Aber die Bevölkerung besteht in ihrer Mehrheit aus Verbrauchern, die nicht Unternehmer in der Produktion sind – Produzenten sind die Arbeiter ja auch, aber nicht Unternehmer –, sondern Verbraucher, ebenso sind Verbraucher die Lehrer, Beamten usw. Hier stellt sich ein Klassenkampf ein, der sich zwar nicht auf der Straße abspielt, sondern in den Parlamenten und in der Presse. Aber Kampf bleibt Kampf. Der Kampf der Landwirte gegen die Verbraucher, der Verbraucher gegen die Produzenten, der Handwerker gegen Handel und Großindustrie, alles das sind Klassenkämpfe. Diejenigen Handwerksmeister, die ihre Meisterherrlichkeit bewahren wollen durch das Mittel von Zwangsgesetzen, Zünften, Zwangsinnungen usw., kämpfen je nachdem einerseits gegen die Arbeiter, andererseits gegen den Handel. Sie suchen sich gegen diesen zu schützen, weil er sie nach ihrer Ansicht dadurch bedrückt, daß er ihre Produkte vermeintlich billiger auf den Markt bringt, als sie sie produzieren können. Ein latenter, d. h. sich nicht in der üblichen Form äußernder Klassenkampf liegt vor, wo die Großkapitalisten in der Industrie sich verbunden haben in Kartellen, er richtet sich gegen die Verbraucher, denn die Kartelle sind immer mit dem Zwecke verbunden, die Preise hochzuhalten. Daneben gibt es den Kampf der Kartelle gegen diejenigen Unternehmer ihres Industriezweiges, die ihnen nicht angeschlossen sind, gegen die sogenannten Außenseiter. Man weiß, zu welch scharfen Mitteln die Kartelle vielfach greifen, um die Außenseiter entweder zum Eintritt zu zwingen oder ganz lahmzulegen. Man kennt die Fälle, wo die Kartelle über die Außenseiter eine Art Boykott verhängt, wo sie ihnen den Bezug von Rohstoffen und Hilfsmitteln völlig verlegt haben, Mittel des Kampfes, die mindestens so scharf sind, wie sie die Arbeiter ihrerseits im Gewerkschaftskampf anwenden. Das sind Klassenkämpfe oder Teile von solchen in der modernen Gesellschaft, in den Schichten der Unternehmer und relativ selbständiger Bevölkerungsklassen selber. Es gibt dann noch Pseudoklassenkämpfe. Als Beispiel könnte ich erwähnen, daß im Weltkrieg verschiedene Leute bei uns, darunter ein bekannter – ich möchte ihn nicht nennen – Schriftsteller den Kampf Deutschlands gegen England als einen Klassenkampf hinstellten, wobei Deutschland der arme Proletarier und England der kapitalistische Ausbeuter sein sollte. Das war für die Kriegsstimmung ein sehr bestechendes Bild, aber es traf nicht zu. Denn soweit der Kampf Wirtschaftskampf war, war es nur ein Interessenkampf, nicht aber ein Klassenkampf. Wenn andererseits heute der Führer der polnischen Partei in Oberschlesien, Korfanty, in seiner Presse schreiben läßt, was in vielen Ländern auch Eindruck macht, sein Kampf sei der Kampf des polnischen Proletariats gegen das deutsche Kapital, so ist das ebenfalls nicht richtig. Wenn z. B. die große Mehrheit der Bergarbeiter in Oberschlesien Polen sind, so sind doch die meisten Metallarbeiter Oberschlesiens Deutsche. Auch sind viel polnisch sprechende Arbeiter Oberschlesiens für dessen Verbleiben bei Deutschland. Der dortige Kampf ist, auch wenn er hier und dort Arbeitern als Klassenkampf erscheint, im Wesen ein nationaler Kampf und nichts anderes.
