Aber Frau Phantasie verhüllt sich mit ihrem blauen Himmelsmantel, so daß nur die kleinen nackten Füßchen wie zartrosa Wölkchen darunter hervorgucken, der Wind nimmt sie auf seine Flügel und trägt sie in ihr Königreich, und dann geht die Sonne auf.

Lange schon ist es her, daß die Königin ihre letzte Reise unternommen hat; sie hat über den Wolken gethront im Traumland; aber Wehegeschrei und Kanonendonner sind bis zu ihr hinaufgedrungen und Zornesrufe nach Freiheit und Fluchworte gegen Lüge und Heuchelei, und dann wurde es ruhig, ganz ruhig unter ihr – da erhob sie sich von ihrem Thron, legte die weiße Hand gegen das rosige Ohr, lauschte in die Ferne, und sie sprach zu ihrem versammelten Volke:

»Horch, so friedlich ist's da drunten! Sollte wohl jetzt die Zeit gekommen sein, wo ich meine Lieblinge hinaussenden kann, auf daß sie der Welt Erlösung bringen? Meine Kinder, meine weißen, süßen, unschuldigen Kinder: Wahrheit und Liebe, die ich mit dem Sonnengott, dem ewigen Licht, gezeugt; sie schlummern unter Blumen nun seit vielen tausend Jahren und immer wollte ich sie wecken und immer noch war es zu früh; immer begann es wieder zu lärmen auf der Welt, wenn ich gerade mich niederbeugen wollte, um sie wachzuküssen – die beiden Zwillingsrosen. Nun aber ist's Zeit.

Geschwinde, Ihr lustiges Volk, geschwinde, Ihr meine Treuen – kommt, kommt, laßt sie uns wecken!«

Und da huscht es, und haucht es und weht und faucht es über sie hin, um sie her, und da singt es und saust es und klingt es und braust es, und die Blümlein duften süß und die Zweige neigen sich flüsternd und leise. – Da stehen zwei holde Kinder mitten unter ihnen, ein Knabe und ein Mägdelein – sein Antlitz ist ernst und klar und trotzig und sonnig, in ihrem rosigen Gesichtchen lacht der Frühling, und doch thront auf der Stirn eine leise Schwermut und in den Augen wohnt die Sehnsucht. Und die Königin zieht ihre holden Lieblinge an ihr Herz und weint Glücksthränen auf ihre jungen Häupter, und all ihr Volk steht erwartungsvoll schweigend um sie her. Da spricht sie:

»Ihr meine jungen Helden, mein ernster Knabe, mein lachend Mägdelein – steigt nieder zur Erde, zieht hin über die Welt und verkündet ihr das neue Evangelium, bringt ihr die Liebe, lehrt sie die Wahrheit. Ach, sie ist arm, arm an Glück und Liebe – lehrt sie, daß nur durch Liebe die Seligkeit zu erringen ist, von der sie so viel gehört und die sie nicht verstanden hat.

Laßt Euch nicht abschrecken durch rauhe Worte, durch herzlose That – predigt immer wieder, ruft in die Welt, in ihre Herzen hinein, jubelt ihr entgegen das Evangelium von der Liebe, ohne die nichts ist, hier nicht, wie auf Erden.

O meine Kinder, vor allem trennt Euch nicht, faltet Eure Händchen zusammen, verlaßt Euch nicht, denn die Wahrheit ist nicht ohne die Liebe, und die Liebe tot ohne die Wahrheit. –

Allein seid Ihr nichts, vereint alles!«

Da gab man ihnen Oelzweige in die Hände, Mutter Phantasie nahm die Kinder in ihren Himmelsmantel und trug sie zur Erde nieder, und die Elfchen und Nixchen und Kobolde huschten um sie her, die Vöglein zogen mit ihnen und sangen und alles war voll Freude.