Es sei daher jeder Versuch der Arbeiterklasse, durch die individuellen Anstrengungen ihrer Mitglieder ihre Lage zu verbessern, notwendigerweise zur Wirkungslosigkeit verurteilt. Ebenso sei es verfehlt, die Lage der Arbeiter durch Konsumvereine verbessern zu wollen. So lange diese vereinzelt blieben, könnten sie hier und da den Arbeitern Vorteile verschaffen. Von dem Zeitpunkt aber an, wo sie allgemein würden, würden die Arbeiter als Produzenten, an ihrem Lohne, wieder verlieren, was sie als Konsumenten, beim Einkauf ihrer Bedarfsartikel, gewönnen. Die Lage der Arbeiterklasse könne vielmehr dauernd nur von dem Druck jenes ökonomischen Gesetzes befreit werden, wenn an die Stelle des Arbeitslohns der Arbeitsertrag trete, wenn die Arbeiterklasse ihr eigener Unternehmer werde. Das sei aber nicht durch die Gründung selbsthilflerischer Assoziationen zu erreichen, da diesen die erforderlichen Mittel dazu fehlten, und da sie nur zu oft dem Schicksal verfielen, daß in ihnen der Unternehmergeist seinen Einzug halte und die Mitglieder in die „widrige Karikatur der Arbeiter mit Arbeitermitteln und Unternehmergesinnungen” verwandelte. Die großen Fragen ließen sich nur mit großen Mitteln lösen, und darum müßten die Assoziationen in großartigem Maßstabe und mit Ausdehnung auf die fabrikmäßige Großindustrie ins Leben gerufen, die Mittel dazu aber — das nötige Kapital, bzw. der nötige Kredit — vom Staat dargeboten werden. Das sei durchaus kein Kommunismus oder Sozialismus. „Nichts ist weiter entfernt von dem sogenannten Kommunismus oder Sozialismus als diese Forderung, bei welcher die arbeitenden Klassen ganz wie heute ihre individuelle Freiheit, individuelle Lebensweise und individuelle Arbeitsvergütung beibehalten und zu dem Staat in keiner anderen Beziehung stehen, als daß ihnen durch ihn das erforderliche Kapital, resp. der erforderliche Kredit zu ihrer Assoziation vermittelt wird.” Der Beruf des Staates sei es aber gerade, die großen Kulturfortschritte der Menschheit zu erleichtern und zu vermitteln. „Dazu existiert er, hat immer dazu gedient und dienen müssen.” Was aber „ist denn der Staat”? Und Lassalle führt die Zahlen der preußischen Einkommensstatistik von 1851 an, wonach in jenem Jahre 89 Prozent der Bevölkerung ein Einkommen unter 200 Talern gehabt hatten, dazu 7¼ Prozent der Bevölkerung ein solches von 200 bis 400 Talern, so daß also 96¼ Prozent der Bevölkerung in elender, gedrückter Lage sich befänden. „Ihnen also, meine Herren, den notleidenden Klassen, gehört der Staat, nicht uns, den höheren Ständen, denn aus Ihnen besteht er! Was ist der Staat? fragte ich, und Sie ersehen jetzt aus wenigen Zahlen, handgreiflicher als aus dicken Büchern, die Antwort: Ihre, der ärmeren Klassen, große Assoziation — das ist der Staat.” Und wie den Staat zu der geforderten Intervention vermögen? Dies werde nur durch das allgemeine und direkte Wahlrecht möglich sein. Nur wenn die gesetzgebenden Körper Deutschlands aus dem allgemeinen und direkten Wahlrecht hervorgehen — „dann und nur dann werden Sie den Staat bestimmen können, sich dieser seiner Pflicht zu unterziehen”. Das allgemeine und direkte Wahlrecht ... „ist nicht nur Ihr politisches, es ist auch ihr soziales Grundprinzip, die Grundbedingung aller sozialen Hilfe”. Darum mögen sich die Arbeiter zu einem allgemeinen deutschen Arbeiterverein organisieren, der zum Zweck habe die Einführung des allgemeinen und direkten Wahlrechts in allen deutschen Ländern. Werde diese Forderung von den 89 bis 96 Prozent der Bevölkerung als Magenfrage aufgefaßt und daher auch mit der Magenwärme durch den ganzen nationalen Körper hin verbreitet, so werde es keine Macht geben, die sich dem lange widersetzen würde. „Alle Kunst praktischer Erfolge besteht darin, alle Kraft zu jeder Zeit auf einen Punkt — auf den wichtigsten Punkt — zu konzentrieren und nicht nach rechts und links zu sehen. Blicken Sie nicht nach rechts noch links, seien Sie taub für alles, was nicht allgemeines und direktes Wahlrecht heißt oder damit in Zusammenhang steht und dazu führen kann.”
