Dieser Kriegserklärung, in Form einer Berichtigung an die radikale Berliner „Reform” eingesandt, verschloß letztere — für die Lassalle noch im Juni 1862 bei Marx ein gutes Wort eingelegt hatte — ihre Spalten, desgleichen die „Vossische Zeitung”. Die letztere lehnte auch die Aufnahme des Aufsatzes als bezahltes Inserat ab, worauf Lassalle ihn als „Offenes Sendschreiben” in Zürich erscheinen ließ. Daß die Wahl dieses Verlagsortes die „preßgesetzlichen Bedenken” der „Vossischen Zeitung” eigentlich rechtfertigte, kümmerte ihn nicht weiter.
Zwischen der Veröffentlichung des Vortrages „Was nun?” (Dezember 1862) und der Abfassung des „Sendschreibens” (Februar 1863) liegen wiederum zwei Monate. Noch vor dieser Zeit (Ende Oktober 1862) waren zwei Mitglieder des Leipziger Arbeiterkomitees, der Tabakarbeiter F. W. Fritzsche und der Schuhmacher Julius Vahlteich, nach Berlin gefahren und hatten dort, nach Konferenzen mit führenden Mitgliedern des Berliner Arbeiterkomitees, sowie mit Schulze-Delitzsch und noch etlichen Fortschrittsführern am 2. November einer großen Arbeiterversammlung beigewohnt, in der mit überwiegender Mehrheit beschlossen wurde, das Mandat für die Einberufung des Kongresses dem Leipziger Komitee zu übertragen. Der Besuch überzeugte sie, die selbst schon Sozialisten waren, daß die Arbeiter Berlins noch stark an Schulze-Delitzsch hingen, dieser aber und die übrigen Führer der Fortschrittspartei von einer selbständigen Arbeiterbewegung sehr wenig wissen wollten. Spätere Anfragen bestärkten diesen Eindruck noch. In bezug auf die Frage des Beitritts zum Nationalverein erhielt man die bereits erwähnte klassische Antwort, die Arbeiter sollten sich als „Ehrenmitglieder” des Nationalvereins betrachten. In bezug auf die Frage des Wahlrechts waren die Unruh, Schulze-Delitzsch usw. selbst gespalten, hielten sie auch außerdem für keine brennende. Das Dreiklassenwahlsystem hatte ja eine so vortreffliche Kammer zusammengebracht, man könne es also schon noch eine Weile mitansehen. Daß die vortreffliche, d. h. die oppositionelle Kammer, lediglich das Produkt der besonderen Zeitverhältnisse war, kam den guten Leuten nicht zum Bewußtsein.
Von dem jugendlichen Berliner Demokraten, dem späteren Fortschrittsabgeordneten Ludwig Löwe, wurden die Leipziger auf Ferdinand Lassalle und dessen Vortrag „Das Arbeiterprogramm” aufmerksam gemacht und setzten sich nun mit Lassalle in Verbindung. Man kann sich leicht denken, wie sehr dies dessen Entschluß bestärken mußte, nunmehr das „Friede der Vergangenheit, meine Herren” zurückzunehmen. Als er das Sendschreiben „Macht und Recht” erließ, war bereits zwischen ihm und dem Leipziger Komitee verabredet, daß dieses ihn in einem offiziellen Schreiben ersuchen sollte, seine Ansichten über die Aufgaben der Arbeiterbewegung und die Frage der Assoziationen in einer ihm passend erscheinenden Form darzulegen, und daß diese Form eben die einer Flugschrift sein sollte. Die äußerst interessanten damaligen Briefe Lassalles an die Leipziger sind neuerdings von Prof. H. Oncken in Grünbergs „Archiv für die Geschichte des Sozialismus” veröffentlicht worden (Jahrgang 2, Heft 2 und 3). Sie zeigen, daß Lassalle, so froh er über die Verbindung mit dem Leipziger Komitee war, sich diesem doch in keiner Weise aufdrängte. Die Leipziger, d. h. die treibenden Elemente im Arbeiterverein, wußten sehr gut, worauf sie hinauswollten; worüber man noch unentschlossen war, das war weniger das Wesen der zu unternehmenden Aktion, als das Aktionsprogramm. Es war durchaus nicht „das Bewußtsein seiner eigenen Unklarheit”, wie Bernh. Becker in seiner „Die Wahrheit über alles” stellenden Geschichte der Lassalleschen Arbeiteragitation schreibt, die das Komitee veranlaßte, in einem vom 10. Februar datierten „Aufruf an die deutschen Arbeiter” gleichzeitig für Beschleunigung, aber gegen Übereilung des zu berufenden Arbeiterkongresses sich auszusprechen. Der Kongreß sollte möglichst bald stattfinden, aber nicht so bald, daß nicht inzwischen die Lassallesche Antwort ihre Wirkung getan haben konnte. In derselben Sitzung, wo es den vorerwähnten Aufruf erließ, beschloß das Komitee, folgenden Brief an Lassalle zu schicken, der auch tags darauf abging:
„Herrn Ferdinand Lassalle in Berlin.