Aber von allen diesen Klassenkämpfen, die sich heute in der Gesellschaft unter den verschiedensten Formen abspielen, zeitweise sehr heftige Gestalt annehmen und dann abflauen und zurückgedrängt werden von anderen Kämpfen, bleibt doch der größte Klassenkampf immerhin der Kampf zwischen der Klasse der Arbeiter, den Lohnempfängern, und der Klasse der Unternehmer. Die große Ausdehnung dieses Kampfes ist die natürliche Folge der großen Ausdehnung der modernen Industrie. Die Arbeiterklasse nimmt in der heutigen Gesellschaft einen immer größeren Raum ein, einen unendlich viel größeren als zu der Zeit, wo Lassalle schrieb. Im Jahre 1907 hatten wir in Industrie, Handel und Verkehr 17 Millionen Lohnarbeiter. Wo lebten diese Arbeiter? In überwiegender Zahl in den großen Städten und Industriezentren, dort gerade, wo das geistige und politische Leben der Nation am intensivsten pulsiert, während die Landwirtschaft meist von diesem Leben abgetrennt ist. In den Großstädten und Industriezentren nun spielen die Arbeiter eine wachsend einflußreiche Rolle; sie nehmen in der Bevölkerung einen immer größeren Raum ein und wirken dadurch allein schon sehr stark zurück auf das allgemeine Urteil und, je nachdem sie sich Rechte erkämpfen, später auch auf die Politik. Der Kampf der Arbeiterklasse vollzieht sich in verschiedenen Formen als Kampf um Einfluß und Macht in Staat und Gemeinden, um Einfluß auf Gesetzgebung und Verwaltung. Solange die Arbeiter eine kleine Schicht und noch nicht zu einem Klassenbewußtsein gelangt sind, ist davon wenig zu merken. Auch heute noch sind an kleinen Orten, wo die Zahl der Lohnarbeiter gering ist, oft die meisten davon politisch indifferent. Aber je mehr die Zahl der Arbeiter in den Zentren anwächst, um so mehr Anteil nehmen sie am öffentlichen Leben und fühlen das Bedürfnis, in Staat und Gemeinden vertreten zu sein und Einfluß und Macht zu gewinnen. Dieser Einfluß steigert sich mit der Zunahme demokratischer Einrichtungen, mit der Erweiterung des Wahlrechtes, das auf die Dauer den Arbeitern auch gar nicht vorenthalten werden kann. Selbst vor der Revolution schon haben bei uns in Deutschland die Arbeiter einen erheblichen politischen Einfluß ausgeübt. Abgesehen davon, daß man ihnen 1866 bei Gründung des Norddeutschen Bundes das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht gab, mußte man ihnen auch den Eintritt in die Gemeinden erleichtern. Schließlich ist auch die einst so feste Mauer des preußischen Dreiklassenwahlrechts vor ihrem Ansturm durchbrochen worden. Unter dem erweiterten Wahlrecht drangen sie in wachsender Zahl in die öffentlichen Körperschaften ein und, was fast noch wichtiger ist, durch ihre Stärke und Zahl und die Intensität ihres Kampfes erlangten sie auch einen bedeutenden Einfluß auf die große öffentliche Meinung. Man sprach in den Hörsälen, in den Parlamenten und in der Regierung ganz anders von den Bedürfnissen und Forderungen der Arbeiterklasse als vorher. Die Arbeiter setzten eine ganze Reihe wenn auch nicht revolutionärer aber doch in bezug auf ihre soziale Tragweite sehr bedeutungsvoller Reformen durch. Das ist die eine, die politische Form des Arbeiterkampfes. Wie er seinerzeit Marx erschien, war er wesentlich auf die Revolution gerichtet, worunter hier nicht eine soziale Änderung zu verstehen ist, die sich in den Dingen vollzieht, sondern daß eine Klasse durch Aufstand usw. sich an die Herrschaft setzt und die an ihr befindlichen Klassen verdrängt. Darauf zielte noch die Marxsche Bewegung ab, darauf mußte sie abzielen, denn als Marx schrieb, hatten die Arbeiter noch in keinem Lande das Wahlrecht. Sie mußten es erst erkämpfen, und nach Lage der Dinge schien es, als ob sie dieses Recht nur auf dem Wege gewaltsamer Revolution erkämpfen könnten. Nachdem es aber erkämpft war, was in den meisten Ländern auf andere Weise geschah, mußte sich ein ganz anderer politischer Kampf der Arbeiterklasse entwickeln. Zum Teil haben das Marx und Engels noch erlebt und dafür auch wachsendes Verständnis und Interesse gezeigt. Sie haben an den Wahlkämpfen der Arbeiterparteien geistig lebhaften Anteil genommen. Nicht erlebt haben sie aber die unsere Epoche auszeichnende stärkere Tätigkeit der Arbeiter in den öffentlichen Verwaltungskörpern, den Zwangsgenossenschaften, Gemeinden, Land, Reich, und in ihren eigenen freien Verwaltungskörpern. Es ist indes zweifellos, daß ohne die Erziehung zur Verwaltung der Einfluß des Proletariats in der Gesellschaft auf die Dauer nur begrenzt sein kann. Sie selbst aber konnte erst verwirklicht werden und ein Resultat sein einer mehr oder weniger demokratischen Entwicklung.