Dies in möglichst knapper Form der Gedankeninhalt des „Offenen Antwortschreibens” und zugleich der Lassalleschen Agitation überhaupt. Denn wenn natürlich hiermit nicht das letzte Wort der Bestrebungen Lassalles gesagt war, so hielt doch Lassalle bis zuletzt daran fest, die Bewegung auf diesen einen Punkt: „Allgemeines Wahlrecht behufs Erlangung von Staatshilfe für Produktionsgenossenschaften” zu beschränken, eben im Sinne des oben entwickelten Grundsatzes, daß die Kunst praktischer Erfolge darin besteht, alle Kraft zu jeder Zeit auf einen Punkt zu konzentrieren. Es ist von Wichtigkeit, dies im Auge zu behalten, wenn man an die agitatorische Tätigkeit Lassalles den richtigen Maßstab anlegen will. Sie ist, wenigstens in ihrem Beginn, auf den unmittelbaren, praktischen Erfolg berechnet gewesen. Ausdrücklich verweist Lassalle im „Offenen Antwortschreiben” auf die Agitation und den Erfolg der Kornzoll-Liga in England, und ebenso scheint ihm die Agitation der englischen Chartisten vorgeschwebt zu haben, wie der Satz von der „Magenfrage” beweist, der an die Erklärung des Chartistenpredigers Stephens erinnert: „Der Chartismus, meine Freunde, ist keine politische Frage, sondern eine Messer- und Gabelfrage.”
Wenn wir uns nun zunächst die Frage vorlegen, ob denn ein unmittelbarer praktischer Erfolg der so abgesteckten Agitation überhaupt nach Lage der damaligen Verhältnisse möglich war, so glaube ich die Frage unbedingt bejahen zu müssen. Daß später Bismarck, wenn auch freilich nur zum Norddeutschen Reichstag, wirklich das allgemeine Wahlrecht einführte, ist für mich dabei nicht maßgebend. Allerhand Umstände hätten das verhindern können, ohne daß dadurch die Tatsache umgestoßen worden wäre, daß Lassalles Berechnung ihrer Zeit eine richtige war. Umgekehrt, obgleich das Dreiklassenwahlsystem zum preußischen Landtag beibehalten wurde, bleibt der Lassallesche Kalkül doch richtig; er entsprach durchaus der damaligen politischen Situation. Lassalle wußte ganz genau, daß, wenn im Lager der Fortschrittspartei das allgemeine Wahlrecht viele Gegner und im ganzen nur laue Freunde hatte, dafür in den Kreisen der Regierung das Dreiklassenwahlsystem allmählich mit immer scheeleren Augen angesehen wurde. Die gouvernementalen Blätter sprachen sich bereits ganz unverhohlen in diesem Sinne aus, und außerdem fehlte es, wie wir gesehen haben, Lassalle durchaus nicht an Verbindungen, durch die er genau über die Strömungen in den Hof- und Regierungskreisen unterrichtet war. Wenn die Regierung in dem Verfassungskonflikt nicht nachgeben wollte, so blieb ihr, kam nicht ein auswärtiger Krieg — der ihr aber auch verhängnisvoll werden konnte — schließlich kaum etwas anderes übrig, als Napoleon III. nachzuahmen: den Landtag aufzulösen und ein anderes, „demokratischeres” Wahlrecht zu oktroyieren. Zu diesem Schritt mußte sie sich um so mehr veranlaßt fühlen, je mehr eine starke, von der Fortschrittspartei unabhängige Bewegung bestand, die die Abschaffung des Dreiklassenwahlsystems auf ihre Fahne geschrieben hatte. Gerade im Hinblick auf einen möglichen Krieg mußte ihr dies als der beste Ausweg erscheinen, gegebenenfalls nicht das ganze Volk feindselig gegen sich im Rücken zu haben[21].
