Trotzdem blieb der Erfolg aus. Der Bischof von Mainz konnte gar nichts tun, weil Helene von Dönniges protestantisch war, und der Vermittlungsversuch, den ein vom bayerischen Minister des Auswärtigen an den Schauplatz des Konfliktes entsandter Vertrauensmann unternahm, führte nur dahin, Lassalle den Beweis zu liefern, daß er durch die Art seines Vorgehens sich und das Weib, für das er kämpfte, in eine total falsche Position gebracht hatte. Obwohl er gewußt hatte, daß Helene jeder Willensenergie entbehrte und darin gerade einen Vorzug für sein zukünftiges Zusammenleben mit ihr erblickt hatte — „erhalten Sie mir Helene in den unterwürfigen Gesinnungen, in denen sie jetzt ist”, hatte er am 2. August an die Gräfin Hatzfeldt geschrieben —, hatte er ihr jetzt eine Rolle zugemutet, welche die höchste Willensstärke erforderte, und war empört darüber, daß das junge Mädchen sich ihr zu entziehen suchte. Getragen von seinem Selbstgefühl und gewohnt, die Dinge ausschließlich unter dem Gesichtswinkel seiner Stimmungen und Interessen zu betrachten, hatte er ganz außer Erwägung gelassen, daß gerade die unterwürfigsten Menschenkinder am leichtesten ihre Empfindungen ändern, und sah den „bodenlosen Verrat” und das „unerhörteste Spiel” einer „verworfenen Dirne”, wo weiter nichts vorlag, als die Unbeständigkeit eines verwöhnten Weltkindes.

Indes, er war nervös total heruntergekommen und besaß längst nicht mehr die Energie eines gesunden Willens. Das rasche Zugreifen zu Gewaltmitteln, das Bestreben, um jeder Kleinigkeit wegen Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, die Unfähigkeit, Widerspruch zu ertragen oder sich einen Wunsch zu versagen, sind nicht Beweise geistiger Kraft, sondern eines hochgradigen Schwächezustandes. Auch der schnelle Wechsel von Zornesausbrüchen und Tränen, der sich nach den übereinstimmenden Berichten der Augenzeugen bei Lassalle damals zeigte, deutet untrüglich auf ein stark zerrüttetes Nervensystem.

In dieser Verfassung war es ihm unmöglich, die erlittene Niederlage ruhig zu ertragen, und er suchte sich durch ein Duell Genugtuung zu verschaffen für die ihm nach seiner Ansicht angetane Schmach. So töricht das Duell an sich ist, so begreiflich war es unter den obwaltenden Verhältnissen. In den Gesellschaftskreisen, in denen die Affäre spielte, ist das Duell das reinigende Bad für allen Schmutz und allen Schimpf, und wenn Lassalle nicht die moralische Kraft besaß, sich im Kampf um irgendeine Sache auf solche Mittel zu beschränken, welche sich für den Vertreter der Partei der sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft schicken, so war es auch nur konsequent, daß er für den vermeintlich erlittenen Schimpf sich in der Weise seiner Umgebung Genugtuung zu verschaffen suchte. Wer sich dem Bojaren Janko von Rakowitza im Duell gegenüberstellte, das war nicht der Sozialist Lassalle, sondern der verjunkerte Kaufmannssohn Lassalle, und wenn mit dem letzteren auch der erstere, der Sozialist, im Duell erschossen wurde, so sühnte er damit die Schuld, daß er jenem die Macht über sich eingeräumt hatte.


[Schlußbetrachtung.]

So machte ein frühzeitiger Tod der politischen Laufbahn Lassalles, seinen Plänen und Hoffnungen ein jähes Ende. Vielleicht war es gut so, vielleicht hat er es selbst in seinen letzten Stunden nicht als ein Unglück empfunden. Das Ziel, das er im Sturm nehmen zu können geglaubt, war wieder in die Ferne gerückt, und für die ruhige Organisationsarbeit hielt er sich nicht geschaffen. So sah seine nächste Zukunft sehr problematisch aus, und dies mag zu der fast wahnsinnigen Hast, mit der er sich in die Dönniges-Affäre gestürzt hatte, viel beigetragen haben.

Es ist eigentlich müßig, sich die Frage vorzulegen, was Lassalle wohl getan hätte, wenn er nicht der Kugel des Herrn von Rakowitza erlegen wäre. Indes ist diese Frage bisher meist in einer Weise erörtert worden, die ein kurzes Eingehen darauf rechtfertigt.

Gewöhnlich wird nämlich gesagt, es würde Lassalle, wenn er weiter gelebt hätte, nach Lage der Dinge nichts übrig geblieben sein, als gleich seinem Freunde Bucher eine Stelle im preußischen Staatsdienst anzutreten. Wer aber so spricht, beurteilt Lassalle absolut falsch. Wohl hätte die von ihm schließlich eingeschlagene Politik, wenn konsequent weiter befolgt, ihn zuletzt ins Regierungslager führen müssen, aber auf diesen letzten Schritt hätte es Lassalle eben für sich nicht ankommen lassen. Er hätte nie den preußischen Beamtenrock angezogen. Er besaß genug, um nach seinen Bedürfnissen leben zu können, und seinem Ehrgeiz hätte eine Stelle, wie die preußische Regierung sie ihm bieten konnte, ebensowenig genügt, wie sie seiner im Innersten stets unveränderten Gesinnung entsprochen hätte. In dieser Hinsicht hätte eher er zu Bismarck, als dieser zu ihm sagen können: „Was kannst du, armer Teufel, geben?”

Das Wahrscheinliche ist vielmehr, daß Lassalle sich, sobald die gegen ihn erkannten Strafen rechtskräftig geworden, dauernd im Ausland niedergelassen und dort einen Umschwung der Verhältnisse in Preußen, bzw. Deutschland abgewartet hätte. Denn daß der Hamburger „Coup”, selbst wenn die Versammlung zustande kam und die Resolution beschlossen wurde, an den tatsächlichen Verhältnissen zunächst nichts geändert haben würde, liegt auf der Hand. Wie gering diese Aussicht war, geht daraus hervor, daß das bloße Jawort Helenes von Dönniges genügt hatte, um Lassalles Ansicht über den voraussichtlichen Effekt des „Coup” erheblich zu erschüttern. Am 27. Juli hatte er über diesen an die Gräfin Hatzfeldt geschrieben: „... Ich muß noch vorher in Hamburg sein, wo ich einen großen, sehr großen, vielleicht tatsächlich wichtigen Coup schlagen will.” Tags darauf erhält er Helenes Zusage und schreibt nun an die Gräfin, daß er sich selbst „nicht zu viel” von dem Versuch in Hamburg verspreche. Die betreffende Stelle dieses Briefes ist zwar oft zitiert, da sie aber für Lassalles damalige Stimmung äußerst charakteristisch ist, mag sie auch hier zum Abdruck kommen. Sie lautet:

„Wie Sie mich doch mißverstehen, wenn Sie schreiben: ‚Können Sie sich nicht auf einige Zeit in Wissenschaft, Freundschaft und schöner Natur genügen?’ Sie meinen, ich müsse Politik haben.