Die andere Form des Klassenkampfes der Arbeiter ist die des direkten Kampfes auf wirtschaftlichem Gebiet, der im wesentlichen geführt wird durch die Koalitionen der Arbeiter, die wir heute Gewerkschaften nennen, sowie auch Arbeitergenossenschaften, aber solche anderer Art, als sie in der Zeit bestanden, wo Marx schrieb. Der Koalitionskampf der Arbeiter gegen die Unternehmer ist in der Mehrheit der Fälle ein Kampf um Lohnhöhe und Lohnformen, er wird aber auch geführt um Länge und Anordnung der Arbeitszeit sowie um ein Arbeiterrecht, nämlich das Arbeiterrecht in den Betrieben usw. Diese Kämpfe spielen sich in der Frühzeit des Kapitalismus als rebellische Kämpfe ab. So schildert sie Marx noch in seiner Schrift „Das Elend der Philosophie“. Es tragen die Gewerkschaften da einen fast unmittelbar revolutionären Charakter. Das war in den vierziger Jahren des abgelaufenen Jahrhunderts. Schon anders urteilt Marx über die Gewerkschaften zwanzig Jahre später in einem Briefe von 1868 an J. B. von Schweitzer, den damaligen Präsidenten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, als dieser versuchte, in Deutschland Gewerkschaften zu organisieren. Marx kritisierte in dem Brief den Schweitzerschen Plan, der darauf hinauslief, die ganze Bewegung nach einem bestimmten fertigen Schema in einen großen Einheitskörper zusammenzufassen, und legt dar, das würde nicht angehen, der Plan würde auf viele Widerstände stoßen. Er sieht eben schon eine andere Gewerkschaftsbewegung mit regelrechten festen Berufsverbänden vor sich, drückt sich aber über ihren Wert nicht näher aus. Den Ansatz zu einer Theorie des Gewerkschaftskampfes finden wir überhaupt bei ihm noch nicht, sondern nur erst eine Würdigung der Tatsache dieses Kampfes als einer Regung des Proletariats für bestimmte Zwecke. In das eigentliche Wesen und die innere Natur des Gewerkschaftskampfes tiefer einzudringen war ihm versagt, weil zu seiner Zeit noch alles auf diesen Bezügliche im Werden und unentwickelt war.
