Einleitung.

Eine Auswahl aus Mörike und insbesondere eine Auswahl aus Mörikes Gedichten – ist sie gerechtfertigt, da doch der Dichter selbst bei der Sammlung seiner Gedichte so sorgfältig wählte und schied? Der Zweck unserer Ausgaben, die in erster Linie für die weitesten Kreise unseres Volkes bestimmt sind, möge es erklären, daß wir von dem Guten nur das Beste bringen, daß wir alle Übersetzungen und die meisten Gelegenheitsgedichte fortgelassen haben. Wenn sich auch in vielen irgend etwas dichterisch Schönes findet, so sind sie im Vergleich zu den anderen Gedichten doch minderwertig. Und scheint es nicht, als ob unsere Zeit mit der Fülle ihrer Erscheinungen und Forderungen, mit der ruhelosen Hast, in die uns der Kampf eines jeden Tages treibt, geradezu zu einer Auswahl drängt? Ist es nicht mehr als Zufall, daß unsere ersten lebenden Lyriker wie Liliencron, Dehmel, Falke selber eine Auswahl ihrer Gedichte veranstaltet haben? Wir sind nicht mehr die fröhlich dahinschreitenden Wanderer, die in behaglicher Muße den Fluß entlang ziehen. Wir werfen von der Höhe des Weges einen sehnenden Blick in sein liebliches Tal, steigen in der Hitze des Tages wohl zu ihm herab und erquicken uns an einem vollen Trunk, aber dann weiter, weiter! Hat er uns wohlgetan, dann denken wir des Spenders in dankbarem Gemüte, und in gesegneter Stunde kehren wir gern zu ihm zurück, um eine weit größere Strecke, wenn möglich den ganzen Weg mit ihm zu wandern. –

Eduard Friedrich Mörike wurde am 8. September 1804 in Ludwigsburg geboren, der kleinen württembergischen Residenzstadt, die uns auch Justinus Kerner, Friedrich Theodor Vischer, den Dichter von »Auch Einer«, und David Strauß, den Verfasser des »Lebens Jesu«, geschenkt hat. Der Vater, der Arzt gewesen, starb, als Eduard erst dreizehn Jahre alt war, und nun blieb der Mutter die Sorge für sieben unversorgte Kinder. Sie war eine lebhafte, heitere, phantasiebegabte Frau, und des Dichters geistiges Erbe stammte wohl zumeist von ihr. So ungern sie sich auch von ihrem Eduard trennte, so mußte sie es doch dankbar annehmen, daß sein Oheim, der Obertribunalpräsident Georgii, ihn zu sich nach Stuttgart nahm, um seine Erziehung zu leiten.

Da Mörike Theologie studieren wollte und sollte, kam er im folgenden Jahre (1818) in das Seminar zu Urach. Hier schloß er Freundschaft mit Wilhelm Hartlaub, der ihm Zeit seines Lebens aufs treuste zugetan war. Mit mancherlei Anlagen ausgerüstet, mit ausgesprochenem Talent für Zeichnen, mit tiefer Neigung für Musik verriet er auch schon hier seine poetische Begabung, und als er im Jahre 1822 in das Seminar zu Tübingen, das sogenannte »Stift«, eintrat, fand er sich bald mit dem poetisch veranlagten Ludwig Bauer zusammen, mit dem im Bunde er seinen phantastischen und poetischen Neigungen nachgehen konnte.

Von früh auf suchte der scheue, stille Knabe die Einsamkeit, fand seine tiefsten Freuden in der Natur und liebte es, sich in eine bunte, romantische Märchenwelt einzuspinnen. Nun trieben die Freunde »in einsamer Abgeschlossenheit im Walde, in einem Felsenloch, in einem verlassenen Brunnenstübchen ihr Wesen, machten den Tag zur erkünstelten Nacht, deren Dunkel eine matte Lampe erhellte, und lasen sich da Homer und Shakespeare vor. Nixen, Elfen und Geister aller Art beschworen sie mit ihrer Phantasie und träumten sich auf eine einsame Wunderinsel Orplid versetzt.«