Sehr geehrter Herr!
Ihre Broschüre: ‚Über den besonderen Zusammenhang der gegenwärtigen Geschichtsperiode mit der Idee des Arbeiterstandes’ ist hier überall von den Arbeitern mit großem Beifall aufgenommen worden und das Zentralkomitee hat sich in Ihrem Sinne in der Arbeiterzeitung ausgesprochen. Andrerseits sind von verschiedenen Seiten sehr ernstliche Bedenken ausgesprochen worden, ob die von Schulze-Delitzsch empfohlenen Assoziationen der großen Mehrzahl der Arbeiter, die gar nichts besitzt, genügend helfen können, ob namentlich durch dieselben die Stellung der Arbeiter im Staat in der Art verändert werden kann, wie es notwendig erscheinen muß. Das Zentralkomitee hat in der Arbeiterzeitung (Nr. 6) hierüber seine Ansichten ausgesprochen; es ist der Überzeugung, daß das Assoziationswesen unter unsern jetzigen Verhältnissen nicht genug leisten könne. — Da nun aber aller Orten die Ideen von Schulze-Delitzsch als maßgebend für den Arbeiterstand, unter dem wir die gedrückteste Klasse des Volkes verstehen, empfohlen werden, und da doch wohl noch andere Mittel und Wege, als die von Schulze-Delitzsch vorgeschlagenen, denkbar wären, um die Ziele der Arbeiterbewegung: Verbesserung der Lage der Arbeiter in politischer, materieller und geistiger Beziehung zu erreichen, so hat das Zentralkomitee in seiner Sitzung vom 10. Februar cr. einstimmig beschlossen:
Sie zu ersuchen, in irgendeiner Ihnen passend erscheinenden Form Ihre Ansichten über die Arbeiterbewegung und über die Mittel, deren dieselbe sich zu bedienen hat, sowie besonders auch über den Wert der Assoziationen für die ganz unbemittelte Volksklasse, auszusprechen.
Wir legen den größten Wert auf Ihre Ansichten, welche Sie in der angeführten Broschüre ausgesprochen haben, und werden deshalb auch Ihre ferneren Mitteilungen vollkommen zu würdigen wissen. Wir ersuchen Sie schließlich nur noch um möglichst baldige Erfüllung unserer Bitte, da uns viel daran liegt, die Entwicklung der Arbeiterbewegung zu beschleunigen. — Mit Gruß und Handschlag!
Leipzig, 11. Februar 63.
Für das Zentralkomitee zur Berufung eines
Allgemeinen Deutschen Arbeiterkongresses
Otto Dammer.”
Die Antwort auf diesen Brief bildete das vom 1. März 1863 datierte „Offene Antwortschreiben an das Zentralkomitee zur Berufung eines allgemeinen deutschen Arbeiterkongresses zu Leipzig von Ferdinand Lassalle”.