Um die Frage, ob Gewerkschaften zweckmäßig seien oder nicht, haben damals und noch später große Kämpfe im sozialistischen Lager sich abgespielt. Es gab unter den Sozialisten sehr ernsthafte Gegner der Gewerkschaften überhaupt. In erster Reihe waren es die Utopisten, Leute, die in der Phantasie oder Spekulation ganze Pläne einer neuen Gesellschaft ausgearbeitet hatten und nur an deren Verwirklichung dachten. Für sie war der Klassenkampf der Gewerkschaften ein störendes Moment, außerdem waren die Objekte der Gewerkschaftskämpfe in ihren Augen Kleinigkeiten, die gegenüber dem Streben für die Idealgesellschaft nicht in Betracht kamen. So stellten sie sich den Gewerkschaften ablehnend gegenüber. Gewerkschaftsgegner waren auch die radikalen Sozialrevolutionäre, die man am besten als Blanquisten bezeichnet, und deren Bewegung in Frankreich zu Hause war. Es gab ebenso in England bei den Chartisten eine Richtung, welche auf den Umsturz durch die Revolution abzielte und der daher die Bewegung der Gewerkschaften gleichfalls störend war. Das heißt, Kämpfe der Arbeiter um Lohnerhöhungen waren ihnen nicht unangenehm, die haben sie gelegentlich selbst provoziert, um dadurch revolutionäre Erhebungen zu erzielen; um so weniger wollten sie dagegen von der langsamen systematischen Gewerkschaftsarbeit wissen und standen mit den fest konsolidierten Gewerkschaften meist in heftiger Fehde. Noch manche andere Sozialisten standen den Gewerkschaften fremd oder ablehnend gegenüber. So in Frankreich P. J. Proudhon, der geistreiche Verfasser der Schrift: Was ist das Eigentum? Er bekämpfte sie, weil er ein besseres Mittel zu haben glaubte. Er wollte die Wirtschaft auf dem Wege der demokratischen Organisation des Kredits und der Mutualität im Sinne des Sozialismus umwandeln. In Deutschland war von Sozialisten ein Gegner der Gewerkschaften Ferdinand Lassalle. Sein Vorschlag war, durch staatlich finanzierte Produktivgenossenschaften die Arbeiter vom Druck des Kapitals zu befreien. Er wollte, wie er sich ausdrückte, die deutschen Arbeiter bewahren vor dem Elend der englischen Gewerkschaftsbewegung. Ein anderes Wort von ihm lautet: „Der Gewerkschaftskampf der Arbeiter ist der vergebliche Kampf der Ware Arbeit sich als Mensch zu gebärden.“ Daß Lassalle zu dieser Ansicht kam, erklärt sich daraus, daß die englische Gewerkschaftsbewegung zu seiner Zeit – in Deutschland gab es bloß unbedeutende örtliche Versuche – anscheinend fast nur Verluste zu verzeichnen hatte. Im Jahre 1852 hatte sich in England ein großer Kampf der Maschinenbauer abgespielt, der damals stärksten Gewerkschaft, und viele Arbeiterfreunde hatten sich für ihn erwärmt, die christlichen Sozialisten von der Richtung Maurice und Kingsley hatten ihm reiche Geldmittel zugewandt. Trotzdem ging er nach mehrwöchentlicher Dauer verloren. Lassalle hatte ihn, wie wir aus einem Brief von ihm an Marx wissen, mit großem Interesse verfolgt, und sein Fehlschlag scheint großen Eindruck auf ihn gemacht zu haben. Er befestigte ihn in der Auffassung vom wirtschaftlichen Naturgesetz des Arbeitslohnes, wonach dieser auf die Dauer bestimmt wird durch die unbedingt notwendigen Lebensbedürfnisse des Arbeiters, daß er nie lange über dieses notwendige Maß sich erhebt, weil dann die Vermehrung der Arbeiter durch verstärkte Zunahme der Geburten usw. ihn zurückwerfen würde, und andererseits auf die Dauer nicht tief unter ihm bleiben kann, weil dann die Arbeiter auswandern, aussterben usw. würden. So mußte ihm denn natürlich der Gewerkschaftskampf als vergebliches Bemühen erscheinen, wenn er auch im letzten Jahre seines Lebens sich noch sehr begeisterte für einen Kampf von Arbeitern einer Hamburger Wagenbaufabrik. Er spricht davon in seiner letzten, der sogenannten Ronsdorfer Rede und rühmt es als einen Beweis für die Rührigkeit seiner Anhänger, daß es solche waren, die bei diesem Kampf sich hervorragend betätigt hatten. Indes war das doch noch keine Anerkennung der Gewerkschaften selbst, und wie die Schüler stets orthodoxer sind als die Meister, so gab es bei den Lassalleanern lange Zeit erregte Diskussionen darüber, ob Gewerkschaften überhaupt sein sollen oder nicht. Im Jahre 1868 nahm Lassalles begabtester Nachfolger, J. B. von Schweitzer, die Frage auf, nachdem vorher schon die bürgerlich-demokratische Fortschrittspartei durch ihr Mitglied Dr. Max Hirsch und ebenso die mit der Internationale in Verbindung stehenden Sozialisten von der Richtung August Bebel und Wilhelm Liebknecht den Gedanken propagiert hatten. Es ging damals durch Deutschland eine starke Bewegung zur Gründung von Gewerkvereinen, doch gab es in den Reihen ihrer Anwälte große Unterschiede hinsichtlich der Zwecke und der Formen. Dr. Max Hirsch wollte die Gewerkvereine als Mittel zur Herstellung dieser wahren Harmonie von Kapital und Arbeit, das heißt Milderung des Klassenkampfes, Schweitzer und ebenso Bebel und Genossen wollten sie im Gegenteil als Hilfstruppen zur Führung und womöglich Verschärfung des Klassenkampfes, nur die orthodoxen Anhänger der Lehren Lassalles stemmten sich gegen ihre Einführung. Die mit den Fortschritten der industriellen Entwicklung Deutschlands verbundene Vermehrung und Vergrößerung der Industriezentren sprachen das entscheidende Wort. Die noch bestehenden Verbote der Koalitionen der Arbeiter mußten fallen, und Gewerkvereine der verschiedenen Richtungen traten ins Leben.
