In seiner Tübinger Studienzeit wurde Mörike von einer leidenschaftlichen Liebe zu Marie Meyer, einem abenteuernden Mädchen, ergriffen, dessen Wesen und Schicksal noch heute nicht ganz aufgehellt ist. Nach schweren inneren Kämpfen erkannte er, daß seine Liebe, die er in dem Gedichtcyklus »Peregrina« verewigt hat, auf Irrwege gegangen, und schwer krank kehrte er zur Mutter zurück. Wenn je ein Mann der liebenden, sorgenden und stützenden Hand des Weibes bedurfte, so war es Mörike, der so unerfahren in allen praktischen Dingen war, der sich so scheu von aller Welt zurückzog, daß er einmal später Geibel gestand: »Wenn Sie wüßten, welchen Entschluß schon es mich kostet, einer Gesellschaft zuliebe in einen andern Rock zu schlüpfen!« Er, der sich so sehr nach einem Heim sehnte, mußte jahrelang, nachdem er 1826 sein theologisches Examen abgelegt, von einem Orte Schwabens zum andern wandern, um als Pfarrvikar tätig zu sein. Kaum fing er an, irgendwo zu wurzeln, so mußte er sich wieder losreißen, bis er endlich 1834 die Pfarre von Cleversulzbach erhielt. Ein Jahr zuvor hatte er sein langjähriges Verlöbnis mit Luise Rau lösen müssen. Ihre Sorge um die Sicherheit ihrer Zukunft, Mißtrauen in seine Kraft und in seinen Willen hatten ein Verhältnis gelockert, das Liebe und Vertrauen geknüpft hatten. Nun bereiteten ihm die Mutter und die Schwester, die schon 1832 zu ihm gezogen waren, ein behagliches, stilles Heim, das wohl dem nicht ganz unähnlich war, das er in seinem fein humoristischen Idyll »Der Turmhahn« geschildert hat.
Es war ein schwerer Schlag für ihn, als die Mutter 1841 starb. Er ließ sie neben Schillers Mutter betten, auf deren fast vergessenem Grab er ein Kreuz hatte aufrichten lassen, und der er in seinem Gedicht »Auf das Grab von Schillers Mutter« ein Denkmal seiner Verehrung setzte.
Fortwährende Kränkeleien – so recht gesund fühlte sich Mörike nie – bestimmten ihn 1843 dazu, sein kirchliches Amt ganz aufzugeben. Hatten ihn im Anfang seiner Laufbahn oft religiöse Zweifel gequält, so hatte er sich allmählich in praktischer, ratender und helfender Tätigkeit zurechtgefunden, so daß er aus seinem Amte nicht leichten Herzens schied. Sein literarischer Ruhm war inzwischen stetig gewachsen. 1832 war sein großer Roman »Maler Nolten«, in den der Dichter manche Ereignisse seines Lebens hineingesponnen, erschienen. 1839 veröffentlichte er »Iris, eine Sammlung erzählender und dramatischer Dichtungen«, und ein Jahr früher hatte er die erste Sammlung seiner Gedichte herausgegeben. Fanden sie auch bei dem großen Publikum nur geringen Widerhall, die Kundigen wußten, was sie galten, wußten, daß ein neuer starker Dichter erstanden war. Hermann Kurz durfte scherzen, er werde ihn beschuldigen, daß er Goethes verlorene Lieder unrechtmäßigerweise an sich gebracht habe, um sich nun damit zu brüsten.
Nachdem Mörike sein Amt niedergelegt hatte, siedelte er nach kurzem Aufenthalt in Schwäbisch-Hall nach Mergentheim über. Hier entstand die »Idylle vom Bodensee«, die er 1846 veröffentlichte. 1851 ging er nach Stuttgart, wo er am Katharinenstift, einer höheren Töchterschule, eine Anstellung erhielt. In Stuttgart verheiratete er sich auch, zwei Töchter entsprossen dieser Ehe, und Mörike, der große Kinderfreund, jubelte über sein spätes Vaterglück; aber der Bund war trotzdem kein glücklicher. Die beiden Gatten standen sich innerlich zu fern, und anstatt zusammenzuwachsen, wurden sie sich immer fremder, so daß schließlich eine Trennung erfolgte.
In Stuttgart wurden auch zwei andre Kinder Mörikes geboren, seine beiden feinsten Prosadichtungen: das farbenprächtige, volkstümliche Märchen vom Stuttgarter Hutzelmännlein (1852), aus dem wir die köstliche »Historie von der schönen Lau« bringen,[1] und die ergreifende Novelle »Mozart auf der Reise nach Prag« (1856). Sie mutet uns wie eine biographische Erzählung an, so wahr scheint Wesen, Charakter und Sprache des großen Komponisten getroffen; und doch ist's eigentlich auch ein Märchen, ein Märchen, wie ein Dichter sich einen Glückstag aus dem Leben eines Künstlers träumt, ein Tag, wo alle Erdenfreude ihm noch einmal hell leuchtet, kurz bevor die Lebenssonne zur Rüste geht. Von jeher hatte die Musik die tiefste Wirkung auf Mörike geübt, und was er einmal von seiner Lieblingsoper Don Juan sagt, das schlägt uns auch aus seiner Dichtung entgegen: »ein Überschwall von allem Duft, Schmerz und Schönheit«.