Von dem Gesichtspunkt des unmittelbaren praktischen Erfolgs hatte also Lassalle unzweifelhaft recht. Es war möglich, das allgemeine Wahlrecht auf die von ihm entwickelte Weise zu erringen. Allerdings um einen Preis: wenn die Regierung es gab, um der Fortschrittspartei nicht nachgeben zu müssen, so wurde damit die Lösung des Verfassungskonflikts mindestens noch weiter hinausgeschoben. „Seien Sie taub für alles, was nicht allgemeines und direktes Stimmrecht heißt oder damit im Zusammenhang steht und dazu führen kann”, heißt es im „Offenen Antwortschreiben”. Einmal das allgemeine Wahlrecht durchgesetzt, würde dieses, das muß man bei Lassalle, wenn er es auch nicht ausdrücklich ausspricht, logischerweise als Voraussetzung annehmen, auch diese Frage lösen. War aber diese Erwartung Lassalles vom allgemeinen Wahlrecht, wie überhaupt die Erwartungen, die er an es knüpfte, in der Sache selbst gerechtfertigt?
Erfahrungen in bezug auf das allgemeine und direkte Wahlrecht lagen zur Zeit Lassalles nur aus Frankreich vor. Und hier sprachen sie durchaus nicht besonders zu dessen Gunsten. Es hatte zwar während der Februarrepublik eine Reihe von Sozialisten in die Volksvertretung gebracht, aber die Stimme dieser Sozialisten war erdrückt worden durch die der Vertreter der verschiedenen Bourgeoisparteien, und das allgemeine Wahlrecht hatte den Staatsstreich Bonapartes so wenig verhindert, daß im Gegenteil Bonaparte ihn hatte unternehmen können als „Wiederhersteller des allgemeinen Wahlrechts”. Und dabei war die Februarrepublik, als sie ins Leben trat, vom Pariser Proletariat proklamiert worden als soziale Republik, ihr war vorhergegangen eine Epoche sozialistischer Propaganda von großartigster Ausdehnung, so daß nach dieser Seite hin die Voraussetzungen dafür gegeben waren, daß sie im Laufe der Zeit zu einer wirklichen sozialistischen Republik hätte werden können. Warum wurde sie es nicht? Warum konnte sie vielmehr durch das Kaiserreich gestürzt werden?
Wenn Lassalle am Schluß des „Arbeiterprogramms” sagt, was am 2. Dezember 1851 gestürzt worden, das sei „nicht die Republik” gewesen, sondern die Bourgeoisrepublik, welche durch das Wahlgesetz vom Mai 1850 das allgemeine Wahlrecht aufgehoben und einen verkappten Zensus zur Ausschließung der Arbeiter eingeführt hatte; die Republik des allgemeinen Wahlrechts aber würde „an der Brust der französischen Arbeiter einen unübersteiglichen Wall gefunden haben”, so wiederholt er damit ein Schlagwort der kleinbürgerlichen Revolutionäre à la Ledru-Rollin, das die Frage nicht beantwortet, sondern nur verschiebt. Wo war dieser „unübersteigliche Wall”, als die auf Grund des allgemeinen Wahlrechts gewählte Kammer dieses aufhob? Warum hatten die Pariser Arbeiter diesen „Staatsstreich der Bourgeoisie” nicht verhindert?
Hätte Lassalle sich diese Frage vorgelegt, so würde er auf die Tatsache gestoßen sein, daß die Februarrepublik als soziale Republik sich nicht halten konnte, weil die Klasse, auf die sie sich als solche hätte stützen müssen, noch nicht entwickelt genug war — d. h. nicht entwickelt genug im sozialen Sinne dieses Wortes. Das moderne industrielle Proletariat war da, es war stark genug gewesen, für einen Augenblick die bestehende Ordnung der Dinge über den Haufen zu werfen, aber nicht stark genug, sie niederzuhalten. Wir begegnen hier wieder dem Grundfehler der Lassalleschen Betrachtungsweise. Selbst wo Lassalle auf die tieferen Ursachen der geschichtlichen Vorgänge einzugehen sucht, hält ihn seine mehr juristische Denkart davon ab, ihrer sozialen Seite wirklich auf den Grund zu gehen, und auch das Ökonomische packt er gerade da an, wo es sich bereits, wenn ich mich so ausdrücken darf, juristisch verdichtet hat. Nur so ist es zu erklären, daß er, um den Arbeitern zu zeigen, aus welchen Elementen sich die Bevölkerung des Staats zusammensetzt, sich an die Statistik der Einkommensverteilung, und zwar ausschließlich an sie hält. Der Streit, der sich damals an diese Stelle des „Offenen Antwortschreibens” knüpfte, ist ein verhältnismäßig untergeordneter. Ob Lassalle sich um einige Prozentsätze nach der einen oder anderen Richtung geirrt hat, darauf kommt im Grunde wenig an, die Tatsache, daß die große Masse der Bevölkerung in dürftigen Verhältnissen lebt, während nur eine kleine Minderheit im Überfluß schwelgt, konnten die Wackernagel und Konsorten, die sich Lassalle damals entgegenstellten, mit dem Aufwand ihrer ganzen Rabulistik nicht aus der Welt leugnen. Viel wichtiger ist es, daß Lassalle gar nicht berücksichtigt, aus wie verschiedenartigen Elementen sich die 96 oder 89 Prozent der Bevölkerung zusammensetzten, als deren „große Assoziation” er den Staat bezeichnete. Welch großen Bruchteil davon Kleinhandwerker und Kleinbauern, sowie vor allem die Landarbeiter bildeten, die noch großenteils völlig unter der geistigen Vormundschaft ihrer Arbeitsherren standen, läßt er ganz unerörtert. Über die Hälfte der Bevölkerung Preußens entfiel damals auf den Ackerbau, die größeren Städte spielten bei weitem nicht die Rolle, die sie heute spielen, vom Standpunkt der industriellen Entwicklung betrachtet, war der ganze Osten der Monarchie nur eine Wüste mit vereinzelten Oasen[22].