Allerdings blieben sie längere Zeit auf mäßige Mitgliederzahlen beschränkt und blieben daher in bezug auf die Erfolge ihrer Kämpfe noch völlig abhängig von den Konjunkturen des Marktes. Bei steigender Konjunktur erzielten sie Verbesserungen für die Arbeiter, die aber sofort wieder verloren gingen, wenn eine Geschäftsstockung eintrat. Die Lohnkurve bewegt sich einfach im Zickzack, ein Zustand, bei dem die Arbeiterklasse sich weder materiell verbessert, noch ihren Anteil an der Kultur hebt. Aber die Bewegung bleibt und sucht nun nach möglichst zweckmäßigen Formen, wie das seinerzeit auch in England geschah. Es spielen sich innere Kämpfe darüber ab, wie die Organisationen aufgebaut werden sollen, ob mehr zentralisiert oder mehr föderalistisch, beziehungsweise lokalistisch, ob die Gewerkschaft verknüpft werden soll mit Unterstützungseinrichtungen, oder ob sie eine reine Klassenkampforganisation sein soll. Der Streit darüber spielt lange Zeit in der Arbeiterbewegung und löst zeitweilig starke Leidenschaften aus. Es geht bei ihm manchmal nicht minder heftig zu als heute, und mitunter fehlt auch nicht Gewalttätigkeit.
Nachdem die Kriegsära und die Jahre des Ausnahmegesetzes vorüber waren, wurde in Deutschland der Streit, ob lokalisierte oder zentralisierte Gewerkschaften, zum Austrag gebracht. Die lokalistischen Gewerkschaften unterlagen. An einzelnen Orten behielten sie einen gewissen Anhang bei den Arbeitern des Baugewerbes, im übrigen aber siegte bei den auf dem Boden des Klassenkampfes stehenden Gewerkschaften das zentralistische Prinzip. Die zentralistischen Gewerkschaften nun sind zumeist verbunden mit Unterstützungseinrichtungen, die ihnen die organisatorische Festigkeit geben. Wo sie diese Einrichtungen nicht haben, gewinnen Gewerkschaften fast nur in Zeiten guten Geschäftsganges und erfolgreicher Lohnkämpfe Anhänger, und strömt, nachdem diese vorüber, ein großer Teil der gewonnenen Mitglieder wieder ab und verliert das Interesse an ihnen. Je mehr Unterstützungseinrichtungen die Gewerkschaft hat, um so fester ist der Zusammenhalt. Allerdings nimmt sie dadurch einen etwas konservativen Charakter an, aber sie erzielt dafür größere Wirkungen und kann durch ihre Festigkeit den Unternehmern Arbeitstarife abnötigen, die eine mehr oder weniger lange Dauer haben. Die Tarifbewegung hat denn auch in Deutschland einen sehr großen Aufschwung genommen. In England längst bekannt, ist sie hier längere Zeit wenig beachtet worden. Als aber bei uns im Jahre 1903 zum ersten Male eine Erhebung der in Kraft befindlichen Tarife veranstaltet wurde, die von 1903 bis 1905 sich ausdehnte, stellte sich heraus, daß Deutschland schon 1577 solche Tarife hatte, auf Grund deren 47 7000 Arbeiter beschäftigt wurden. Die Lohnkämpfe hatten also schon in weitem Umfange jene Gestalt angenommen – den Kampf um den Tarif –, die ihnen statt des mehr anarchischen einen konsolidierten Charakter verlieh und allmählich auch den Unternehmern zusagte. Hatten diese einmal einen Tarifvertrag abgeschlossen, so konnten sie darauf rechnen, für die Zeit seiner Dauer von jedem ernsteren Lohnkampf verschont zu bleiben und daher mit größerer Sicherheit ihre geschäftlichen Kalkulationen machen.
