Lassalle litt im Jahre 1860 wieder stark an Anfällen jener chronischen Krankheit, von der er bereits in der Düsseldorfer Assisenrede spricht, und die ihn periodisch immer wieder heimsuchte. „Ich war und bin noch recht krank”, fängt ein Brief an, der Ende Januar 1860 geschrieben sein muß, „ich war von neuem krank und schlimmer als früher”, beginnt der obenzitierte Brief. „Habe ich mich in der letzten Zeit überarbeitet oder rächt sich nun zu lange Vernachlässigung”, heißt es weiter, „kurz, es scheint als ob meine Gesundheit aufgehört habe, der unverwüstliche Fels zu sein, auf den ich sonst so zuversichtlich pochen konnte.” Um sich gründlich zu heilen, ging Lassalle im Sommer desselben Jahres nach Aachen. Dort machte er die Bekanntschaft einer jungen Russin, Sophie von Sontzew, die ihren Vater, der ebenfalls einer Kur bedürftig war, nach Aachen begleitet hatte, und diese Dame nahm Lassalle so für sich ein, daß er ihr noch in Aachen einen Heiratsantrag machte, den aber Fräulein von Sontzew nach einigen Wochen Bedenkzeit ablehnte.
Es sind über diese Episode aus dem bewegten Leben Lassalles fast nur die Aufzeichnungen bekannt geworden, die das damalige Fräulein von Sontzew, später die Gattin eines Gutsbesitzers in Südrußland, im Jahre 1877 in der Petersburger Revue „Der Europäische Bote” veröffentlicht hat, und von denen eine Übersetzung ins Deutsche ein Jahr darauf im Verlage von F. A. Brockhaus in Leipzig erschien[8]. Die eigentliche Liebesaffäre ist nicht besonders interessant. Es geht alles ungemein korrekt zu. Sophie von Sontzew schreibt, daß Lassalle zwar einen großen Eindruck auf sie gemacht, daß sie auch vorübergehend geglaubt habe, ihn lieben zu können, es seien aber stets sofort wieder Zweifel in ihr aufgetaucht, bis sie sich schließlich darüber klar geworden sei, daß eine Liebe, die zweifelt, keine Liebe sei — vor allem keine Liebe, wie Lassalle sie unter Hinweis auf die Kämpfe beanspruchte, die die Zukunft ihm bringen werde. Vielleicht, daß auch die Aussicht gerade auf diese Kämpfe die junge Dame mehr schreckte, als sie zugesteht — Tagebuchgeständnisse und Memoiren sagen bekanntlich nie die volle Wahrheit. Auf der andern Seite scheint uns die Auffassung, die es dem damaligen Fräulein von Sontzew beinahe als ein Verbrechen anrechnet, von Lassalle geliebt worden zu sein, ohne seine Liebe zu erwidern, etwas gar zu sentimental. Die Dame hatte ein unbestrittenes Recht, ihr Herz nicht zu verschenken, auch wußte Lassalle sich, so stürmisch seine Werbungen gewesen, über den Mißerfolg bald zu trösten.
