Aber der alte, weltweise, vernünftige Uhu saß in dem Eichbaum, unter welchem Wahrheit und Liebe, von duftenden Blumen zugedeckt, viele tausend Jahre geschlummert hatten, klappte seine großen Augen auf und zu und seufzte, daß es in den Klüften und Schluchten wiederhallte:

»Zu früh, viel zu früh, ach, es ist zu früh!«

Hand in Hand irrte nun das Zwillingspaar durch die Lande, über Berg und Thal, über Fluß und Steg, an all den vielen Städten und Burgen vorüber, mit ihren vielen tausend Bewohnern, aber keiner wollte so recht etwas von ihnen wissen. Da waren wohl viele, die sagten: »Ach, wie schön seid Ihr!« Das waren lauter junge Leute, die Kopf und Herz noch voll herrlicher Gedanken und beseligender Empfindungen trugen, aber sie hielten sich doch in scheuer Entfernung, denn sie kannten die Kinder nicht. Da waren Andere, die tätschelten sie gönnerhaft auf die lockigen Häupter und sagten: »Ja, recht schön, aber unpraktisch!« Das waren alte, weißhaarige Männer und Frauen. Da waren noch Andere, die wollten mit lustigen, bunten, lügnerischen Lappen die schöne, reine Nacktheit der beiden Kinder bedecken, aber da eilten diese angstvoll von dannen und hinter ihnen her gellte höhnisches Gelächter.

So kamen sie eines Tages durch einen schönen großen Wald, darin zwitscherte es gar lieblich von Vogelgesang und duftete es süß von Blumenduft, die Bäume neigten ihre Zweige vor ihnen, und der Vater, der Sonnengott, liebkoste sie mit seinen warmen Armen.

Die Tiere des Waldes kamen, die scheuen Rehe, die flinken Füchse, die leichtfüßigen Eichhörnchen, sie sahen sie mit klugen Augen an, und plötzlich klang's von fern und nah, in allen Zweigen, in allen Lüften:

»Bleibt hier, o bleibt hier! Bei uns ist's gut sein, aber draußen ist's Winter; die kalte, böse Welt, sie thut Euch weh und treibt Euch fort, und dann müßt Ihr leiden!«

Aber ein kleines, grünes Tannenbäumchen neigte sich zu ihnen hin und sprach: »Jetzt bin ich allein; eine schöne Tanne stand bis gestern noch neben mir; die haben die Menschen geholt, denn Weihnacht ist draußen, sagen sie, das Fest der Liebe, und da ist die Tanne gern mit ihnen gegangen, denn dann wird sie geschmückt, geputzt und geliebt. Nun stehe ich allein und möchte wissen, wohin sie gegangen ist.«

Da blickten die Kinder zu ihrem Sonnenvater hinauf – der nickte lächelnd, und sie zogen weiter.

Draußen, jenseits des Waldes, war Schnee und Eis und die Bäume senkten matt ihre dürren Aeste unter der Last, die ihnen aufgebürdet war; kein grünes Hälmchen sah unter der Schneedecke hervor und die kleinen Spatzen piepsten traurig auf der Hecke am Wege. Das liebe Zwillingspaar aber war ganz warm und der Schnee that ihren nackten Füßchen nicht weh, denn des Vaters Sonnenstrahlen hüpften um sie her und schützten sie vor der Kälte.

Nun kamen sie an ein großes, hohes Schloß, das blitzte, funkelte und strahlte von lauter Gold und von Edelgestein, und wie sie die hohe Marmortreppe hinaufstiegen, da kamen sie in einen großen Saal, darin stand ein wunderschöner Tannenbaum mit vielen, vielen Lichtern, und um ihn her sprangen und lachten und scherzten fröhliche Kinder und freundliche Menschen – ach, da ging ihnen das Herz auf und sie traten dicht vor den stattlichen Mann hin, der eine schöne Frau am Arme führte, und öffneten ihre lieblichen Lippen: