Da sangen und jubelten die Kinder ihr neues Evangelium in alle Winde hinaus und der Mann zog sein Weib in seine Arme und sie lauschten der Lehre von der Wahrheit und der Liebe, die die Kinder der ewigen Sonne und der Phantasie ihnen predigten.

Da aber kam der Wind und trug die Sonnenkinder über die Wolken ins Land der Träume.

Und wie sie der schönen Mutter ihre Leiden, ihren Kummer und ihre Seligkeit vertrauten, da weinte sie goldene Thränen und sie fielen in die Herzen jener seligen Menschenkinder, die die Welt von sich gestoßen hatte.

Die Elfen und Gnomen und die Vöglein alle, das lustige, leichtlebige Volk, tanzten und jubilierten, und nur der große Uhu saß im Eichbaum, unter dem die Sonnenkinder wieder schliefen, unter Blumen zugedeckt, und knurrte prophetisch:

»Zu früh, viel zu früh, die Welt ist noch nicht reif für das Evangelium der Liebe und Wahrheit!«

Schneeflocken.

Die Schneeflocken haben Ball heute Abend. Hei! Wie sie sich schwingen in tollem Reigen da oben auf den Bergen, wie sie durcheinander wirbeln und auf und niederspringen, daß einem ganz schwindelig wird beim Hereinschauen. Und der Wind spielt ihnen auf dazu; er saust durch die Tannenwipfel und schüttelt die Kronen der alten Waldriesen, daß sie die Zweige pfeifend gegen einander schlagen; er braust durch die Schluchten und gellt durch die Felsenklüfte, daß es fast wie Hohngelächter klingt, er singt ihnen ein Nordlandslied, wild wie sein Brausen und Toben. Er singt ihnen von den eisigen Gletschern da oben im Norden, und von der Eisjungfrau, die da haust mit Augen, klar und doch unergründlich, wie der Bergsee; er singt, wie sie mit schrillem Lachen die weißen Arme ausbreitet und an den Schneewänden ihres Eispalastes rüttelt – dann stürzen die Lawinen krachend zu Thal und begraben das Menschenvolk da unten. Von den lustigen Gesellen, den Eisbären, erzählt er, seinen Freunden, wie sie im täppischen Tanz umeinander sich drehen, fast wie riesengroße, weiße Schneeflocken, daß es gar komisch anzusehen ist; und von den Schiffen, die zwischen den Eisblöcken stecken, und den Menschen darauf, deren heißes Menschenherz langsam zu starrem Eise wird; von den flimmernden, glitzernden, funkelnden, kalten Sternen da oben am Himmel, die todesruhig lächelnd herniederschauen; von dem Nordlicht, das aufflammt mit trotziger Glut und der Eisjungfrau auf ihrem Gletscher einen rosigen Schleier überwirft, aus dem sie herauslächelt, fast wie ein Menschenbild – so lockt sie die Menschen an, die kühnen Jäger, und sie steigen hinauf zu ihr, immer höher und höher, und sie winkt ihnen und lächelt süß, verheißend – und dann stürzt sie die thörichten Gesellen hinab, in die eisige Tiefe. – Hoiho! jauchzt der Wind, wild ist mein Nordlandslied! Wild, wie der Eiskönigin Lachen, wie der Lawinendonner! Und hoch empor wirbelt er die armen Flöckchen, bis sie sich ermattet an den Tannenzweigen festklammern.

Da ist's gut ruhen; sie schmiegen sich eng an die Nadeln hin – die flüstern und kosen mit ihnen, die wiegen sie hin und her und erzählen ihnen Waldmärlein: von dem naseweisen Tannenbäumchen, das gar nicht zufrieden gewesen damit, daß es im schönen grünen Wald gewohnt und die Füßlein im weichen Moos gebettet hat; gelangweilt hat es sich auf seinem heimatlichen Stückchen Erde und hat hinausgewollt in die weite, weite Welt und gejammert und geschluchzt: O Wind, nimm mich mit! O Quell, rausch' mich zu Thal!

Da hat mit einemmal die Waldfee vor ihm gestanden im grünen Gewand und lockigen Haar, hat es mit den Blumenaugen angeschaut, mit den zarten Händen berührt und gesagt: »Geh', mein Bäumchen, reise zu Thal. – Sie werden Dir weh tun, Dich von Ort zu Ort schleppen, und doch bringst Du ihnen von den Bergen herunter die Sehnsucht mit – den Tannenduft, damit sollst Du ihnen die Seele erfüllen, daß sie gut werden und sich freuen wie die Kinder.«

Dann hat sie das Bäumchen geküßt und ist im Wald verschwunden. –