Weit interessanter als die eigentliche Liebesaffäre sind die aus Anlaß dieser geschriebenen Briefe Lassalles an Sophie von Sontzew, und vor allem der schon früher erwähnte, als „Seelenbeichte” bezeichnete, mehr als 35 Druckseiten ausfüllende Manuskriptbrief. Dieser ist eines der interessantesten Dokumente für die Charakteristik Lassalles. Sehen wir in dessen erstem Tagebuch den zum Jüngling heranreifenden Knaben, so sehen wir hier den zum Mann herangereiften Jüngling sein Ich bloßlegen. Freilich gilt auch in diesem Falle das oben von solchen Bekenntnissen Gesagte, aber einer der hervorstechendsten Charakterzüge Lassalles ist seine — man könnte fast sagen, unbewußte Wahrhaftigkeit. Lassalle war, wie schon seine beständige Neigung, ins Pathetische zu verfallen, zeigt, eine theatralisch angelegte Natur. Er schauspielerte gern ein wenig und war viel zu sehr Gesellschaftsmensch, um darin ein Unrecht zu erblicken, wenn er die Sprache nach dem Rezept Talleyrands dazu verwendete, seine Gedanken zu verbergen. Aber es war ihm doch nicht möglich, sich als Mensch anders zu geben, als er wirklich war. Seine Neigungen und Leidenschaften waren viel zu stark, als daß sie sich nicht überall verraten hätten, seine Persönlichkeit viel zu ausgeprägt, um nicht durch jedes Gewand, in dem er auftreten mochte, hindurchzublicken. So schaut auch aus dem Bilde, das Lassalle für Sophie von Sontzew von sich entwirft, obwohl es eine Schilderung gibt, wie er dem jungen Mädchen erscheinen wollte, der richtige Lassalle heraus, mit seinen Vorzügen und seinen Fehlern.
Auf Schritt und Tritt kommt hier sein hochgradiges Selbstvertrauen und seine Einbildungskraft zum Ausdruck. Es wurde schon erzählt, wie er in diesem Manuskript sich im Glanze seines zukünftigen Ruhmes sonnt, sich als der Führer einer Partei hinstellt, die in Wirklichkeit noch gar nicht existierte, die Aristokratie und Bourgeoisie ihn fürchten und hassen läßt, wo zur Furcht und zum Haß damals jeder Anlaß fehlte. Ebenso übertreibt er seine schon erzielten Triumphe. „Nichts, Sophie,” schreibt er über den Erfolg der Kassettenrede, „kann Ihnen auch nur annähernd eine Vorstellung von dem elektrischen Eindruck geben, den ich hervorbrachte. Die ganze Stadt, die Bevölkerung der ganzen Provinz schwamm sozusagen auf den Wogen des Enthusiasmus ... alle Klassen, die ganze Bourgeoisie war trunken vor Enthusiasmus ... dieser Tag verschafft mir in der Rheinprovinz den Ruf eines Redners ohnegleichen und eines Mannes von unbegrenzter Energie, und die Zeitungen trugen diesen Ruf durch die ganze Monarchie ... Seit diesem Tage erkannte mich die demokratische Partei in der Rheinprovinz als ihren Hauptführer an.” Dann schreibt er vom Düsseldorfer Prozeß, daß er aus diesem „mit nicht weniger Glanz” hervorging. „Ich werde Ihnen meine Rede aus diesem Prozesse geben, da diese gleichfalls gedruckt ist; sie wird Sie amüsieren.” Daß er die Rede gar nicht gehalten hat, schreibt er nicht.
Neben diesen Zügen einer wahrhaft kindlichen oder kindischen Eitelkeit fehlen aber auch nicht solche eines berechtigten, weil auf Grundsätzen, statt auf äußeren Ehren, beruhenden Stolzes, und durch den ganzen Brief hindurch klingt der Ton einer echten Überzeugung. Selbst wenn Lassalle von dem „Glanz” spricht, mit dem der Eintritt „gewisser Ereignisse” — der erwarteten Revolution — das Leben seiner zukünftigen Frau ausstatten würde, setzt er sofort hinzu: „Aber, nicht wahr, Sophie, mit so großen Dingen, die das Ziel der Anstrengungen des ganzen Menschengeschlechts bilden, darf man nicht eine bloße Spekulation auf individuelles Glück machen?” — und bemerkt weiter: „Deshalb darf man in keiner Weise darauf rechnen.”
