Mit dieser Schrift und ihrer Annahme im Komitee und im Leipziger Arbeiterverein selbst beginnt die eigentlich sozialistische Agitation Lassalles und die Geschichte des „Allgemeinen deutschen Arbeitervereins”.
Das „Offene Antwortschreiben” Lassalles tritt zunächst der Ansicht entgegen, daß die Arbeiter sich nicht um die Politik zu bekümmern hätten. Im Gegenteil, sie hätten sich durchaus an der Politik zu beteiligen, bloß dürften sie dies nicht in der Weise tun, daß sie sich als den „selbstlosen Chor und Resonanzboden” der Fortschrittspartei betrachteten. Der Nachweis dafür, daß die Fortschrittspartei den Anspruch darauf verwirkt habe, stützt sich im wesentlichen auf das von dieser im Verfassungskonflikt beobachtete Verhalten und ist insofern nicht überall von gleichmäßiger Beweiskraft. Wenn Lassalle z. B. auf Seite 4 der Schrift der Fortschrittspartei vorwarf, daß sie „nur .... das Festhalten am Budgetbewilligungsrecht zum Inhalt ihres Kampfes habe”, so vergaß er, daß er selbst es noch im Vortrage „Was nun?” als das eigentliche und mit aller Energie zu vertretende Objekt des Kampfes bezeichnet hatte. Ebenso konnte sich die Fortschrittspartei auf ihn selbst berufen, wenn er es ihr als eine politische Sünde anrechnete, daß sie
„sich durch ihr Dogma von der preußischen Spitze zwingt, in der preußischen Regierung den berufenen Messias für die deutsche Wiedergeburt zu sehen, während es, mit Einschluß Hessens, nicht eine einzige deutsche Regierung gibt, welche hinter der preußischen in politischer Beziehung zurückstände, während es, und zwar mit Einschluß Österreichs (!!), fast keine einzige deutsche Regierung gibt, welche der preußischen nicht noch bedeutend voraus wäre.”
Indes in der Sache selbst hatte Lassalle natürlich recht. Die Organisation der Arbeiter als selbständige politische Partei mit eigenem Programm war eine geschichtliche Notwendigkeit, und wenn die Entwicklung der politischen Zustände Deutschlands es zweifelhaft erscheinen lassen konnte, ob es gerade in jenem Augenblick geraten war, die Arbeiter vom Heerbann der gegen den Absolutismus kämpfenden Fortschrittspartei abzutrennen, so lag von seiten der letzteren genug vor, was zu dieser Abtrennung geradezu herausforderte. Zudem hieß die selbständige Organisierung der Arbeiter an sich noch nicht Beeinträchtigung der Aggressivkraft der Fortschrittspartei. Daß sie diese in der Tat zur Folge hatte, ist in nicht geringem Grade Schuld der Fortschrittspartei selbst — ihrer wahrhaft bornierten Haltung gegenüber der neuen Bewegung. Zum Teil allerdings auch Schuld des Programms, welches Lassalle dieser Bewegung gab.
Wir haben bei Besprechung des „Arbeiterprogramms” gesehen, welch abstrakte, rein ideologische Vorstellung Lassalle mit dem Begriff „Staat” verband. Es ist keine Übertreibung zu sagen, daß er einen wahren Kultus mit dem Staatsbegriff trieb. „Das uralte Vestafeuer aller Zivilisation, den Staat, verteidige ich mit Ihnen gegen jene modernen Barbaren” — nämlich die Manchesterpartei — ruft er in der Rede „Die indirekte Steuer” den Richtern des Berliner Kammergerichts zu, und ähnliche Stellen finden sich in fast allen seinen Reden vor. Dieser Staatskultus ist die Achillesferse der Lassalleschen Doktrin, die Ursache von allerhand verhängnisvollen Fehlgriffen. Die althegelisch-ideologische Vorstellung vom „Staat” veranlaßte Lassalle, in einem Augenblick den Arbeitern eine halbmystische Verehrung des Staats einzuprägen, wo es sich für sie zunächst noch darum handelte, die Bevormundungen des Polizeistaats erst loszuwerden. Es hört sich sehr hübsch an, wenn er im „Offenen Antwortschreiben” den Arbeitern zuruft: „Wie, Sie wollten über Freizügigkeit debattieren? Ich weiß Ihnen hierauf nur mit dem Distichon Schillers zu antworten:
„Jahrelang bedien' ich mich schon meiner Nase zum Riechen,
Aber hab' ich an sie auch ein erweisliches Recht?” —
Freizügigkeit und Gewerbefreiheit seien Dinge, die man in einem gesetzgebenden Körper „stumm und lautlos dekretiert, aber nicht mehr debattiert”. Tatsächlich jedoch waren diese Dinge und mit ihnen die Koalitionsfreiheit eben noch nicht da, während die Arbeiter sie unbedingt brauchten. Der wirkliche Grund, warum Freizügigkeit und Gewerbefreiheit einen verhältnismäßig untergeordneten Rang auf einem Arbeiterkongreß einzunehmen hatten, war der, daß sie zugleich in hohem Grade Forderungen des bürgerlichen Liberalismus waren; aber überflüssig war ihre Diskutierung schon deshalb nicht, weil selbst in Arbeiterkreisen noch sehr viel Unklarheit über ihre Bedeutung herrschte.
Lassalle schob diese Fragen beiseite, weil ihm wichtiger als sie die Forderung der Staatshilfe schien. Einmal der Sache selbst wegen, zweitens aber, weil er in dem Ausblick auf die Staatshilfe das einzig wirksame Mittel erblickte, die Arbeiterklasse für die politische Aktion aufzurütteln, sie zugleich von der Vormundschaft der bürgerlichen Parteien zu emanzipieren und doch für die Erkämpfung der demokratischen Forderungen zu erwärmen. Und kein Zweifel, daß ihm zu jener Zeit diese zweite Seite die wichtigere war. Sie war es auch nach Lage der Dinge selbst. Es handelte sich nur darum, ob Methode und Mittel, durch die er diesen Zweck zu erreichen suchte, richtig waren.
Um die Arbeiter von der Wirkungslosigkeit der Selbsthilfe zu überzeugen, wie sie von bürgerlicher Seite gepredigt wurde, berief sich Lassalle auf das Lohngesetz der kapitalistischen Produktion, wie es von den Klassikern der politischen Ökonomie, insbesondere und am schärfsten von Ricardo formuliert worden war, das „eherne und grausame Gesetz, wonach unter der Herrschaft von Angebot und Nachfrage der durchschnittliche Arbeitslohn immer auf den notwendigen Lebensunterhalt reduziert bleibt, der in einem Volke gewohnheitsmäßig zur Fristung der Existenz und zur Fortpflanzung erforderlich ist”. Steige er zeitweilig über diesen Satz, so bewirkten leichtere Verehelichung und Fortpflanzung eine Vermehrung der Arbeiterbevölkerung und damit des Arbeiterangebots, infolgedessen der Lohn wieder auf den früheren Lohnsatz zurückfalle. Falle er aber unter diesen Satz, so bewirkten Auswanderung, größere Sterblichkeit unter den Arbeitern, Enthaltung von Ehe und Fortpflanzung eine Verminderung des Arbeiterangebots, infolgedessen die Löhne wieder stiegen. So tanzten „Arbeiter und Arbeitslohn immer um den äußersten Rand dessen herum, was nach dem Bedürfnis jeder Zeit zu dem notwendigsten Lebensunterhalt gehört”, und dies „ändert sich nie”.