Erst im Januar 1862 kehrte Lassalle nach Berlin zurück. Er fand die politische Situation wesentlich verändert vor. Der Gegensatz zwischen dem König von Preußen und dem liberalen Bürgertum hatte sich zum offenen Konflikt verschärft; bei den Neuwahlen zur Kammer Anfang Dezember 1861 war die schwachmütige konstitutionelle Partei durch die, eine etwas schärfere Tonart anschlagende Fortschrittspartei verdrängt worden. Diese hatte sich im Sommer desselben Jahres aus der bis dahin eine kleine Minderheit in der Kammer ausmachenden Fraktion „Jung-Litauen” entwickelt oder vielmehr um sie geschart. Aber die Fortschrittspartei war keineswegs eine homogene Partei. Sie bestand aus den verschiedenartigsten Elementen, liberalisierende Großbourgeois saßen in ihr neben kleinbürgerlichen Demokraten, ehemalige Republikaner mit verschwommenen sozialistischen Tendenzen neben Männern, die beinahe noch königlicher waren als der König selbst. In seinem Hohenzollernschen Eigensinn hatte es Wilhelm I. eben mit allen verdorben; nur die Partei der Junker und Mucker und die eigentliche Bureaukratie mit ihrem Anhang hielten zur Regierung. Die Fortschrittspartei verfügte über die große Mehrheit der Kammer und über fast die ganze öffentliche Meinung im Lande. Selbst Leute, die das innere Wesen dieser Partei durchschauten und zu radikale Ansichten hegten, um sich ihr anschließen zu können, hielten es für gut, ihr zunächst nicht entgegenzutreten, sondern abzuwarten, wie sie ihren Kampf mit der preußischen Regierung zu Ende führen werde.

Lassalle war mit denjenigen Männern, die den Mittelpunkt der Fortschrittspartei in Berlin bildeten, schon seit einiger Zeit zerfallen. Anfangs 1860 hatte er noch mit großer Emphase in einem Brief an Marx für die kleinbürgerlich-demokratische Berliner „Volkszeitung” eine Lanze eingelegt, sie ein Blatt genannt, das, „wenn auch häufig mit viel weniger Mut, als erforderlich ist, und mit viel weniger Konsequenz, als es sich trotz der Preßfesseln zur Pflicht machen sollte, doch immerhin den demokratischen Standpunkt im allgemeinen durch alle die Jahre hindurch verteidigt hat und weiter verteidigt”, und hatte jede andere Politik, als die 1848 von der „Neuen Rheinischen Zeitung” gegenüber den „blau-revolutionären” Blättern und Parteien eingenommene für „ebenso theoretisch falsch wie praktisch verderblich” erklärt. „Wir müssen”, schrieb er, „in bezug auf die vulgär-demokratischen Parteien und ihre verschiedenen Nüancen ebensosehr die Identität, als den Unterschied unsres sozial-revolutionären Standpunktes mit ihnen festhalten. Bloß den Unterschied herauskehren — wird Zeit sein, wenn sie gesiegt haben.” Sollte die Partei in London dagegen sich zu dem Standpunkt entwickelt haben, alle bloß blau-revolutionären Blätter und Parteien den reaktionären gleichzustellen, dann „erkläre ich entschieden, daß ich diese Wandlung nicht mitmachen, sie vielmehr überall à outrance bekämpfen werde”. Im Brief vom 19. Januar 1861 teilt er jedoch Marx mit, daß er die Weigerung der „Volkszeitung”, eine längere Einsendung von ihm gegen die „Nationalzeitung” abzudrucken, als Anlaß benutzt habe, um mit ihrem Herausgeber, Franz Duncker, zu brechen. „Umgang meine ich, denn andres bestand überhaupt nicht. Ich benutze den Anlaß, sage ich. Denn es ist mir eine erwünschte Gelegenheit noch mehr als ein Grund. Es ist schon lange dahin gekommen mit ihm, daß ich diese Notwendigkeit einsah; es ist mit diesem mattherzigen Gesindel gar kein Verhältnis möglich, und so werde ich denn dies benutzen, um alle Beziehungen zu ihm, was ich ohne meine natürliche Gutmütigkeit schon lange getan, aufzuheben.” In der vom 27. März 1861 datierten Vorrede zum „System der erworbenen Rechte” finden wir denn auch schon einen an jener Stelle sogar ziemlich unvermittelten Angriff auf die „Wortführer der liberalen Bourgeoisie”, die den Begriff des Politischen in einer „geistlosen Verflachung und Oberflächlichkeit”, in einer „Isoliertheit” fassen, die sie zwingt, „sich an bloße Worte hinzuverlieren, und auf Worten mit Worten und für Worte zu kämpfen”. Indes blieb Lassalle doch mit andern Fortschrittlern und Nationalvereinlern in Verkehr, und in Berlin selbst hatte der Bruch mit Duncker vorerst nur die Folge, daß politisch noch zweideutigere Gestalten Lassalles Umgang bildeten. Abgesehen von einigen wirklichen Gelehrten, durften ganz gewöhnliche Salonlöwen, wie der Baron Korff, Meyerbeers Schwiegersohn, oder radikaltuende Künstler, wie Hans von Bülow usw., sich der intimen Freundschaft Lassalles rühmen[19]. In der Rechtfertigungsschrift der Frau Helene von Racowitza wird von der Schreiberin, zwar unabsichtlich aber desto eindrucksvoller, die sehr gemischte und zum Teil ziemlich angefaulte Gesellschaft geschildert, in der sich Lassalle bewegte, als sie seine Bekanntschaft machte (Anfang 1862). Vom Rechtsanwalt Hiersemenzel, in dessen Haus die erste Zusammenkunft zwischen Helene und Lassalle stattfand, und dessen „reizende blondlockige Frau” jener Lassalle als „einen der intimsten Freunde ihres Mannes” bezeichnete, schreibt Lassalle selbst wenige Monate darauf — am 9. Juni 1862 — an Marx: „Beiläufig, mit dem ganz gemeinen Hecht Hiersemenzel habe ich for ever gebrochen” und fügt recht bezeichnend hinzu: „Glaube etwa nicht, daß seine Frau die Veranlassung davon bildet.”

