Lassalle hat die deutsche Sozialdemokratie nicht geschaffen, so wenig wie irgendein andrer sie geschaffen hat. Wir haben gesehen, wie es bereits unter den vorgeschrittenen Arbeitern Deutschlands gärte und brodelte, als Lassalle sich an die Spitze der Bewegung stellte. Aber wenn er auch nicht als Schöpfer der Partei bezeichnet werden darf, so gebührt Lassalle doch der Ruhm, daß er Großes für sie ausgerichtet hat, — so Großes, wie es Einzelnen selten gegeben ist. Er hat, wo meist nur erst unbestimmtes Wollen vorhanden war, bewußtes Streben verbreitet, er hat der deutschen Arbeiterwelt die Erkenntnis von ihrer geschichtlichen Mission beigebracht, er hat sie gelehrt, sich zur selbständigen politischen Partei zu organisieren, und er hat auf diese Weise den Entwicklungsprozeß der Bewegung ganz erheblich beschleunigt. Sein eigentliches Unternehmen schlug fehl, aber der Kampf für es war kein vergeblicher. Lassalle hat nicht umsonst die Fahne für die Erkämpfung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts erhoben. Dank der Agitation des von ihm gegründeten Allgemeinen deutschen Arbeitervereins für diese Forderung wurden die Fortschrittler genötigt, sich nun gleichfalls ihrer anzunehmen, und so verschwand sie nicht mehr von der Tagesordnung und mußte die Berliner Regierung in sie einwilligen, als nach dem deutschen Kriege von 1866 die Verfassung des Norddeutschen Bundes geschaffen wurde. Das allgemeine gleiche, direkte und geheime Wahlrecht wurde wenigstens für den Reichstag des Norddeutschen Bundes und später des Deutschen Reiches verfassungsmäßiges Volksrecht. Noch war freilich die Zeit der Siege durch die Waffe dieses Wahlrechts nicht da. Aber um siegen zu können, mußte die Arbeiterschaft erst kämpfen lernen. Die Siege sind dann nicht ausgeblieben, von Wahl zu Wahl haben sie sich gehäuft, und im Augenblick, wo diese Abhandlung in neuer Form ins Land geht, hat die deutsche Arbeiterschaft vermittelst des nun auf die Wahlen zu allen Gesetzgebungskörpern und den Selbstverwaltungsvertretungen ausgedehnten und in jeder Hinsicht demokratisierten Wahlrechts eine politische Machtstellung erlangt, die ihr die glänzendsten Aussichten auf Durchsetzung tiefgreifender Maßnahmen sozialer Befreiung eröffnet. Sie zum Kampf einexerziert, ihr für ihn und ihre weiteren Ziele, wie es im Liede heißt, Schwerter gegeben, zugleich aber auch in die Seelen deutscher Arbeiter Sinn und Verständnis für diesen organischen Weg gepflanzt zu haben, der unter allen Gesichtspunkten dem wilden Massenkampf vorzuziehen ist, — bleibt das große, das unvergängliche Verdienst Ferdinand Lassalles.
[1] Auf Vorgänge, die mit Führung und Ausgang des Hatzfeldt-Prozesses in Verbindung stehen, bezieht sich ein Teil der Anklagen, welche im Jahre 1855 eine von Düsseldorf, dem damaligen Wohnort Lassalles, nach London entsandte Deputation rheinischer Sozialisten bei Karl Marx und Freiligrath gegen Lassalle erhob und die auf diese beiden, wie Marx an Engels schrieb, einen entscheidenden Eindruck machten.
[2] G. Brandes, Ferdinand Lassalle. Ein literarisches Charakterbild. Berlin 1877.
[3] Das Vorstehende war seinerzeit gerade geschrieben, als ich durch die Freundlichkeit von Friedrich Engels die im Nachlaß von Karl Marx vorgefundenen Briefe Lassalles an Karl Marx erhielt, die seitdem von Franz Mehring herausgegeben sind (Stuttgart, J. H. W. Dietz Nachfolger). Ein vom 7. Mai 1859 datierter, an Marx und Engels adressierter Brief handelt bis auf wenige Zeilen ausschließlich vom „Franz von Sickingen”. Lassalle hatte von dem Drama, sobald es im Druck erschienen, je ein Exemplar an Karl Marx und Friedrich Engels geschickt, worauf ihm diese, die damals noch örtlich getrennt lebten, eingehend ihre Urteile über es mitteilten, und der erwähnte Brief Lassalles ist dessen Antwort auf diese Urteile. Er verbindet sie in einem und demselben Schreiben, weil, wie er sich ausdrückt, „Eure beiderseitigen Einwürfe, ohne geradezu identisch zu sein, doch in der Hauptsache dieselben Punkte berühren”.
