Das war, wie oben bemerkt, keineswegs so unbedingt zutreffend.

„2. daß er schlecht geführt wird. (Dies werden unsere Regierungen gleichfalls von selbst besorgen, und um so mehr, je weniger das Volksinteresse für den Sieg sie unterstützt.)

„3. daß das Volk der Überzeugung sei, der Krieg werde im volksfeindlichen, im dynastischen, im kontrerevolutionären Sinne, also gegen seine Interessen, unternommen. — Dies allein können wir besorgen, und dies zu besorgen ist daher unsere Pflicht.”

Lassalle geht dann auf die Frage ein, welchen Zweck es haben könne, „einen populären Krieg gegen Frankreich bei uns erregen zu wollen”. Auch hier aber sind es lediglich zwei Rücksichten, die er als maßgebend anerkennt: 1. die Rückwirkung auf die Aussichten der revolutionären Parteien hüben und drüben, und 2. die Rückwirkung auf die Beziehungen der deutschen Demokratie zur französischen und italienischen Demokratie. Die Frage der Interessen Deutschlands als Nation berührt er gar nicht. Auf den Vorhalt, daß er dieselbe Politik empfehle wie Vogt, der im französischen Solde schreibe, antwortet er: „Willst Du mich durch die schlechte Gesellschaft, die ich habe, ad absurdum führen? Dann könnte ich Dir das Kompliment zurückgeben, daß Du das Unglück hast, diesmal mit Venedey und Waldeck einer Meinung zu sein.” Alsdann rühmt er sich, daß seine Broschüre „immens” gewirkt habe, „Volks-Zeitung” und „National-Zeitung” hätten zum Rückzug geblasen, die letztere „in einer Serie von sechs Leitartikeln eine vollständige Schwenkung gemacht”. Daß Lassalle gar nicht darauf kam, sich zu fragen, warum denn diese Organe kleindeutscher Richtung sich so schnell bekehren ließen!

In einem Brief an Marx von Mitte Juli 1859 — nach Villafranca — heißt es: „Es ist ganz selbstredend, daß zwischen uns nicht das Prinzip, sondern, wie Du sagst und wie ich es nie anders auffaßte, die ‚passendste Politik’ ... streitig war.” Und um wieder keinen Zweifel darüber zu lassen, wie er das meine, setzt er die Worte hinzu: „d. h. also doch die zur revolutionären Entwicklung passendste Politik.”

Anfang 1860 an Fr. Engels: „Nur zur Vermeidung von Mißverständnissen muß ich bemerken, daß ich übrigens auch im vorigen Jahre, als ich meine Broschüre schrieb, sehnlichst wünschte, daß Preußen den Krieg gegen Napoleon mache. Aber ich wünschte ihn nur unter der Bedingung, daß die Regierung ihn mache, er aber beim Volke so unpopulär und verhaßt wie möglich sei. Dann freilich wäre er ein großes Glück gewesen. Aber dann mußte die Demokratie gegen, nicht für diesen Krieg schreiben und propagieren ... Für die gegenwärtige Lage sind wir wahrscheinlich ganz einer Meinung und wohl ebensosehr für die zukünftige.”

In dem gleichen Brief kommt Lassalle auch auf die damals gerade eingebrachte Militärreorganisations-Vorlage zu sprechen, die bekanntlich später zum Konflikt zwischen der Regierung und der liberalen Bourgeoisie führte. Die Mobilmachung 1859 hatte die preußische Regierung überzeugt, wie wenig schlagfertig die preußische Armee noch war und daß durchgreifende Änderungen notwendig waren, um sie in den Stand zu setzen, sei es nun gegen Frankreich oder Österreich, mit einiger Aussicht auf Erfolg ins Feld zu rücken. Wer es also mit „Preußens deutschem Beruf” ernst nahm, der mußte auch in die Heeresreorganisation einwilligen oder mindestens objektiv ihre Berechtigung anerkennen, was ja auch die Fortschrittler anfangs taten. Hören wir nun Lassalle: „Das Gesetz ist schmachvoll! Aufhebung — völlige, nur verkappte — der Landwehr als letzten demokratischen Restes der Zeit von 1810, Schöpfung eines immensen Machtmittels für Absolutismus und Junkertum ist in zwei Worten der evidente Zweck desselben. Nie würde Manteuffel gewagt haben, so etwas vorzuschlagen! Nie hätte er es durchgesetzt. Wer jetzt in Berlin lebt und nicht am Liberalismus stirbt, der wird nie am Ärger sterben!”

Schließlich sei noch eine Stelle aus einem Briefe Lassalles an Marx aus Aachen vom 11. September 1860 zitiert. Marx hatte u. a. auch in einem Briefe an Lassalle auf eine Zirkularnote Gortschakoffs hingewiesen, in der ausgeführt worden war, daß, wenn Preußen Österreich gegen Frankreich zu Hilfe käme, Rußland seinerseits für Frankreich intervenieren, d. h. Preußen und Österreich den Krieg erklären würde. Diese Note sei, hatte Marx ausgeführt, erstens ein Beweis, daß es sich um einen Anschlag gehandelt habe, bei dem die Befreiung Italiens nur Vorwand, die Schwächung Deutschlands aber der wirkliche Zweck war, und sie sei zweitens eine unverschämte Einmischung Rußlands in deutsche Angelegenheiten, die nicht geduldet werden dürfe. Darauf erwidert nun Lassalle, er könne in der Note eine Beleidigung nicht erblicken, aber selbst wenn eine solche darin enthalten sei, so treffe sie ja doch nur „die deutschen Regierungen”. „Denn, diable! was geht Dich und mich die Machtstellung des Prinzen von Preußen an? Da alle seine Tendenzen und Interessen gegen die Tendenzen und Interessen des deutschen Volkes gerichtet sind, so liegt es vielmehr gerade im Interesse des deutschen Volkes, wenn die Machtstellung des Prinzen nach außen so gering wie möglich ist.” Man müsse sich also eher solcher Demütigungen freuen und sie höchstens in dem Sinne gegen die Regierungen benutzen, wie es die Franzosen unter Louis Philipp getan hätten.

Man kann sich wohl nicht „hochverräterischer” ausdrücken, als es hier überall geschieht, und diejenigen, die ehedem Lassalle als das Muster eines guten Patrioten im nationalliberalen Sinne dieses Wortes der Sozialdemokratie von heute gegenüberstellten, haben nach Veröffentlichung der Lassalleschen Briefe an Marx und Engels einfach einpacken müssen. Die Motive, die Lassalle bei der Abfassung des „Italienischen Krieges” leiteten, sind alles andere, nur nicht eine Anerkennung der nationalen Mission der Hohenzollern. Weit entfernt, daß hier, wie es in den meisten bürgerlichen Biographien heißt, bei Lassalle der Parteimann hinter den Patrioten zurücktritt, kann man im Gegenteil eher sagen, daß der Parteimann, der republikanische Revolutionär, den Patrioten zurückdrängt.