Aber trotz seiner geistigen Überlegenheit, trotz seiner packenden Rhetorik hatte Lassalle doch den Fortschrittlern gegenüber nicht den Erfolg, auf den er gerechnet hatte. Von einer Wirkung des „Offenen Antwortschreibens” gleich der der von Luther an die Wittenberger Schloßkirche genagelten Thesen — wie sie Lassalle sich laut dem bereits erwähnten Schreiben an seinen Freund Levy versprach — konnte zunächst auch nicht entfernt die Rede sein. Am 19. Mai 1863 hatte Lassalle in Frankfurt a. M., nachdem er zwei Tage vorher auf dem dort abgehaltenen „Arbeitertag des Maingaues” eine vierstündige Rede gehalten, in einer zum Abschluß derselben anberaumten Volksversammlung die Annahme einer Resolution durchgesetzt, wonach sich die Anwesenden verpflichteten, für das Zustandekommen eines allgemeinen deutschen Arbeitervereins im Sinne Lassalles zu wirken, und am 23. Mai 1863 ward alsdann in Leipzig, in Anwesenheit von Delegierten aus 11 Städten (Hamburg, Harburg, Köln, Düsseldorf, Mainz, Elberfeld, Barmen, Solingen, Leipzig, Dresden und Frankfurt a. M.), der „Allgemeine Deutsche Arbeiterverein” gegründet, auf Grund von Statuten, die Lassalle im Verein mit dem ihm befreundeten demokratischen Fortschrittsabgeordneten Ziegler ausgearbeitet hatte. Gemäß diesen Statuten war die Organisation eine streng zentralistische, was sich zum Teil durch die deutschen Vereinsgesetze, zum Teil durch den Umstand erklärt, daß ursprünglich auch an die Gründung eines allgemeinen Arbeiterversicherungsverbandes gedacht worden war. Der Plan war fallen gelassen worden, aber Lassalle behielt trotzdem die Bestimmungen der Statuten bei, die sich lediglich auf ihn bezogen hatten, so namentlich die persönlicher Spitze und die geradezu diktatorischen Vollmachten für die Person des Präsidenten, der obendrein auf fünf Jahre unabsetzbar sein sollte. Es machten sich zwar bereits auf dieser ersten konstituierenden Versammlung Anzeichen einer Opposition gegen solche Präsidialgewalt bemerkbar, aber sie konnte gegenüber Lassalles ausgesprochenem Wunsch auf unveränderte Annahme der Statuten nicht durchdringen. Mit allen gegen eine Stimme (York aus Harburg) wurde Lassalle zum Präsidenten erwählt, und nachdem man ihm noch die Befugnis zugestanden, so oft und auf so lange als er wollte, einen Vizepräsidenten zu ernennen, nahm er nach einigem Zaudern die Wahl an. Er war somit anerkannter Führer der neuen Bewegung; diese selbst aber blieb auf längere Zeit hinaus noch auf eine geringe Anhängerschaft beschränkt. Drei Monate nach der Gründung betrug die Mitgliederzahl des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins kaum 900. An sich wäre das ein gar nicht zu verachtender Anfang gewesen, aber Lassalle hatte auf ganz andere Zahlen gerechnet. Er wollte nicht der Leiter einer Propagandagesellschaft, sondern der Führer einer Massenbewegung sein. Die Massen aber blieben der neuen Organisation fern.
Lassalle war eine bedeutende Arbeitskraft, er konnte zeitweise eine wahrhafte Riesenarbeit leisten; aber was ihm nicht gegeben war, das war das stetige, solide, ausdauernde Schaffen. Der Verein war noch nicht sechs Wochen alt, da trat der neue Präsident bereits eine mehrmonatige Erholungsreise an — zunächst in die Schweiz, dann an die Nordsee. Freilich blieb Lassalle auch unterwegs nicht untätig. Er unterhielt eine rege Korrespondenz, suchte alle möglichen Größen für den Verein zu gewinnen, wobei er übrigens nicht sehr wählerisch vorging, aber gerade das, worauf es ankam: die Agitation unter den Massen, ließ er ruhen. Ferner sorgte er unbegreiflicherweise nicht einmal dafür, daß der Verein wenigstens ein ordentliches Wochenblatt zur Verfügung hatte, obwohl es ihm an den Mitteln dazu nicht fehlte. Er begnügte sich mit gelegentlichen Subventionen an Blätter, wie den in Hamburg von dem alten Freischärler Bruhn herausgegebene „Nordstern” und den in Leipzig von einem Eigenbrödler, Dr. Ed. Löwenthal, herausgegebene „Zeitgeist”, womit diese Blätter zeitweise über Wasser gehalten wurden, ohne jedoch deshalb aufzuhören beständig zwischen Leben und Sterben zu schweben.