[1] Es sei hier auf die Hessesche Gesamtausgabe von Mörikes Werken mit der vortrefflichen Einleitung von Rudolf Krauß hingewiesen.
Aus Gesundheitsrücksichten gab Mörike 1866 seine Stuttgarter Stelle auf und zog mit seiner Schwester nach Lorch. Mannigfache Auszeichnungen waren ihm inzwischen zu teil geworden. Die Tübinger Universität hatte ihn zum Ehrendoktor ernannt; der König Max von Bayern, der ihn gern in den Münchener Dichterkreis gezogen hätte, erwählte ihn zum Ritter des Maximilianordens, und die Schillerstiftung verlieh ihm eine lebenslängliche Jahrespension. Berühmte Dichter und Künstler suchten seine Freundschaft. Theodor Storm, der wesensverwandte norddeutsche Dichter, wies schon früh auf Mörikes Bedeutung hin. In seinen »Erinnerungen an Mörike« spricht er es aus, was der Dichter ihm gewesen, und in seinem Hausbuch deutscher Lyriker betont er, daß »Mörikes Gedichte in keiner Bibliothek fehlen dürften, in der unsere poetische Literatur, wenn auch nur andeutungsweise, vertreten ist«. Moriz von Schwind und Ludwig Richter schufen Bilder zu seinen Werken, und hervorragende Komponisten vertonten seine Lieder. Er hätte in Lorch, wo er die »langersehnte, absolute Ruhe und Stille« fand, einen behaglichen Lebensabend verbringen können, wenn ihn sein häusliches Unglück nicht tief gequält hätte. Ihm fehlte, was er an Schwinds Frau rühmte, »die treue, so ganz für ihn geschaffene Gefährtin«. Noch kurz vor seinem Tode rief er seine Frau zu sich und söhnte sich mit ihr aus, und am Morgen des 4. Juni 1875 endete ein Leben, das scheinbar ruhig und still verlief, das aber reich war an allem, was nur ein Menschenherz erregen und bewegen kann, an Leiden und Enttäuschungen, an schweren Kämpfen und stillen Siegen.
Mörike der Lyriker ist, wie Hebbel der Dramatiker, erst in unsern Tagen zu seinem vollen Recht gekommen. Es liegt in seinen Dichtungen nichts Hinreißendes, Leidenschaftliches, nichts Großes, Überwältigendes, das gleich auf den ersten Blick fesselt. Und doch fehlt es ihnen nicht an Größe und Leidenschaft. Nur wurzeln sie ebenso tief unter der Erde, wie sie oberhalb wachsen und grünen. Sie tragen die stille Schönheit seiner Heimat in sich: Hügel und Täler, Wald und Wiese und Fluß. Dem vorüberhastenden Blick erschließen sie nicht ihren Reiz, man muß sich darin ergehen. Aber dann findet jeder ein Stück Heimatland da, das Heimatland seiner Seele: »Ja, so haben wir's gefühlt, so haben wir's genossen! Das lag wohl immer schon so in uns, Mörike hat es nicht erfunden, hat es uns selber nur entdeckt.« Seine Dichtungen wirken so, wie er einmal in einem Brief an seinen Freund Waiblinger von dem frischen Sommerregen schreibt: »Unser Innerliches fühlt sich sonderbar geborgen und guckt wie ein Kind, das sich mit verhaltenem Jauchzen vor dem nassen Ungestüm draußen versteckt, mit hellen Augen durchs Vorhängel, bald aus jenem, bald aus diesem vergnügten Winkelchen.«
Und mit Kindesaugen sieht der Dichter in die Welt. Da ist nichts so klein, daß es, mit seinen Blicken betrachtet, nicht Wert erhielte, nichts so unscheinbar, daß es, von dem Strahl seines hellen Gemüts getroffen, nicht leuchtete und glänzte, und nichts so groß, daß er nicht damit spielen könnte. »Mörike,« sagt Fr. Strauß, »nimmt eine Handvoll Erde, drückt sie ein wenig, und alsbald fliegt ein Vögelchen davon.« Das ist die göttliche Urkraft der Phantasie, die in jedem Kinde lebendig ist und sich in jedem Dichter betätigt. Da gibt es nichts Großes und Kleines, nichts Lebendes und Totes. Da berühren sich überall Himmel und Erde, und jeder Mensch trägt das Gottesgnadentum, König zu werden, in sich. Aus dieser Märchenwelt kam Mörike nie heraus. Alles um ihn her, Stein und Pflanze und Tier, war ihm Gefährte und redete in seiner Sprache zu ihm. Weltfremd und menschenscheu, war er doch auf jedem Fleckchen grüner Erde daheim und vertraut mit allem, was Menschenherz bewegt. War es wunder, daß er Märchen dichtete? Er lebte sie ja. Märchenbildungen wie die Insel Orplid, wie der sichre Mann Suckelhorst wurden ihm so lebendig, daß sie in seiner Rede als gegenständlich vorkamen oder umherliefen.