»Wahrheit und Liebe heißen wir,« sagten sie, »das neue Evangelium wollen wir verkündigen, daß es weit hinschalle über alle Welt!«

Da schüttelte der stattliche Mann den Kopf und die schöne Frau wich ängstlich zurück und rief ihre Kinder zu sich, daß sie nicht den kleinen Fremdlingen zu nahe kämen.

»Ein neues Evangelium! Damit seid Ihr nicht am rechten Platz. Nur keine Neuerungen! Festhalten am Alten, Hergebrachten, das ist eines Edelmannes würdig. Und Wahrheit und Liebe? Gewiß! aber streng nach den Regeln der Etikette müssen sie sein.«

»Komm, Schwesterchen,« sagte der Knabe Wahrheit zur Liebe, »hier ist nicht gut sein.«

Und sie gingen weiter. – Da kamen sie in eine große Stadt. Da waren so viele Häuser und so viele Menschen, daß sie gar nicht wußten, wohin sie gehen und an wen sie sich wenden sollten.

So schritten sie kühn in ein vornehmes Haus hinein, darin war es gar warm und behaglich, und sie stiegen die teppichbedeckten Stufen hinan und kamen in ein schönes Gemach, das war reich und bunt ausgestattet, und in der Mitte auf einem Tisch stand ein großer Weihnachtsbaum, der leuchtete von vielen, vielen Lichtern, lauter geputzte Leute standen um ihn und bewunderten die kostbaren Sachen, die darunter lagen. Das Zwillingspaar hielt sich fest an den Händen, und sie traten zu dem Herrn des Hauses, der neben einer schönen Dame im Sofa saß, und öffneten ihre lieblichen Lippen:

»Wahrheit und Liebe heißen wir,« sagten sie, »das neue Evangelium wollen wir verkünden, auf daß es Lüge und Unglück aus der Welt von hinnen treibe.«

Da wollte sich der Herr des reichen Hauses schier von Sinnen lachen: »Wahrheit,« sagte er, »mein Junge, damit kann man nicht handeln« und »Liebe,« lachte die schöne Dame neben ihm, »quelle idée! Die ist gar so unbequem und aufreibend –!«

»Komm, Schwesterchen,« sagte der Knabe und sah trotzig um sich, »hier ist nicht gut sein.«

Die Kleine schmiegte sich dicht an seine warme Seite und sie zogen weiter.