Aus dem Lassalleschen Schreiben geht hervor, daß die Kritik von Marx wie Engels eben die Punkte betrifft, die auch ich im obigen kritisieren zu müssen glaubte. „Ihr stimmt beide darin überein,” schreibt Lassalle an einer Stelle, „daß auch Sickingen noch zu abstrakt gezeichnet ist.” In diesem Satze ist in nuce dasselbe gesagt, was ich oben ausgeführt habe. Der Lassallesche Sickingen ist nicht der streitbare Ritter der ersten Jahrzehnte des sechzehnten Jahrhunderts, er ist der in des letzteren Rüstung gesteckte Liberale des neunzehnten Jahrhunderts, das heißt der liberale Ideologe. Seine Reden fallen gewöhnlich vollständig aus der Epoche, in der sie gehalten sein sollen, heraus. „Ihr begegnet Euch Beide”, schreibt Lassalle an einer andern Stelle, „daß ich die Bauernbewegung ‚zu sehr zurückgesetzt’, ‚nicht genug hervorgehoben habe’. Du (Marx) begründest dies so: Ich hätte Sickingen und Hutten daran untergehen lassen müssen, daß sie, wie der polnische Adel etwa, nur in ihrer Einbildung revolutionär waren, in der Tat aber ein reaktionäres Interesse vertraten. ‚Die adligen Repräsentanten der Revolution’, sagst Du, ‚hinter deren Stichwörtern von Einheit und Freiheit immer noch der Traum des alten Kaiserthums und des Faustrechts lauert — durften dann nicht so alles Interesse absorbiren, wie sie es bei Dir thun, sondern die Vertreter der Bauern, namentlich dieser, und der revolutionären Elemente in den Städten mußten einen ganz bedeutend aktiveren Hintergrund bilden. Du hättest dann auch in viel höherem Grade gerade die modernsten Ideen in ihrer naivsten Form sprechen lassen können, während jetzt in der That, außer der religiösen Freiheit, die bürgerliche Einheit die Hauptidee bleibt’. ‚Bist Du nicht selbst’, rufst Du aus, ‚gewissermaßen wie Dein Franz von Sickingen in den diplomatischen Fehler gefallen, die lutherisch-ritterliche Opposition über die plebejisch-bürgerliche zu stellen?’”
Ich habe aus diesem Zitat die Lassalleschen Zwischenbemerkungen fortgelassen, weil sie sich meist auf im Brief vorhergehende Ausführungen beziehen, hier also unverständlich wären. Im wesentlichen verteidigt sich Lassalle damit, daß er nachzuweisen sucht, die ritterliche Beschränktheit, soweit sie überhaupt im historischen Sickingen vorhanden, damit genügend zum Ausdruck gebracht zu haben, daß Sickingen, statt sich an die ganze Nation zu wenden, statt alle revolutionären Kräfte im Reich zum Aufstand aufzurufen und sich an ihre Spitze zu stellen, seinen Aufstand als einen ritterlichen beginnt und fortführt, bis er an der Beschränktheit seiner ritterlichen Mittel zugrunde geht. Gerade darin, daß Sickingen unterliegt, weil er nicht weit genug gegangen, liege die tragische und zugleich die revolutionäre Idee des Dramas. Der Bauernbewegung aber habe er in der einen Szene des Stückes, in der er die Bauern selbst auf die Bühne bringe, und in den verschiedenen Hinweisen auf sie in den Reden Balthasars usw., vollauf die Bedeutung zugeschrieben, welche ihr in Wirklichkeit innegewohnt habe und noch darüber hinaus. Geschichtlich sei die Bauernbewegung ebenso reaktionär gewesen, wie die des Adels.
Die letztere Auffassung hat Lassalle bekanntlich auch in verschiedenen seiner späteren Schritten verfochten, so u. a. im „Arbeiterprogramm”. Sie ist aber m. E. keineswegs richtig. Daß die Bauern mit Forderungen auftraten, die auf die Vergangenheit zurückgriffen, stempelt ihre Bewegung noch zu keiner reaktionären, die Bauern waren zwar keine neue Klasse, aber sie waren keineswegs, wie die Ritter, eine untergehende Klasse. Das Reaktionäre in ihren Forderungen ist nur formell, nicht das Wesentliche. Das übersieht Lassalle, der als Hegelianer hier wieder in den Fehler verfällt, die Geschichte aus den „Ideen” abzuleiten, so vollständig, daß er zu der Marxschen Bemerkung: „Du hättest dann auch in viel höherem Grade gerade die modernsten Ideen in ihrer naivsten Form sprechen lassen können”, ein doppeltes Fragezeichen, verstärkt durch ein Ausrufungszeichen, macht.
Der andere Teil seiner Verteidigung hätte dann seine Berechtigung, wenn im Stück auch nur die leiseste Andeutung gegeben wäre, daß Sickingens Beschränkung auf seine ritterlichen Mittel seiner ritterlichen Beschränktheit geschuldet war. Das ist aber nicht der Fall. Im Stück wird sie lediglich als ein taktischer Fehler behandelt. Das reicht aus für die tragische Idee des Dramas, aber nicht für die Veranschaulichung des historischen Anachronismus, an dem das Sickingensche Unternehmen in Wirklichkeit zugrunde gegangen ist.