Dauerhafter erwies sich die Freundschaft Lassalles mit Lothar Bucher, der nach Erlaß der Amnestie nach Deutschland zurückgekehrt war und sich in Berlin niedergelassen hatte. Bucher war freilich kein Hecht, sondern gehörte einer zahmeren zoologischen Gruppe an.

Verschiedene Briefe von und an Lassalle aus jener Zeit bestätigen, daß dieser aus Italien mit ziemlich abenteuerlichen Plänen heimgekehrt war, die an seinen Garibaldi vorgeschlagenen Revolutionsplan anknüpften. Einer der interessantesten davon ist der Brief Lothar Buchers vom 19. Januar 1862. Bucher, dem es damals herzlich schlecht ging und den Lassalle, wie er unterm 9. Februar 1862 an W. Rüstow schrieb, „in langen, mit rasender geistiger Anstrengung verbundenen Unterredungen” für seine Ideen zu gewinnen versucht hatte, nimmt in jenem Brief auf eine am Abend vorher geführte Debatte mit Lassalle Bezug und führt aus, daß er es zwar für möglich halte, die bestehende Ordnung — „oder Unordnung” — der Dinge in Deutschland niederzuwerfen, aber noch nicht, sie niederzuhalten; mit andern Worten, daß die Zeit für eine sozialistische Revolution noch nicht reif sei. „Bedenken Sie dazu noch eins: daß jede sozialistische Bewegung in Frankreich auf lange Zeit hinaus mit dem Kot und Gift des Bonapartismus versetzt sein und bei uns eine Menge gesunder und reiner Elemente gegen eine ähnliche Bewegung wachrufen würde.” Auf die Frage, was denn also geschehen solle, habe er nur „die lahme Antwort Machiavellis”: Politik ist die Wahl unter Übeln. „Ein Sieg des Militärs” — d. h. der preußischen Regierung!! — wäre „ein Übel”, aber „ein Sieg des heutigen Österreich wäre kein Sieg des reaktionären Prinzips”. Dafür stelle er Lassalle als Zeugen die „Berliner Revue” usw. usw. Diese als Einwand gegen Lassalle vorgebrachten Darlegungen lassen nur den Schluß zu, daß Lassalle eine Revolution erzwingen zu können glaubte und im Hinblick hierauf Österreich für den Vorstoß ausersehen hatte. Damit war der obenerwähnte Versuch, Garibaldi zu einem Freischarenzug nach Wien zu gewinnen, hinlänglich erklärt. Fraglich ist nur, wie Lassalle, der für gewöhnlich in politischen Dingen ein sehr nüchterner Rechner war, zu einem so abenteuerlichen Plan kommen konnte. Ob er von französischen, ungarischen oder italienischen Revolutionären angeregt worden war, die Lassalle auf seiner Reise nach und durch Italien kennengelernt, muß dahingestellt bleiben. Da Wilhelm Rüstow um ihn wußte und, wie Lassalle Marx erzählte, ihn gebilligt habe, mag er auch auf Anregungen dieses etwas phantasiereichen Militärs zurückzuführen sein. Es ist schwer zu glauben, daß er Lassalles eignem Kopf entsprungen war, so sehr er mit gewissen Ideen Lassalles übereinstimmte.