Wie die Masse der Arbeiter, so blieben auch die meisten der vorgeschrittenen Demokraten und Sozialisten aus den bürgerlichen Kreisen, an die sich Lassalle mit Einladungen zum Beitritt wandte, dem Verein fern. Ein großer Teil dieser Leute war, wie bereits erwähnt, stark verphilistert oder doch auf dem besten Wege zum Philisterium, andere wurden durch ein unbestimmtes persönliches Mißtrauen gegen Lassalle davon abgehalten, sich öffentlich für ihn zu erklären, wieder andere hielten den Zeitpunkt für sehr ungeeignet, die Fortschrittspartei von links her zu attackieren. Und selbst diejenigen, die dem Verein beitraten, ließen es meist bei der einfachen Mitgliedschaft bewenden und verhielten sich im übrigen durchaus passiv. Dafür agitierten zwar andere Mitglieder des Vereins, ganz besonders die aus der Arbeiterklasse hervorgegangenen, um so eifriger, und der Sekretär des Vereins, Jul. Vahlteich, entwickelte eine geradezu fieberhafte Tätigkeit Anhänger für den Verein zu werben, aber die Erfolge entsprachen durchaus nicht den Anstrengungen. Auf der einen Seite erwies sich die Gleichgültigkeit der unentwickelten Masse der Arbeiter, auf der andern die das Interesse des Augenblicks absorbierende nationale Bewegung in Verbindung mit dem Verfassungskampf in Preußen als ein fast unübersteigbares Hindernis, so daß an verschiedenen Orten die Mitglieder des Vereins bereits lebhaft die Frage diskutierten, ob man nicht durch Anziehungsmittel unpolitischer Natur, Gründung von Unterstützungskassen usw., das Werbegeschäft fördern solle.
Lassalle selbst war einen Augenblick geneigt, auf die Diskussion dieser Frage einzugehen — vgl. seinen Brief vom 29. August 1863 an den Vereinssekretär (zitiert bei B. Becker, Geschichte der Arbeiteragitation usw. S. 83) —, er kam aber wieder davon ab, weil er einsah, daß der Verein damit notwendigerweise seinen Charakter ändern mußte. Er würde aufgehört haben, eine jederzeit disponible politische Maschine abzugeben, und nur als eine solche hatte er in den Augen Lassalles Wert.
Noch in den Bädern entwarf Lassalle die Grundgedanken einer Rede, mit der er bei seiner Rückkehr die Agitation wieder aufnehmen wollte, und zwar zunächst am Rhein, wo der Boden sich ihm am günstigsten erwiesen hatte. Es ist dies die Rede „Die Feste, die Presse und der Frankfurter Abgeordnetentag”.
Diese Rede, die Lassalle in den Tagen vom 20. bis 29. September 1863 in Barmen, Solingen und Düsseldorf hielt, bezeichnet den Wendepunkt in seiner Agitation. Welche Einflüsse während der Sommermonate auf ihn eingewirkt hatten, wird wohl kaum festgestellt werden können, indes wird man nicht fehlgehen, wenn man auf die Gräfin Hatzfeldt und ihre Verbindungen schließt. Die Hatzfeldt hatte begreiflicherweise fast ein noch größeres Streben, Lassalle vom Erfolg emporgehoben zu sehen, als dieser selbst; für sie ging das Interesse am Sozialismus vollständig auf im Interesse an Lassalle, durch dessen Vermittlung sie überhaupt erst zum Sozialismus gekommen war. Sie wurde auch sicherlich nur durch ihre große Zuneigung zu Lassalle getrieben, wenn sie ihm zu Schritten riet, die wohl versprachen, seinem persönlichen Ehrgeiz Befriedigung zu verschaffen, die aber die Bewegung selbst im höchsten Grade kompromittieren konnten. Für sie war eben die Bewegung Lassalle und Lassalle die Bewegung, sie betrachtete die Dinge meist durch die Brille der vermeintlichen Interessen Lassalles. Solche uneigennützigen Freunde sind indessen in der Regel von sehr zweifelhaftem Wert. Sind sie aber obendrein noch durch Erziehung, Lebensstellung usw. in besonderen Klassenvorurteilen befangen und haben sie keinen eigenen selbständigen Wirkungskreis, so wirkt ihre Fürsorge zuweilen schlimmer als Gift. Sie bestärken den Gegenstand ihrer Liebe in allen seinen Fehlern und Schwächen, sie reizen beständig seine Empfindlichkeit, indem sie ihn auf jedes Unrecht aufmerksam machen, das ihm scheinbar geschehen; mehr als der Beleidigte selbst verzehren sie sich im Durst nach Rache für dieses Unrecht, sie hetzen und schüren und intrigieren — alles in bester Absicht, aber zum größten Schaden dessen, für den es vermeintlich geschieht.
