Stiel, eines der vornehmsten aus dem Hause derer vom Baume, murmelte etwas von »plebejischer Gefühlsduselei!« und der Brummkreisel sagte: »Bitte, meine Herrschaften, werden Sie nicht sentimental – das ist veraltet – und von Liebe halten wir heutzutage nicht viel, die Wissenschaft hat diesen geheimnisvollen Vorgang in unserem Innern mit grausamer Deutlichkeit aufgeklärt – brrrr–brumm!« Da aber gab es einen großen Disput, wie in einer politischen Sitzung, und wie sie noch im besten Zanken waren, öffnete sich in dem nächsten Hause eine Thür und ein junges Mädchen trat heraus mit einem Besen in der Hand, denn es war Sonnabend, und die Straße sollte gekehrt werden. Mit kleinen lustigen Schritten trippelte sie daher und die braunen Augen sahen zuversichtlich in die Welt hinein. Sie begann mit kräftigen Bewegungen den Rinnstein auszukehren und summte halblaut dazu:

Wenn ich wüßt', wenn ich wüßt', 
Wo mein Schatzerl ist –
Ist wohl in die weite Welt –
   juhu – weite Welt –
Ist wohl fortgezogen!
Wenn ich wüßt', wenn ich wüßt',
Wo mein Schatzerl ist –
Wär' ich in die weite Welt –
   juhu – weite Welt –
Wär' ihm nachgezogen!
Da er mir nun nichts gesagt,
Warte ich wohl über Nacht –
Such' mir dann ein andern Bub –
   juhu – andern Bub' –
Muß mich nit verlassen!« – –

Und nun purzelte alles durcheinander: die Blätter und der Strohhalm und das Papier und der Kreisel. Das Mädchen kehrte sie zusammen auf einen großen Haufen, und jubelnd kamen die Kinder herbei und zündeten das trockene Laub an – –

»Burrr!« sagte der Kreisel, »mein revolutionäres Feuer schmilzt mich auf!«

Und knisternd flog die lachsfarbene Schönheit in die Höhe; denn der Wind blies in den Scheiterhaufen, daß die Funken stoben, er trug sie mit sich fort, wie die weißen Blätter der Wasserrosenkönigin, und streute sie aus auf seinem Wege, daß ein Feuerregen niederfiel. Die braunen Augen des Mädchens sahen ihnen nach, und sie sang:

»Ist wohl in die weite Welt – juhu –
   juhu – weite Welt –
Ist wohl fortgezogen!«

Sonniger Winter.

