»Gibt es denn gar kein Mittel, um die Welt von dieser wahnsinnigen Angst zu befreien, auf daß sie ihr kühn entgegenblicke und ihre ganzen Kräfte anstrenge, dem Schrecklichen mit Vernunft entgegen zu arbeiten?« fragt das Sonntagskind schüchtern.
»Ach, liebes Sonntagskind,« lächelt der Geselle und schüttelt seine Glöckchen, »das Mittel ist schon da und die Menschen kennen's auch, nur haben sie es vergessen. – – All die große, schwere Angst der Völker würde sich in nichts verflüchtigen, wenn sie nur ein klein wenig mehr an – den kleinen Finger der Venus von Medici denken wollten.«
»An den kleinen Finger der Venus von Medici?« fragt das Sonntagskind mit großen, verwunderten Augen.
»Komm,« sagt der närrische Geselle, und schweigend wandern sie durch die Nacht tief in den Garten hinein. Da stehen sie vor einem dichten Gebüsch, von lauter seltsamen Sträuchern gebildet; Pinien wiegen ihre schlanken Wipfel und dunkler Lorbeer schmiegt seine Zweige ineinander. Aber des Mondes Strahl dringt doch hindurch – oder ist es das schöne Weib dort, das den wundersamen Glanz ausstrahlt? Da steht sie in ihrer schimmernden, weißen Nacktheit inmitten all dem Grünen – zierlich treten ihre schlanken Füße den Boden, die linke Hand deckt schamhaft den Schoß, die rechte den schneeigen Busen, und der wunderbare kleine Finger dieser rechten Hand spreizt sich ein wenig von den andern ab, zur Seite geneigt hält sie das schöne Haupt – lauscht sie? –
Betäubt von all ihrer Schönheit sinkt das Sonntagskind in die Knie. Der Geselle aber tritt bescheiden hin vor das wonnevolle Weib, schleudert seine Narrenkappe zur Seite und faltet bittend die Hände:
»Hehre Göttin, süße Königin, Dein Knecht, dem Du stets Dich huldvoll geneigt hast, dem Du so manchesmal aus der Not geholfen, in die ihn sein Uebermut gestürzt hat – Dein dankbarer Liebling naht sich Dir mit einer demütigen Bitte: Gib diesem Menschenkinde, das zu uns in seinem Kummer geflüchtet ist, einen Trost auf seinen Weg, den es der Welt verkünden kann. Laß es die Macht Deines vornehmen kleinen Fingers ahnen – zeig' ihm, warum Du ihn so entzückend neckisch gespreizt hältst.«
Da lächelt Venus: »Nun, wozu sollte er denn sonst wohl gut sein,« sagt sie schelmisch, erhebt die rechte Hand, läßt sanft den kleinen gespreizten Finger in die zierliche Ohrmuschel gleiten und schüttelt ihn ein wenig – dann lauscht sie lächelnd freudig in die Ferne.
»Ich höre wieder die bebenden Laute der Liebe und des Erbarmens – himmlisch wohllautend dringen sie in mein Ohr!«
»Sieh', kleines Sonntagskind,« sagt der ernsthafte Geselle, »wie die Venus mit ihrem kleinen Finger die Spinnenweben der Lüge und Heuchelei und Hartherzigkeit aus ihrem Ohr hinaus schüttelt, so sollten es auch die Völker thun, dann würde die große, schwere Angst von ihnen weichen und die bebenden Laute der Liebe und des Erbarmens auch an ihr Ohr dringen.
»Pah,« lacht er dann, nimmt seine Schellenkappe auf und wirft sie in die Luft, daß die silbernen Glöckchen klingeln, »armes Sonntagskind – die Welt wird Dich steinigen, wirst Du ihnen das verkünden. Lache über sie, so wie ich, das ist das Einzige, was sie fürchtet.«