Schrittweise haben sich dann die Tarife nicht nur der Zahl der von ihnen betroffenen Unternehmen und Arbeiter, sondern ihrer ganzen Form nach vervollkommnet. Sie erstreckten sich auf viel weitere Fragen als nur auf die Lohnhöhe. Mindestens ebenso wichtig wie der Lohn ist für den Arbeiter die Arbeitszeit, dann aber auch seine Rechtsstellung im Unternehmen, die durch den Tarif verschiedentlich gleichfalls geregelt ward. Der Arbeiter ist nicht nur abhängig vom Unternehmer, sondern auch von dessen Beamten wie Werkführer, Aufseher usw. Vor Anfang der kapitalistischen Produktion trat der Arbeiter bei der Arbeitssuche schlechthin in die Werkstatt ein und fand einen Meister, der kaum einer anderen Gesellschaftsklasse angehörte als er selbst. Er wurde begrüßt, bekam sein sogenanntes Geschenk und ward nicht selten aufgefordert, an der gerade bevorstehenden Mahlzeit teilzunehmen. Ohne sich irgendwie zu degradieren, konnte er von Werkstatt zu Werkstatt nach Arbeit suchen. Aber je größer die Produktionsstätten der Industrie wurden, um so veränderter nahm sich die Arbeitssuche aus. Mit der Mütze in der Hand stand der Arbeiter vor der Fabrik und wurde schon vom Türhüter schief angesehen. Die Form der Arbeitssuche und Arbeitsvermittlung erhält durch die moderne Industrie also eine große Bedeutung nicht nur unter wirtschaftlichem, sondern auch unter dem sozialen Gesichtspunkt. Auch Bestimmungen hierüber kamen allmählich in die Tarife hinein. Wenn man heute sich einen Tarif zwischen Arbeitern und Unternehmern eines bestimmten Gewerbes geben läßt, so wird man oft über seinen Umfang erstaunt sein. Der erste größere deutsche Tarif, der Tarif der Buchdrucker, war bald ein ganzes Gesetzbuch und ein ziemlich dickes Gesetzbuch obendrein. Es werden darin alle Einzelheiten über Lohnhöhe, Arbeitszeit, Kündigung, Schlichtung von Streitigkeiten usw. geregelt. Die Zahl der Tarife der Gewerkschaften stieg bis 1913 auf 10 885 für zusammen über 143 000 Betriebe mit rund 1 400 000 Arbeitern. Während des Krieges nimmt sie etwas ab. Aber kaum ist dieser vorüber und die Revolution da, so steigt sie nicht nur sofort wieder, es nimmt auch unter dem Einfluß der Revolution ihr Geltungsgebiet bedeutend zu. Schon im Jahre 1919 waren es 11 000 Tarife für 272 000 Betriebe mit rund 6 Millionen Arbeitern. Heute ist die Zahl noch größer, und größer auch ihre Wirkungskraft. Zugleich erhoben sich freilich neue Probleme.