Jedenfalls überzeugte sich Lassalle daheim, daß zu einer Revolution in Deutschland vor allem noch die deutschen Revolutionäre fehlten. Indes war die Situation doch zu bewegt, um die zu einer Rückkehr zum Studiertisch nötige Ruhe in ihm aufkommen zu lassen. Statt alsbald an die große national-ökonomische Arbeit zu gehen, die er sich vorgenommen, verschob er sie immer wieder, um sich den Fragen des Tages zu widmen, was bei dem täglich lebhafter pulsierenden öffentlichen Leben übrigens nur durchaus erklärlich war.

Die erste Leistung, mit der er zunächst an die Öffentlichkeit trat, war das gemeinsam mit Bucher verfaßte Pamphlet „Julian Schmidt, der Literarhistoriker”. Obwohl die Schrift formell Kritik einer von Schmidt zusammengeschriebenen „Geschichte der deutschen Literatur” ist, zeigt das Vorwort, daß mit ihr die liberale Presse überhaupt getroffen werden sollte. Und auch die liberale Partei. Da Schmidt deren Programm mitunterschrieben hatte und eifrig verfocht, sollte „Julian der Grabowite” füglich der Ausdruck werden können, „welcher den geistigen Höhepunkt dieser Partei kennzeichnet”. Eine etwas übertriebene Logik, wie es überhaupt in der Schrift an Übertreibungen nicht fehlt. Auch war der Zeitpunkt für sie nicht sehr günstig gewählt, da gerade in jenen Tagen die Regierung das Abgeordnetenhaus aufgelöst und Wilhelm I. ein Reskript gegen die fortschrittlich-liberale Presse erlassen hatte. War nun auch die Fraktion Grabow — die altliberale Partei — nicht mit der Fortschrittspartei identisch, sondern noch ein gutes Teil mehr als diese zu Kompromissen geneigt, so machte sie doch in der Verfassungsfrage gemeinsame Sache mit ihr, so daß der Hieb sie in einem Augenblick traf, wo sie zufällig sich besser zeigte, als sonst. Im ganzen aber war die Julian Schmidt applizierte Lektion eine wohlverdiente, die scharfe Geißelung der bei ihm oft in „gespreizter Bildungssprache” sich wichtig machenden Oberflächlichkeit durchaus berechtigt. Lassalle-Bucher verteidigen mit Witz und Schärfe die größten Denker und Dichter Deutschlands gegen die oft fälschende und tendenziös-gehässige Schmidtsche Überkritik. Wo „der Setzer” das Wort nimmt, ist es immer Lassalle, der spricht, während Lothar Bucher als „das Setzerweib” vorgeführt wird.