Noch in einer anderen Hinsicht ist die „Seelenbeichte” Lassalles von Interesse. Er spricht sich darin sehr ausführlich über sein Verhältnis zur Gräfin Hatzfeldt aus. Mag nun auch manches in bezug auf seine früheren Beziehungen zu dieser Frau idealisiert sein, so ist doch soviel sicher, daß Lassalle keinen Grund hatte, einem Mädchen, um das er gerade warb und das als Gattin heimzuführen er so große Anstrengungen machte, seine derzeitigen Empfindungen für die Gräfin, soweit sie über die der Achtung und Dankbarkeit hinausgingen, stärker zu schildern, als sie wirklich waren. Tatsächlich ergeht sich Lassalle nun in dem Brief in Ausdrücken geradezu leidenschaftlicher Zärtlichkeit für die Gräfin. Er liebe sie „mit der zärtlichsten Liebe eines Sohnes, die je existiert hat”, noch „dreimal mehr wie seine zärtlich geliebte Mutter”. Er verlangt von Sophie, daß sie, wenn sie ihn zum Mann nehme, die Gräfin „mit der wahren Zärtlichkeit einer Tochter” liebe, und hofft, obwohl die Gräfin „außerordentlich zartfühlend” sei und, ehe sie nicht wisse, ob Sophie Sontzew sie auch liebe, nicht bei dem jungen Paar werde wohnen wollen, sie doch dazu bestimmen zu können, — um „alle drei glücklich und vereint zu leben”[9].
Daraus geht hervor, daß diejenigen, die die Sache so hinstellen, als habe sich die Gräfin Hatzfeldt damals in Berlin und später Lassalle einer Klette gleich aufgedrungen, jedenfalls maßlos übertrieben haben. Die Hatzfeldt hatte ihre großen Fehler und ihre Freundschaft ist Lassalle unseres Erachtens nach mehreren Richtungen hin äußerst verderblich gewesen, aber gerade weil wir dieser Ansicht sind, halten wir es für unsere Pflicht, da, wo dieser Frau Unrecht geschehen, dem entgegenzutreten. Nichts abgeschmackter als die, von verschiedenen Schriftstellern dem bekannten Beckerschen Pamphlet nachgeschriebene Behauptung, Lassalle habe sich später in die Dönniges-Affäre gestürzt, um die Hatzfeldt loszuwerden.
Sophie Sontzew spricht sich übrigens über den Eindruck, den die Gräfin Hatzfeldt persönlich auf sie gemacht habe, nur günstig aus.
Drei Briefe Lassalles an Marx datieren aus der Zeit seines damaligen Aufenthalts in Aachen. Natürlich ist in keinem von der Liebesaffäre mit der Sontzew die Rede. Nur einige Bemerkungen in einem der Briefe über die Verhältnisse am russischen Hofe lassen auf die Sontzews als Quelle schließen. Aber die Briefe enthalten sonst ziemlich viel des Interessanten, und eine Stelle in einem davon ist ganz besonders bemerkenswert, weil sie zeigt, wie Lassalle selbst zu einer Zeit, wo er in Berlin noch mit den Führern der liberalen Opposition auf bestem Fuße stand, über die damalige liberale Presse und über den von den Liberalen in den Himmel gehobenen preußischen Richterstand dachte. Da sie ebenso kurz wie drastisch ist, mag sie hier einen Platz finden.
Marx hatte den Redakteur der Berliner National-Zeitung, Zabel, der ihn, unter Benutzung des gegen ihn gerichteten Vogtschen Pamphlets der infamierendsten Handlungen verdächtigt hatte, wegen Verleumdung zur Rechenschaft ziehen wollen, war aber in drei Instanzen, noch ehe es zum Prozeß kam, abgewiesen worden. Die betreffenden Richter am Stadtgericht, am Kammergericht und am Obertribunal in Berlin fanden nämlich, daß wenn Zabel alle diese Verleumdungen Vogts über Marx wiederholt und sie dabei noch übertrumpft hatte, er dabei durchaus nicht die Absicht gehabt haben konnte, Marx zu beleidigen. Ein solches Rechtsverfahren nun hatte Marx selbst in Preußen für unmöglich gehalten, und er schrieb das auch an Lassalle, worauf ihm dieser, der Marx von Anfang an vom Prozeß abgeraten hatte, weil doch auf Recht nicht zu hoffen sei, wie folgt antwortete: