Die nächste Publikation, die Lassalle dem „Italienischen Krieg usw.” folgen ließ, war ein Beitrag für eine Zeitschrift in Buchform, die der demokratische Schriftsteller Ludwig Walesrode unter dem Titel „Demokratische Studien” im Sommer 1860 herausgab. Es ist dies der später als Broschüre herausgegebene Aufsatz: „Fichtes politisches Vermächtnis und die neueste Gegenwart.” Man könnte ihn als ein Nachwort zu „Der italienische Krieg usw.” bezeichnen, in welchem Lassalle das offen heraussagt, was er dort zu verhüllen für gut befunden. Das „politische Vermächtnis” Fichtes ist, wie Lassalle unter Vorführung eines im Fichteschen Nachlaß vorgefundenen Entwurfs zu einer politischen Abhandlung darlegt, der Gedanke der Einheit Deutschlands als unitarische Republik. Anders sei die Verwirklichung der Einheit Deutschlands überhaupt nicht möglich. Bei einer Eroberung Deutschlands durch irgendeinen der bestehenden deutschen Staaten würde „nicht Deutschland hergestellt, sondern nur die anderen Stämme durch die gewaltsame Aufdrängung des spezifischen Hausgeistes unter die Besonderheit desselben gebracht, preußifiziert, verbayert, verösterreichert!” ... „Und indem so auch noch diejenige Ausgleichung fortfiele, welche jetzt noch in dem Dasein der verschiedenen Besonderheiten liegt,” schreibt er, „würde gerade dadurch das deutsche Volk auch noch in seiner geistigen Wurzel aufgehoben.”
„Die Eroberung Deutschlands, nicht im spezifischen Hausgeiste, sondern mit freiem Aufgehen desselben in den nationalen Geist und seine Zwecke, wäre freilich ein ganz anderes! Aber die Idealität dieser Entschließung ist es geradezu töricht von Männern zu verlangen” — es ist von den deutschen Fürsten, speziell vom König von Preußen, die Rede — „deren geistige Persönlichkeit doch wie die aller anderen ein bestimmtes Produkt ihrer Faktoren in Erziehung, Tradition, Neigung und Geschichte ist und die dies daher ebensowenig leisten können, als es einer von uns anderen leisten würde, wenn seine Bildung und Erziehung ausschließlich durch dieselben Faktoren bestimmt worden wäre.”
Dies sind die letzten eigenen Ausführungen Lassalles in dem Aufsatze. Es folgen dann nur noch Darlegungen Fichtes, daß und warum die Einheit Deutschlands nur möglich sei auf Grundlage der „ausgebildeten persönlichen Freiheit”, und daß gerade deshalb die Deutschen „im ewigen Weltenplane” berufen seien, ein „wahrhaftes Reich des Rechts” darzustellen, ein Reich der „Freiheit, gegründet auf Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt”. Und „ferne sei es von uns, die unerreichbare Gewalt dieser Worte durch irgendwelche Hinzufügungen abschwächen zu wollen,” schließt Lassalle. Dann, zum Verleger gewendet: „Habe ich nun, geehrter Herr, auch Ihrem Wunsche” — einen Artikel über eine „brennende Tagesfrage” zu schreiben — „nicht buchstäblich entsprochen, so ist doch, denke ich, Ihr Zweck erfüllt — wie der meinige.”
Welches aber war Lassalles Zweck bei der Veröffentlichung des Aufsatzes, der das Datum: Januar 1860, trägt? Auch darüber gibt ein Brief an Marx uns Auskunft. Unter dem 14. April 1860 legt Lassalle diesem dar, warum er, obwohl seine ganze Zeit zur Fertigstellung eines großen Werkes in Anspruch genommen sei, Walesrodes Einladung angenommen habe. Erstens habe er in diesem einen sehr redlichen Mann gefunden, der mutvoll und tapfer, wie auch seine verdienstliche Broschüre „Politische Totenschau” zeige, wohl verdiene, daß man etwas für ihn tue. Dann aber heißt es weiter:
„Endlich konnte das Taschenbuch doch vielleicht einigen entwickelnden Einfluß auf unsere deutschen Philister ausüben, und schlug ich aus, so kam der Auftrag jedenfalls an einen weit weniger entschiedenen, ja ganz unbedingt an einen mit monarchischem oder ähnlichem Demokratismus oder klein-deutschen Ideen Liebäugelnden, während mir der Auftrag die Möglichkeit bot, wieder einmal einen echt republikanischen Feldruf ertönen zu lassen und so im Namen unserer Partei von einem Buche Besitz zu ergreifen, welches, wie ich mir vorstelle, nach seinem sonstigen Inhalt, obgleich ich weder über diesen noch seine Mitarbeiter Näheres weiß, schwerlich zur Verbreitung unserer Ideen und des Einflusses unserer Partei beigetragen hätte.
„So schreiben-wollend und nicht wollend entstand ein Artikel, von dem ich mir, speziell um ihn Dir zu überschicken, einen besonderen Abzug kommen ließ. (Das Buch erscheint erst zur Oktobermesse.) Ich schicke ihn gleichzeitig mit diesem Brief, bitte Dich, ihn zu lesen und dann an Engels zu senden und endlich mir zu schreiben, ob er Dir gefallen.
„Ich glaube, daß er mitten in diesem widrigen gothaischen Gesumme doch immerhin den erfrischenden Eindruck macht, daß hinter den Bergen auch noch Leute, daß eine republikanische Partei noch lebt, den Eindruck eines Trompetenstoßes.”
Das Werk, an dessen Fertigstellung F. Lassalle damals arbeitete, war das „System der erworbenen Rechte”. Drollig und doch wieder für jeden, der sich mit größeren Arbeiten beschäftigt, ungemein verständlich klingt die Klage Lassalles, die Arbeit ziehe sich so lange hin, daß er „bereits einen intensiven Haß gegen sie bekommen habe”. Aber das „verm— Werk”, wie er es an einer anderen Stelle in demselben Briefe nennt, sollte auch in den drei Monaten, die er sich nun als Termin stellt, noch nicht fertig werden.