Die Hatzfeldt war in ihrer Art eine gescheite Frau, die Lassalle, so sehr sie ihm an Wissen und Energie nachstand, doch in bezug auf Erfahrung überlegen war. Wo seine Leidenschaft nicht im Wege stand, gab er viel auf ihren Rat; er mußte doppelt auf ihn wirken, wo er seinen Leidenschaften Vorschub leistete. In einem am Schluß seiner Laufbahn geschriebenen Briefe an die Gräfin macht Lassalle dieser gegenüber die Bemerkung, sie sei es ja eigentlich gewesen, die ihn zur Annahme des Präsidiums des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins veranlaßt habe. Das ist sicherlich nicht wörtlich zu nehmen. Lassalle hätte wohl auch ohne die Gräfin das Präsidium angenommen. Aber in solchen Situationen läßt man sich besonders gern durch gute Freunde zu dem bestimmen, was man selbst möchte, weil es die Verantwortlichkeit zu mindern scheint. Die Gräfin wird also Lassalles Bedenken beschwichtigt haben, und es liegt der Schluß mehr als nahe, daß sie es mit Verweisung auf die Dinge getan haben wird, die sich in den oberen Regionen Preußens damals vorbereiteten. Es sei nur an die Erklärung Lassalles in seiner Verteidigungsrede im Hochverratsprozeß erinnert, daß er schon vom ersten Tage, wo er seine Agitation begann, gewußt habe, daß Bismarck das allgemeine Wahlrecht oktroyieren werde, und an die weitere Erklärung, daß, als er das „Offene Antwortschreiben” erließ, ihm „klar” war, daß „große auswärtige Konflikte bevorstehen, Konflikte, welche es unmöglich machen, das Volk zu ignorieren”. Er stellt es zwar dort so hin, als ob dies jeder hätte wissen müssen, der die Ereignisse mit sicherem Blick verfolge, aus seinen Briefen an Marx haben wir aber gesehen, wie sehr er sich bei seinen politischen Schritten durch die „Informationen” beeinflussen ließ, die ihm aus „diplomatischen Quellen” über die Vorgänge in Regierungskreisen zugingen.
Die Hatzfeldt war durch das langsame Wachstum des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins sicherlich noch mehr enttäuscht worden, als Lassalle selbst. Durch ihren ganzen Bildungsgang auf die Mittel der Intrige und stillen Diplomatie abgerichtet, mußte sie auch jetzt darauf verfallen, hinten herum das zu erreichen, was auf dem Wege des offenen Kampfes sich als so schwer zu erreichen erwies. In diesem Streben fand sie an Lassalles Geneigtheit, Erfolge, die er sich einmal als Ziel gesetzt, um jeden Preis zu erzwingen, an seinem rücksichtslosen Temperament und seinem hochgradigen Selbstgefühl nur zu bereitwillige Unterstützung. Inwieweit damals schon die Fäden angeknüpft waren, die später Lassalle ins Palais des Herrn von Bismarck führten, läßt sich heute nicht mehr feststellen, aber sowohl die Worte, welche Lassalle, als er die Rede „Die Feste, die Presse usw.” für den Druck niederschrieb, an seinen Freund Levy richtete: „Was ich da schreibe, schreibe ich bloß für ein paar Leute in Berlin,” als auch vor allem der Inhalt der Rede selbst beweisen, daß an diesen Fäden mindestens eifrig gesponnen wurde. Die Rede ist gespickt mit Angriffen auf die Fortschrittspartei, die teilweise sehr übertrieben sind, während dagegen dem Minister Bismarck unumwunden geschmeichelt wird. Hatten bis dahin stets der Demokrat und der Sozialist in Lassalle die demagogische Ader in ihm gemeistert, so meistert hier der Demagoge die ersteren.
Im Juni 1863 hatte die preußische Regierung, nachdem sie den Landtag nach Hause geschickt, die berüchtigten Preßordonnanzen erlassen, welche die Verwaltungsbehörden ermächtigten, nach vorheriger zweimaliger Verwarnung das fernere Erscheinen irgendeiner inländischen Zeitung oder Zeitschrift „wegen fortdauernder, die öffentliche Wohlfahrt gefährdender Haltung zeitweise oder dauernd” zu verbieten. Die liberale Presse, ausschließlich in den Händen von Privatunternehmern, hatte daraufhin meist es vorgezogen, während der Dauer der Preßordonnanzen überhaupt nichts mehr über die innere Politik zu schreiben. Das war gewiß nichts weniger als tapfer, aber es war auch nicht so schlimmer Verrat an der eigenen Sache als wie Lassalle es hinstellt. Lassalle übersah geflissentlich, daß Bismarcks Absicht beim Erlaß der Preßordonnanz eben gewesen war, die ihm verhaßten Blätter der Opposition geschäftlich zu ruinieren, um seine eigene oder eine ihm genehme Presse an ihre Stelle zu bringen. In der Begründung der Preßordonnanz hatte es ausdrücklich geheißen:
„Die positive Gegenwirkung gegen die Einflüsse derselben (d. h. der liberalen Presse) vermittelst der konservativen Presse kann schon deshalb den wünschenswerten Erfolg nur teilweise haben, weil die meisten der oppositionellen Organe durch eine langjährige Gewöhnung des Publikums und durch die industrielle Seite der betreffenden Unternehmungen eine Verbreitung besitzen, welche nicht leicht zu bekämpfen ist.”