Man könnte freilich mit einem gewissen Schein von Recht die Frage aufwerfen: „Ja, wenn der Standpunkt, den Lassalle in seinen Briefen an Marx entwickelt, so grundverschieden ist von dem, den er in der Broschüre vertritt, wer garantiert dann, daß der erstere der wirklich von Lassalle im Innersten seines Herzens eingenommene ist? Kann Lassalle nicht, da er doch das eine Mal sein wahres Gesicht verhüllt, dies Marx gegenüber getan haben?” Gegen diese Annahme sprechen aber so viele Gründe, daß es kaum der Mühe lohnt, sich mit ihr zu belassen. Der wichtigste ist der, daß der Widerspruch zwischen Broschüre und Briefen schließlich doch nur ein scheinbarer ist. Wo Lassalle in der Broschüre etwas sagt, was sich nicht mit den in seinen Briefen entwickelten Ideen deckt, da spricht er immer nur hypothetisch mit einem großen „Wenn”, und diesem Wenn stellt er am Schluß ein „Wenn aber nicht, dann” gegenüber, und formuliert dieses „Dann” so: „So wird damit nur aber und aber bewiesen sein, daß die Monarchie in Deutschland einer nationalen Tat nicht mehr fähig ist.” Die positiven Behauptungen in der Broschüre hält er aber alle auch in den Briefen aufrecht. Er meint es vollkommen aufrichtig mit der, den Hauptinhalt der Broschüre ausmachenden Darlegung, daß die Demokratie — worunter er die Gesamtheit der entschiedenen Oppositionsparteien verstand — den Krieg gegen Frankreich nicht gutheißen dürfe, weil sie sich dadurch mit den Unterdrückern Italiens identifiziere, und es war ihm ferner durchaus ernst mit dem Wunsche der Zertrümmerung Österreichs. Bis soweit ist denn auch die Broschüre, ob man nun den in ihr entwickelten Standpunkt für richtig hält oder nicht, als subjektive Meinungsäußerung vollkommen berechtigt.
Anders mit dem Schlußkapitel. Dort treibt Lassalle eine Diplomatie, die gerade er in seinem Kommentar zum Franz von Sickingen als verwerflich bekämpft hatte. Auch der demokratische Politiker braucht nicht in jedem Zeitpunkt seine letzten Absichten auszuposaunen. Aber es steht ihm nicht an und bringt ihn in eine falsche Lage, wenn er für eine Politik eintritt, von der er nicht auch will, daß sie befolgt werde. Das jedoch tut Lassalle. Der uneingeweihte Leser seiner Schrift mußte glauben, er wünsche nichts sehnlicher, als daß die preußische Regierung die darin von ihm entwickelte Politik befolge. Wohl konnte er sich darauf berufen, daß er sicher war, die preußische Regierung werde diese Politik nicht befolgen. Damit war aber das Doppelspiel sicherlich nicht gerechtfertigt. Das Advokatenstück, eine Sache nur deshalb zu empfehlen, weil man zu wissen glaubt, daß sie doch nicht geschieht, ist ein durchaus falsches Mittel der Politik, nur geeignet, die eigenen Anhänger irrezuführen, was ja später auch in diesem Falle eingetreten ist. Das Beispiel, auf das Lassalle sich für seine Taktik beruft, ist das denkbar unglücklichste. Die Art, wie die republikanische Opposition in Frankreich unter Louis Philipp, die Herren vom „National”, auswärtige Politik machten, ebnete später dem Mörder der Republik, dem Bonapartismus, die Bahn. Wie die „reinen Republikaner” die napoleonische Legende gegen Louis Philipp, so glaubte Lassalle die friderizianische Legende gegen die damalige preußische Regierung ausspielen zu können. Aber die friderizianische Tradition, wenigstens soweit sie hier in Betracht kam, war keineswegs von der preußischen Regierung aufgegeben, und statt gegen die Hauspolitik der Hohenzollern, machte Lassalle Propaganda für sie.
Wie diese später, sobald Preußen sich dazu militärisch stark genug fühlte, energisch aufgenommen wurde, wie sie zunächst zum Bürgerkrieg zwischen Nord- und Süddeutschland führte, wie Österreich glücklich aus dem deutschen Bund herausgedrängt und die „Einigung” Rumpf-Deutschlands alsdann vollzogen wurde, haben wir gesehen, aber diese Realisierung des im „Italienischen Krieg” entwickelten Programms verhält sich zu der Lösung, die Lassalle vorschwebte, wie in der Lessingschen Fabel das Kamel zum Pferd[7].