Sie sagten, es sei Winter. Da ging ich hinaus, ihn zu begrüßen. Denn hier drinnen in der engen Stadt hat er ein gar häßliches Aussehen, rauchig und schmutzig, und er blickt dich an mit den Augen des Hungers. – Draußen aber lag der lachende Sonnenschein. War das der Winter? Er hat ja kein weißes Kleid an. Die Bäume recken ihre nackten Zweige kraus und zackig in den blauen Himmel hinein, und ihre Rinde schimmert rötlich, oder weiß, oder stahlgrau in der schwimmenden, flockigen Luft. Ah, die Luft! Das weitet die Brust – wie du mit einem tiefen Atemzug alle den Wald einhauchst, daß er die Stadt, die rauchige, schmutzige, in dir verzehrt! – Mein Fuß wühlt im langen, zottigen Gras. Wenn du nicht hinsiehst im Park, wo die glatten Wege sind, wo die feinen Karossen fahren, wo die Menschen auf ebenen Pfaden wandeln, dann meinst du im Wald zu sein – still ringsum, nur hohe Bäume, nur das Lispeln, das seltsame, traurige Lispeln in den nackten Zweigen, die ohne Blätter nicht rauschen und raunen können, wie sie im Sommer, im Herbst es thaten. Nur die Prärie vor dir, durch die sich das geschäftige Bächlein im Sonnenschein dahinschlängelt. Ein zaubrisch Bächlein – wie es lockt und winkt, eilig über die blanken, feuchten Steine kollert, und immer raunt und murmelt und erzählt – was es nur immer sagt? Ich klettere den Abhang hinunter, tiefgrün schimmert das Wasser von den bemoosten Steinen herauf. Einzelne ragen draus hervor, sie sehen mich lockend an – soll ich hinüber klettern auf den Springsteinen, zum andern Ufer des Bächleins, dorthin, wo stille, grüne Tannen stehen, wo es ganz einsam ist? – Da – mitten drin – du böser Nix, was hast du an dem Stein zu rütteln? Das hält ja so ein tappig Menschenkind nicht aus! Natürlich, da patsche ich mit den Füßen im Wasser – und nun schnell gesprungen, in den Sonnenschein, in das hohe Gras hinein, daß ich wieder trocken werde. Böser Bach mit deinem Nixen. – Aber was ist das? War es Zauberwasser, das mich berührt hat? – Der Wald ist lebendig geworden, die Bäume fangen an zu reden, ich verstehe, was die Vöglein zwitschern, die kleinen, grauen, die Waldvagabonden, die einzigen, die geblieben sind. Piep! sagen sie, uns ist's einerlei, ob die Blumen blühen und die Bäume Blätter haben. Dann bauen wir unser Nest in den kahlen Zweigen, und zwitschern von den zukünftigen Blüten, und die Nahrung – nun, die stehlen wir uns irgendwo – nur Freiheit, Freiheit wollen wir haben! – Au! sagt das Gras unter meinen Füßen, warum trittst du mich? – Ich bin nicht tot. Da, sieh' einmal her – Und wie ich dann die langen, zerzausten Haare vorsichtig zur Seite schiebe, da lugt frischer, grüner Klee schelmisch hervor. Der grüne, grüne Klee – Weißt du noch, grüner Klee, wie es war zur Sommerszeit?

Es war zur goldnen Sommerszeit,
Die Welt war groß und war so weit –
 Und grüner, grüner Klee.
Der blühte still im Waldesthal
Wie Tropfen Blutes allzumal
 Die Blüten stehn im Klee.
Und Falter spielen drüber hin.
Und wir? Wir lagern uns tiefdrin,
 Im grünen, grünen Klee.
Dein Aug' ist wie der Falter blau,
Dein Mund rot wie die Blüt' im Tau,
 Die Blüte rot im Klee.
Dein Haar ist wie das Sonnenlicht,
Das gleitet durch die Zweige dicht
 Wohl über grünen Klee.
Dein lieber Hals, der luget leis,
Wie die Maßlieben wunderweiß,
 Aus grünem, grünem Klee.
Da hab' ich mich geneigt zur Stund'
Und hab geküßt den roten Mund
 Im grünen, grünen Klee.
Und nur ein Vöglein sah's mit an,
Das lockte süß aus dunklem Tann
 Ganz nah beim grünen Klee.
Da war es, wo im Waldesthal
Ich fand zum allererstenmal
 Der Blätter vier am Klee.
Merkt ihr, was das bedeuten soll?
Mein Lieb und ich – wir wissen's wohl –
 Ja – und der grüne Klee. –

Hat mir das Bächlein das Lied gegluckst? Haben's die kleinen Waldtramps gezwitschert? Hat es der Klee gelispelt – oder hauchten es die Sonnenstrahlen in die Welt hinein? Rings um mich singt es und klingt es. Und plötzlich trottet eine kleine Schar neben mir, putzige Gesellen mit feinen Gliederchen und lustigem Wesen. Sie laufen neben mir wie eine Schar Hündchen, sie klettern die platten Baumstämme hinauf und wiegen sich in dem weiten Geäst hurtig wie die Eichkätzchen, und sie tragen kleine Narrenkappen auf den Krausköpfchen, damit klingeln sie: Gedanken! Gedanken! Wir sind deine Gedanken. –