und sagt:
„Es hat mich zu eigentümlich berührt, als ich in Ihrem letzten Schreiben diese Worte las! Denn wie oft habe ich nicht gerade diese Ansicht meinen besten Freunden gegenüber vergeblich vertreten und mich dafür von ihnen einen Träumer nennen lassen müssen! Die ganze Verschiebung der seit 1839 so oft in Angriff genommenen orientalischen Frage hat für mich immer nur den vernünftigen Sinn und Zusammenhang gehabt, daß die Frage so lange hinausgeschoben werden muß, bis der naturgemäße Anwärter, die deutsche Revolution, sie löst! Wir scheinen im Geist als siamesische Zwillingsbrüder zur Welt gekommen zu sein.” (Briefe von Ferdinand Lassalle an Carl Rodbertus-Jagetzow, herausgegeben von Ad. Wagner, Brief vom 8. Mai 1863.)
Wie Deutschland die türkische Erbschaft antreten sollte, nachdem vorher Österreich „zerfetzt, zerstückt, vernichtet, zermalmt”, Ungarn und die slawischen Landesteile von Deutsch-Österreich losgerissen worden, ist schwer verständlich.
Noch eine andere Stelle aus den Briefen an Rodbertus gehört hierher:
„Wenn ich etwas in meinem Leben gehaßt habe, ist es die kleindeutsche Partei. Alles Kleindeutsche ist Gothaerei und Gagerei (von Gagern, dem ‚Staatsmann’ der Kleindeutschen, abgeleitet) und reine Feigheit. Vor 1½ Jahren hielt ich hier einmal bei mir eine Versammlung meiner Freunde ab, worin ich die Sache so formulierte: Wir müssen alle wollen: Großdeutschland moins les dynasties.”
„Ich habe in meinem Leben kein Wort geschrieben, das der kleindeutschen Partei zugute käme, betrachte sie als das Produkt der bloßen Furcht vor: Ernst, Krieg, Revolution, Republik und als ein gutes Stück Nationalverrat.” (Brief vom 2. Mai 1863.)
Es ist klar, daß, wenn es Lassalle mit dem nationalen Programm, wie er es in „Der Italienische Krieg usw.” entwickelte, ernst gewesen wäre, er unmöglich die obigen Sätze hätte schreiben können, denn jenes ist ganz gewiß kleindeutsch. Er benutzte es vielmehr nur, weil es ihm für seine viel weitergehenden politischen Zwecke, für die Herbeiführung der Revolution, die die nationale Frage im großdeutschen Sinne lösen sollte, zweckmäßig erschien. In den, auf sein Schreiben vom 27. Mai 1859 folgenden Briefen an Marx und Engels spricht er sich immer bestimmter in diesem Sinne aus. Da die meist sehr ausführlichen Briefe nun in ihrem vollen Wortlaut zum Abdruck gekommen sind, so können wir uns hier auf einige Auszüge und kurze Zusammenfassungen beschränken.
Etwa am 20. Juni 1859 (die Lassalleschen Briefe sind sehr oft ohne Datum, so daß dieses aus dem Inhalt kombiniert werden mußte) schreibt Lassalle an Marx: „Nur in dem populären Kriege gegen Frankreich ... sehe ich ein Unglück. In dem bei der Nation unpopulären Kriege aber ein immenses Glück für die Revolution ... Die Aufgabe verteilt sich also so, daß unsere Regierungen den Krieg machen müssen (und sie werden dies tun) und wir ihn unpopularisieren müssen ... Ihr scheint dort, zehn Jahre fern von hier, wirklich noch gar keine Ahnung zu haben, wie wenig entmonarchisiert unser Volk ist. Ich habe es auch erst in Berlin mit Leidwesen gesehen ... Käme nun noch hinzu, daß dem Volk die Überzeugung beigebracht wird[6], die Regierung führe diesen Krieg als einen nationalen, sie habe sich zu einer nationalen Tat erhoben, so solltet Ihr sehen, wie vollständig die Versöhnung würde und wie, gerade bei Unglücksfällen, das Band der ‚deutschen Treue’ das Volk an seine Regierungen binden würde ...” Was in unserm Interesse liegt, ist offenbar etwa folgendes:
„1. daß der Krieg gemacht wird. (Dies besorgen, wie gesagt, unsere Regierungen schon von selbst.) Alle Nachrichten, die mir aus guter Quelle zukommen, besagen, daß der Prinz drauf und dran sei, für Österreich einzutreten.”