[Wohin hat uns die preußische Lösung der deutschen Frage gebracht? Österreichs Verdrängung aus dem deutschen Bund hat die panslawistische Propaganda im höchsten Grade gefördert, die österreichische Regierung muß heute den Slawen eine Konzession nach der andern machen, und diese traten infolgedessen mit immer größeren Ansprüchen auf. Wo sie früher mit Anerkennung ihrer Sprache und Nationalität zufrieden gewesen wären, wollen sie heute herrschen und unterdrücken; in Prag, heute eine tschechische Stadt, fraternisierten Tschechen und französische Chauvinisten und toastierten auf den Kampf wider das Deutschtum. Die Angliederung der deutschen Landesteile Österreichs an Deutschland wird früher oder später freilich doch erfolgen, aber unter zehnfach ungünstigeren Verhältnissen als vor der glorreichen Herauswerfung Österreichs aus dem deutschen Bunde. Vorläufig muß das Deutsche Reich ruhig zusehen, wie in jenen Landesteilen die Slawisierung immer weiter um sich greift, denn die Bismarckische Art der Einigung Deutschlands hat Rußland so stark gemacht, daß die deutsche Politik wieder das größte Interesse an der Erhaltung selbst dieses Österreichs hatte. Etwas ist immer noch besser als gar nichts. Und freilich, solange in Rußland der Zarismus mit seinen panslawistischen Aspirationen herrscht, so lange mag das heutige Österreich als Staat noch eine Berechtigung haben.]
Lassalle wollte natürlich ganz etwas anderes als die bloße Herausdrängung Österreichs aus dem Reiche. Er wollte die Zertrümmerung, die Vernichtung Österreichs, dessen deutsche Länder einen integrierenden Teil der einen und unteilbaren deutschen Republik bilden sollten. Aber um so weniger durfte er auch nur zum Schein ein Programm aufstellen, dessen unmittelbare Folge der Bürgerkrieg in Deutschland sein mußte, ein Krieg von Norddeutschland gegen Süddeutschland, dessen Bevölkerung 1859 ganz entschieden auf seiten Österreichs stand. Nur Lassalles starke Geneigtheit, dem jeweilig verfolgten Zweck alle außer ihm liegenden Rücksichten zu opfern, erklärt dieses Zurückgreifen auf eine Diplomatie, die er noch soeben im „Franz von Sickingen” aufs schärfste verurteilt hatte.
Hinzu kam bei Abfassung der Broschüre der leidenschaftliche Drang, in die aktuelle Politik einzugreifen. Er spricht sich immer und immer wieder in seinen Briefen aus. Wenn Lassalle um jene Zeit die Beteiligung an irgendeiner Sache mit dem Hinweis auf seine wissenschaftlichen Arbeiten, die er noch vorhabe, ablehnt, so geschieht es mit dem Vorbehalt: Aber wenn sich eine Möglichkeit bietet, unmittelbar auf die revolutionäre Entwicklung einzuwirken, dann lasse ich auch die Wissenschaft liegen. So hatte er auch am 21. März 1859 an Fr. Engels geschrieben:
„Vielmehr werde ich beim nationalökonomischen und geschichtsphilosophischen Fache — ich meine Geschichte im Sinne von sozialer Kulturentwicklung — von nun an wohl verbleiben, wenn nicht, was freilich sehr zu hoffen wäre, der endliche Beginn praktischer Bewegungen alle größere theoretische Tätigkeit sistiert.”
„Wie gerne will ich ungeschrieben lassen, was ich etwa weiß, wenn es dafür gelingt, einiges von dem zu tun, was wir (Partei-Plural) können.”
Und sechs Wochen, nachdem er das geschrieben, sollte Lassalle ins monarchistisch-kleindeutsche Lager abgeschwenkt sein? Nein, seine Diplomatie war falsch, aber seine Absicht war die alte geblieben: die Revolution für die eine und unteilbare deutsche Republik. Sie ist gemeint, wenn er der Schrift das Motto aus dem Virgil voransetzt: Flectere si nequeo superos acheronta movebo — wenn ich die Götter — die Regierung — nicht beeinflussen kann, werde ich den „Acheron” — das Volk — in Bewegung setzen.