Im letzten Jahre des Krieges hatte man unter dem Einfluß der Regierung Arbeitsgemeinschaften zwischen den Organisationen der Arbeitgeber und der Arbeiter gebildet, die eine stärkere Form des Tarifvertrags waren und eine Art Interessengemeinschaft zwischen den Organisationen der Unternehmer und denen der Arbeiter schufen. Dadurch erhielten die organisierten Arbeiter ein Interesse am Steigen der Preise, das nicht ohne seine volkswirtschaftlichen Bedenken war. Zugleich schienen sie eine Abschwächung des Klassenkampfes der Arbeiter anzuzeigen und wurden deshalb von extrem gerichteten Sozialisten heftig bekämpft. Handelte es sich um vereinzelte Organisationen besonders günstig gestellter Arbeiter, so wäre die Gegnerschaft nicht unbegründet. Bei dem umfassenden Charakter, den die Gewerkschaftsbewegung in Deutschland trägt und ihrer einheitlichen Zusammenfassung im Allgemeinen Gewerkschaftsbund ist die ihr zugrunde liegende Furcht sehr übertrieben. Die Abschwächung bezieht sich da nur auf die äußere Form des Kampfes. Im Wesen der Sache bedeutet es einen nicht geringen Aufstieg der Arbeiter in ihrem sozialen Recht, als organisierte Klasse von den Unternehmern anerkannt zu werden, was selbst in den machtvollen Zweigen der großen Industrien der Fall ist, in die die Gewerkschaft vor dem Kriege nicht einzudringen vermochte.
Viel Streit ist auch darüber geführt worden, ob die Tarife kurz oder langfristig sein sollen. Den radikalen Sozialisten waren die langfristigen, über mehrere Jahre sich erstreckenden Tarife ein Greuel. Der kurzfristige Tarif bot ja den Vorteil, daß der Arbeiter durch ihn nicht gebunden ist, wenn eine gute Konjunktur eintritt, sondern daß er dann höheren Lohn erkämpfen kann. Das ist soweit richtig, vergessen wird nur, daß der Arbeiter dabei doch wiederum abhängig bleibt von der Konjunktur. Denn läßt die Konjunktur nach, so verliert er eben das Erlangte wieder. Er kann den höheren Lohn nur während der guten Konjunktur aufrechterhalten, während mittels langfristiger Tarife die Arbeiter sich über die schlechte Konjunktur hinweghelfen können. Das aber muß gerade ihr Bestreben sein, sich freizumachen vom Druck der Konjunktur und eine Stetigkeit der Lohnentwicklung zu erlangen, die einen Aufstieg ihres ganzen kulturellen Daseins verbürgt. Zum Teil ist das auch durch die Gewerkschaften schon erzielt worden. Sie umfassen in Deutschland heute rund 9 Millionen Arbeiter, und durch ihre feste Organisation bilden sie eine Mauer gegenüber der Rückwirkung der Konjunkturschwankungen auf die Lohnhöhe. Sogar schon vor dem Krieg ist es dem deutschen Bauarbeiterverband gelungen, mitten in einer Krisis einen Vertrag mit den Unternehmern abzuschließen, worin festgelegt wurde, daß in keinem Betriebe eine Herabsetzung der Löhne eintreten soll. Das ist kaum in England jemals passiert und war ein ganz bedeutendes Ereignis innerhalb der Arbeiterbewegung. Man kann einen echten Tarif einer starken Gewerkschaft schon bezeichnen als ein wirkliches Stück Teilhaberschaft an der Industrie, das viel bedeutungsvoller ist als die sogenannte Gewinnbeteiligung am Privatunternehmen, zumal wenn ihm zur Seite geht die Erkämpfung der politischen Demokratie.
In Betracht kommen für den Klassenkampf auch die Konsumgenossenschaften der Arbeiter, die als solche in Deutschland verhältnismäßig jungen Datums sind, sich aber schnell zu großer Bedeutung entwickelt haben. Schon vor dem Kriege haben sie hier angefangen, das zu werden, was sie in England schon längere Zeit waren, ein Hilfsmittel der Arbeiter im Gewerkschaftskampf gegen die Unternehmer. Wo die Arbeiterkonsumgenossenschaften stark ausgebildet sind, was allerdings nur dort geschehen kann, wo die Arbeiterklasse zu einer gewissen zahlenmäßigen Stärke gediehen ist, sind sie der Arbeiterschaft eine Stütze in ihren wirtschaftlichen Kämpfen und haben die Tendenz, zur Eigenproduktion überzugehen. Es ersteht eine genossenschaftliche Produktion, die nicht die Produktivgenossenschaft ist, wie Lassalle sie geistig vor sich sah und die auf Profit abzielte, sondern von Konsumgenossenschaften eingerichtete Betriebe, die von diesen als Vertretern einer Gesamtheit im Interesse der Gesamtheit geleitet werden.