Eine Einladung, die er im Frühjahr 1862 erhielt, in einem Berliner liberalen Bezirksverein einen Vortrag zu halten, gab Lassalle erwünschte Gelegenheit — da es ihm in der Presse nicht möglich war —, den Führern der Fortschrittspartei vor ihren eignen Leuten mündlich gegenüberzutreten. Als Thema wählte er die Frage des Tages: den ausgebrochenen Verfassungskonflikt. Aber mit geschickter Berechnung hielt er sich in dem ersten Vortrag, den er „Über Verfassungswesen” betitelte, noch absolut auf dem Boden akademischer Darlegung. Er entwickelt seinen prinzipiellen Standpunkt, ohne die sich aus ihm ergebenden Folgerungen selbst darzulegen. Verfassungsfragen sind Machtfragen, eine Verfassung hat nur dann und so lange gesicherten Bestand, als sie der Ausdruck der realen Machtverhältnisse ist; ein Volk besitzt nur dann in der Verfassung einen Schutz gegen Willkür der Regierenden, wenn es in der Lage und gewillt ist, im gegebenen Fall auch ohne die Verfassung sich gegen sie zu schützen. Es sei daher der größte Fehler gewesen, daß man 1848, anstatt zuerst die realen Machtfaktoren zu ändern und vor allen Dingen das Heer aus einem königlichen in ein Volksheer zu verwandeln, die Zeit mit dem Ausarbeiten einer Verfassung so lange vertrödelte, bis die Gegenrevolution Kraft genug geschöpft hatte, die Nationalversammlung auseinanderzujagen. Wenn das Volk wieder einmal in die Lage komme, eine Verfassung zu machen, möge man diese Erfahrung daher beherzigen. Die von der Regierung eingebrachten Heeresvorlagen seien ebenfalls aus diesem Gesichtspunkt zu beurteilen — d. h. als dem Bestreben entsprungen, die tatsächlichen Verhältnisse weiter zugunsten der Regierung umzugestalten. „Das Fürstentum, meine Herren,” heißt es am Schluß, „hat praktische Diener, nicht Schönredner, aber praktische Diener, wie sie Ihnen zu wünschen wären.”

Der Grundgedanke, von dem Lassalle hier ausgeht, ist unbestreitbar richtig. Auch die meisten Fortschrittler sahen das wohl ein. Wenn sie trotzdem einen andern Standpunkt fingierten, so taten sie dies, weil die Übersetzung des ersteren in die Praxis einfach die Revolution hieß, die Partei aber — ein Teil der Führer überhaupt nur, der andere jedenfalls zunächst — den Kampf auf parlamentarischem Boden zu führen wünschte. Man brauchte aber auch keineswegs ein so geschworener Gegner der Revolution zu sein, als wie Lassalle die Fortschrittler — und im großen und ganzen auch durchaus mit Recht — damals hinstellte, um den Zeitpunkt für eine solche als noch nicht gekommen zu erachten. Auch Lassalles Freund Bucher war ja, wie wir gesehen haben, trotz der vielen Gründe, die er hatte, die bestehende Ordnung der Dinge zu hassen, dieser Ansicht. Für den parlamentarischen Kampf bot jedoch die Fiktion, daß man für die bestehende Verfassung gegen die Regierung, die diese verletzte, für das „Recht” gegen die Macht kämpfte, eine viel günstigere, oder sagen wir lieber, bequemere Position, als die offene Proklamierung des Kampfes um die Macht selbst. Die materiellen Machtmittel hatte die Regierung in der Hand, darum wollte man sich wenigstens alle moralischen sichern.

Obwohl Lassalle in seinem Vortrage nichts gesagt hatte, was nicht jeder Fortschrittler — ja, jeder vernünftige Mensch überhaupt unterschreiben konnte, war er daher doch den Führern der Fortschrittspartei höchst unangenehm, während die Regierungs- und Reaktionspartei sich die Hände rieb. Ganz offen bejubelte ihn die „Kreuz-Zeitung”, das Organ der Junker und Mucker. Nicht nur, daß es ihr überhaupt angenehm war, wenn der Konflikt ins Herz des Feindes getragen wurde, lag ihr auch deshalb daran, die Verfassungsfrage als eine reine Machtfrage zwischen Königtum und Volksvertretung dargestellt zu sehen, weil dadurch ihre Position als einzig zuverlässige Stütze des Thrones eine um so befestigtere wurde. Man muß nicht vergessen, daß die „Neue Ära” Wilhelms I. nebenbei ein Versuch gewesen war, den Thron der Hohenzollern von der allzu lästig gewordenen Vormundschaft der ostelbischen Junker und der Bureaukratie zu emanzipieren. Gegenüber dem Programm, wie es Lassalle formulierte, mußte diese dagegen dem König als das unbedingt kleinere Übel erscheinen.

Lassalle ließ den Vortrag, den er noch in drei weiteren fortschrittlichen Versammlungen gehalten hat — ein Beweis, daß die fortschrittliche Wählerschaft nichts Bedenkliches an ihm fand — „auf mehrfaches Andringen” in Druck erscheinen. Inzwischen hatten die Neuwahlen zum Landtage einen eklatanten Sieg der Fortschrittspartei über die Regierung gebracht, und alles harrte gespannten Blicks, wie sich unter diesen Verhältnissen der Konflikt zwischen den beiden weiter entwickeln werde.