Ach, wie wenig Sie au fait in mir sind. Ich wünsche nichts sehnlicher, als die ganze Politik loszuwerden, um mich in Wissenschaft, Freundschaft und Natur zurückzuziehen. Ich bin der Politik müde und satt. Zwar würde ich so leidenschaftlich wie je für dieselbe entflammen, wenn ernste Ereignisse da wären, oder wenn ich die Macht hätte, oder ein Mittel sähe, sie zu erobern — ein solches Mittel, das sich für mich schickt; denn ohne höchste Macht läßt sich nichts machen. Zum Kinderspiel aber bin ich zu alt und zu groß. Darum habe ich höchst ungern das Präsidium übernommen! Ich gab nur Ihnen nach. Darum drückt es mich jetzt gewaltig. Wenn ich es los wäre, jetzt wäre der Moment, wo ich entschlossen wäre, mit Ihnen nach Neapel zu ziehen! (Aber wie es los werden?!)

Denn die Ereignisse werden sich, fürcht' ich, langsam, langsam entwickeln, und meine glühende Seele hat an diesen Kinderkrankheiten und chronischen Prozessen keinen Spaß. Politik heißt aktuelle momentane Wirksamkeit. Alles andere kann man auch von der Wissenschaft aus besorgen! Ich werde versuchen, in Hamburg einen Druck auf die Ereignisse auszuüben. Aber inwieweit das wirken wird, das kann ich nicht versprechen und verspreche mir selbst nicht zu viel davon!

Ach könnte ich mich zurückziehen!” —

In demselben Brief schreibt Lassalle an anderer Stelle, er sei „lustig und voller Lebenskraft” und „nun, die alte Kraft ist noch da, das alte Glück auch noch”. Es waren also lediglich politische Erwägungen, die jene resignierten Sätze diktierten.

Als er nach dem Aufenthalt mit Helene von Dönniges in Bern am 3. August 1864 in Genf eintraf, scheint Lassalle bereits zur vorläufigen Expatriierung entschlossen gewesen zu sein. In den Papieren Joh. Ph. Beckers befindet sich eine von der Genfer Regierung für „Mr. Ferdinand Lassalle professeur”, wohnhaft „chez Mr. Becker”, ausgestellte Aufenthaltsbewilligung, und auf dem Umschlag derselben folgender Vermerk von der Hand des alten Freiheitsveteranen:

„Als mir Freund Lassalle nach seiner Ankunft im verhängnisvollen Jahre 1864 hier mitteilte, er fühle seine Kraft aufgerieben, müsse Einhalt machen; er habe geglaubt, er vermöge die sozialistische Bewegung in etwa einem Jahre zum Durchbruch zu bringen, jetzt sehe er aber ein, daß es Jahrzehnte erheische, wozu er seine leibliche Kraft nicht hinreichend fühle, namentlich werde er die bevorstehenden Gefängnisstrafen nicht überdauern können. Hierauf gab ich ihm den Rat, sich unter bewandten Umständen irgendwo einen festen Wohnsitz zu gründen, zu diesem Behufe sofort Domizil in Genf zu nehmen, und wenn er dem Gesetz gemäß einen Aufenthalt von zwei Jahren nachweise, sich das Bürgerrecht zu erwerben, was damals gar keinen Anstand gefunden hätte. In der Zwischenzeit könnte er natürlich beliebige Reisen machen. Lassalle schlug ohne Bedenken ein, und ich verschaffte ihm am 11. August 1864 vorliegende Aufenthaltsbewilligung.”

Die Aufenthaltsbewilligung selbst lautet auf vorläufig sechs Monate.

Briefe, die vom Sekretariat des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins an ihn gelangten, hat Lassalle während der vier Wochen seines Kampfes um Helene von Dönniges gar nicht mehr beantwortet. Erst als er am Vorabend des Duells sein Testament machte, gedachte er wieder des Vereins und setzte dem Sekretär desselben, Willms, auf fünf Jahre hinaus eine Rente von jährlich 500 Talern für Agitationszwecke aus und eine ebensolche von jährlich 150 Talern für seinen persönlichen Bedarf. Als seinen Nachfolger empfahl er dem Verein den Frankfurter Bevollmächtigten Bernhard Becker. Er solle an der Organisation festhalten, „sie wird den Arbeiterstand zum Siege führen”.

Unter den Mitgliedern des Vereins erregte die Nachricht von Lassalles Tod nicht geringe Bestürzung. Es war ihnen lange unmöglich den Gedanken zu fassen, daß Lassalle wirklich nur in einer gewöhnlichen Liebesaffäre gefallen sei. Sie glaubten an einen vorbedachten Anschlag, der von den Gegnern angezettelt sei, um den gefährlichen Agitator aus dem Wege zu räumen, und feierten den Gefallenen als das Opfer einer nichtswürdigen politischen Intrige. Ein wahrer Lassalle-Kultus entwickelte sich zunächst, eine Art Lassalle-Religion, deren Propagierung vor allem die Gräfin Hatzfeldt, aus übrigens menschlich durchaus erklärlichen Gründen, sich angelegen sein ließ. Sehr trug zu diesem Kultus auch die Art bei, wie Lassalle den Arbeitern persönlich gegenübergetreten war. So liebenswürdig er im Umgang mit ihnen sein konnte, so hatte er doch sorgfältig darauf geachtet, in seiner äußeren Erscheinung sowohl wie in seinem Benehmen ihnen seine gesellschaftliche und geistige Überlegenheit stets vor Augen zu halten. Mit größtem Wohlbehagen hatte er ferner sich in Ronsdorf als eine Art Religionsstifter feiern lassen und selbst dafür gesorgt, daß ein die wirklichen Vorgänge noch übertreibender Bericht darüber im „Nordstern” erschien.

In seinen Reden war seine Person immer mehr in den Vordergrund getreten — so stark, daß, wenn er sich in Verbindung mit andern genannt hatte, er stets das Ich hatte vorangehen lassen.