Sehen Sie, meine verehrten Zuhörer, es geht ein neuer Zug durch den ganzen, alten Schlendrian, namentlich was Kunst anbelangt. Ich bin ein weitgereister Mann, ich höre und sehe mancherlei. Ein krankhaftes Verlangen nach etwas Neuem, Sensationellem, ein Hunger nach Aufregung, nach Vernichtung des Alten, Hergebrachten, zieht durch die ganze Welt. Und wenn sie auch auf Abwege geraten, in Irrtümer verfallen, das Falsche dem Wahren vorziehen – es ist doch alles nur der durch Jahrtausende immer wiederkehrende und immer bleibende, große, unersättliche Durst nach – Freiheit, der Angstschrei der Völker, der zum stillen, hohen Himmel dringt. Und das macht sich auch in der Kunst bemerkbar – – ob zu ihrem Nutzen und Frommen? Und in der Musik, ja, in der Musik –« hier räuspert sich der Staar und blickt gen Himmel – »ja, auch in der Musik gellt und dröhnt und paukt und trompetet jener Freiheitsschrei in die Lüfte, die Ohren der Zuhörer mächtig mit sich fortreißend. – Nein, das geht ja nicht. Ich – ich – ich lasse mich immer so von meinen Gefühlen überwältigen, meine Lieben – und« – Ja, da bleibt der gebildete Staar stecken. Mit Gesichtern voll Ehrfurcht und inniger Verständnislosigkeit haben unsere Blauvögel die lange Rede angehört, während der Gelbspecht mit philosophischer Gelassenheit äußert: »Das mag alles recht schön und ersprießlich sein, verehrter Redner, aber so lange wie es genug Mücken und Fliegen in der Luft gibt und wie ich nach Herzenslust an den Bäumen herumhämmern kann, ist mir die ganze Wirtschaft furchtbar egal und um den allgemeinen Freiheitsdrang kümmere sich der Kuckuck!
Vorläufig wollen wir aber einmal diese merkwürdige Ausstellung ansehen, wenn Sie, verehrter Herr Staar, uns gütigst führen wollen.«
»Ja, ja,« rufen die Blauvögel und schlagen mit den Flügeln, und
»Hier hinein, ins Tannendickicht, liebe Leute,« belehrt sie der Staar. Und dann fliegen alle vier davon. Der Zweig über'm Bächlein nickt gedankenverloren auf und ab, und das Bächlein murmelt und kichert dazu.
Drinnen im Tannendickicht herrscht schon reges Leben, die Ausstellung scheint im vollen Gange zu sein. Ein geschniegeltes Mäuseherrchen, den Schnurrbart gewichst, die Oehrlein gespitzt, steht am Eingang als Portier. Der Eintritt ist frei – wie nach Bellamy im Jahre 2000 bei den Menschen, gibt es im Tierstaate kein Geld – und unsere vier Vögel flattern in das Dickicht.
»Ah, guten Tag, Herr Mäuserich,« sagt der Staar, der alle Welt zu kennen scheint, »was macht die Frau Gemahlin? Hat sie sich vom letzten Wochenbett erholt?«
»Schönen Dank, bester Herr Staar,« entgegnete der glückliche Mäusepapa, »alle zwölf wohlauf, aber es ist 'ne Last, die lieben Kinderchen großzuziehen.«
»Können Sie denn das nicht per Elektricität besorgen lassen? Heutzutage sollte doch alles möglich sein – Eier ausbrüten – Kleinigkeit! Warum nicht auch Kinderfüttern, Kinderprügeln, Kinderkriegen etc.?« Mittlerweile hüpften sie weiter durch die verschlungenen Wege des Tannendickichts. Zwar sind die Plätze einiger Nachzügler noch unbesetzt, Vieles ist nicht ganz vollendet, wie ein halbfertiger Maulwurfshaufen z. B., ein Sprungbrett, eine angefangene Wendeltreppe für Eichhörnchen, ein prachtvoller Bau mit geheimnisvollen, unterirdischen Gängen, in welchen Kaninchen noch eifrig beschäftigt sind, zu graben, und dergl. mehr, aber im Ganzen scheint die Sache recht gelungen zu sein.
Zwei wohlgenährte, etwas verschwiemelt aussehende Ratten, kleine Knüppel in der Hand, Mützchen von im Wald gefundenem blauem Butterbrotspapier über den dicken Nasen, eine weiße Sternblume auf der Brust befestigt, marschieren würdevoll und bedächtig als heilige Wächter der Ordnung oder Wächter der heiligen Ordnung umher. Und es ist auch nötig: das schwirrt und summt und brummt durcheinander, und hüpft und tanzt und zirpt, daß es wahrhaftig einer energischen Rattenpolizei bedarf, um das leichtfüßige Gesindel in Ordnung zu halten. Doch vor unserer Vogelgesellschaft bezeigen die Tierlein großen Respekt; sie halten sich in gewisser Entfernung und verneigen sich achtungsvoll, sobald ein Blick aus Vogelaugen auf sie fällt. Nur ein großer Hirschkäfer mit stattlichem Geweih nähert sich mit höflich-gemessener Verbeugung und bietet sich den hohen Herrschaften als Führer an, was mit Dank angenommen wird.
»Sehen Sie, meine Hochverehrten, hier unser Kunstdepartement. Alles neu, noch nie dagewesen. Sehen Sie, dies Spinnengewebe« – die langbeinige Spinne, die es vorhin so eilig hatte, steht daneben und begrüßt sie mit einem Auskratzen ihrer langen Spinnenbeine – »wie fein, wie zart, geschickt die Fäden verknüpft! Und die fette, zappelnde Fliege darin, jeden Tag wird eine frische gefangen und hineingesetzt – das nenne ich Naturalismus.