Was konnte unter solchen Umständen das allgemeine Wahlrecht an der Zusammensetzung der Kammer ändern? War von ihm ein besseres Resultat zu erwarten, als von dem allgemeinen Wahlrecht im Frankreich der Jahre 1848 und 1849? Sicherlich nicht. Es konnte eine gewisse Anzahl von Arbeitervertretern in die Volksvertretung bringen, und das war an sich gewiß sehr zu wünschen. Aber im übrigen mußte es, gerade je mehr es die Wirkung erfüllte, die Lassalle von ihm versprach — nämlich einen Volksvertretungskörper zusammenbringen, der „das genaue, treue Ebenbild ist des Volkes, das ihn gewählt hat” („Arbeiterprogramm”) — die Zusammensetzung der Kammer verschlechtern, anstatt sie zu verbessern. Denn so jämmerlich immer die damalige Volksvertretung war, sie war doch wenigstens bürgerlich-liberal. Lassalle vergaß, daß die dürftigen Klassen zwar unter Umständen sämtlich revolutionäre Truppen stellen, aber keineswegs samt und sonders revolutionäre Klassen sind, er vergaß, daß die 89 Prozent nur erst zum Teil aus modernen Proletariern bestanden.
Wenn also das allgemeine Wahlrecht zu erlangen möglich war, so ist doch damit noch keineswegs gesagt, daß es das, wozu es selbst wieder als Mittel dienen sollte, auch in absehbarer Zeit herbeigeführt haben würde. Bei der politischen und sonstigen Bildungsstufe der großen Masse der Bevölkerung konnte das Wahlrecht auch zunächst das Gegenteil bewirken, statt Vertreter moderner Prinzipien, solche des Rückschritts in größerer Anzahl als bisher in die Kammer bringen. Nicht alle Fortschrittler waren aus Klasseninteresse Gegner oder laue Freunde des allgemeinen Wahlrechts, es waren unter ihnen ein großer Teil Ideologen, welche gerade durch die Entwicklung der Dinge in Frankreich in bezug auf seinen Wert skeptisch geworden waren. Auch Sozialisten dachten so. Es sei nur an Rodbertus erinnert, der in seinem Offenen Brief an das Leipziger Komitee ebenfalls auf Frankreich hinwies, als ein Beispiel dafür, daß das allgemeine Stimmrecht „nicht notwendig dem Arbeiterstande die Staatsgewalt in die Hände spielt”. Es sei gesagt worden, das allgemeine Wahlrecht solle nur Mittel zum Zweck sein, Mittel seien aber „zu verschiedenen Zwecken und mitunter zu den entgegengesetzten brauchbar”. „Sind Sie,” fragt er, „dessen gewiß, daß hier das Mittel mit zwingender Notwendigkeit zu dem von Ihnen aufgesteckten Ziele führen muß? Ich glaube das nicht.” Aus den Briefen Lassalles an Rodbertus geht auch hervor, daß, beinahe mehr noch als Rodbertus' gegensätzliches Urteil über den Wert der Produktivgenossenschaften, sein Gegensatz gegen das allgemeine Stimmrecht der Grund war, daß er trotz aller dringenden Bitten Lassalles dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein nicht beitrat[23].