»Liebes Kind – Litteraten sind's, moderne aus dem neunzehnten Jahrhundert, und die barocken Sprünge und eleganten Posen machen sie aus Angst, um sich und das Publikum d'rüber hinwegzutäuschen.«

»Und, mein Geselle, sieh' den Mann dort hinter dem Ofen, in Schlafrock und Pantoffeln, mit langer Pfeife und dem Bierseidel in der Hand. – Recht unzufrieden scheint er mir zu sein, er rückt unruhig hin und her – horch! er schilt und gebraucht böse Worte.«

»Ja, liebes Kind – das Bier schmeckt nicht, und die Kartoffeln sind mißraten, und die Pfeife qualmt und durch die Schlafrockärmel pfeift der Wind, und die Pantoffeln sind unbequem. Da hadert er mit seinem langmütigen Herrgott im Himmel droben, mit dem Brauersknecht, dem Nigger, dem Schuster und am meisten mit seiner lieben Frau – und es ist doch nur die Angst, die ihn in seiner eigenen Haut sich nicht wohl fühlen läßt. – Ja, und ›Philister‹ nennt man den Mann, liebes Sonntagskind.«

»Ach, und, mein Geselle, dort jene Hungernden, Darbenden, Elenden, jene Neidischen, Unzufriedenen, Hassenden, auf was warten sie finstern Auges, trotziger Stirn, rachsüchtigen Herzens? Und dort jene Ballgeschmückten, die im Reigen sich drehen! Was ziehen sie in ihren Masken und Flittern einher, als wollten sie die Freude zu Grabe tragen?«

Da faßt der Geselle das Sonntagskind bei den Schultern und wendet es ein wenig zur Seite:

»Schau dort hinüber, liebes Kind,« sagt er, »sieh' weithin über die Welt!«

Da steht auf einem Berge, hoch über dem Gewirr, Gewimmel, Gehast, ein großes, starkes Weib, das schwingt mit grimmigem Lächeln, mit finsterem Angesicht eine Peitsche in ihren Händen, deren vielteilige, zackige Enden zischend über die ganze Welt hinsausen – und hohnlachend sieht das Riesenweib, wie die Menschen angstvoll zusammenfahren und bei jedem Schlage noch verwirrter durcheinander rennen.

»Die Wolke, die große Wolke!« ruft das Sonntagskind entsetzt, »siehst Du, wie sie über die Welt hinfährt? Hörst Du sie zischen und brausen? Das ist sie, die mich so erschreckt!«

»Ja,« antwortet der neben ihm und richtet sich auf zu voller Höhe und seine Augen blitzen.

»Das ist die Wolke – das ist die große Angst, die schwer auf der Welt liegt, die Angst der Völker vor etwas Entsetzlichem, etwas Furchtbarem, das über sie kommen wird, wie der Blitz durch die Wolken fährt. – Wird es sie vernichten? Wird es die Welt zerschmettern, zu nichts zertrümmern – oder wird aus dem Chaos ein Neues entstehen, ein Herrliches, wie der Vogel Phönix aus der Asche! Sie wissen's nicht und beben vor Furcht und wagen kaum, tief Atem zu holen.«