In seinen Märchennovellen ist das Wunderbare und Alltägliche so gemischt, daß wir das eine wie das andre glauben. Daß die schöne Lau in den Blautopf verbannt ist, erscheint uns ebenso natürlich, wie daß sie lachen muß, als sie »das Enkelein mit rotgeschlafenen Backen hemdig und einen Apfel in der Hand auf einem runden Stühlchen von guter Ulmer Hafnerarbeit, grünverglaset« sitzen sah.

Manche seiner Dichtungen sind in dem wenig volkstümlichen Hexameter verfaßt, und Mörike ist oft stark von der antiken Dichtung beeinflußt, so daß er, wie Keller treffend bemerkt, uns anmutet, als ob er der Sohn des Horaz und einer feinen Schwäbin sei.

Aber trotz dieses fremden Elements lebt in Mörike so viel Naives und Volkstümliches, so viel Naturgefühl und Phantasie, so viel sonniger Humor und tiefe Lebensweisheit, daß wir getrost den Worten, die Friedrich Vischer dem Freunde am Grabe nachrief, vertrauen können: »Es gibt eine Gemeinde – und nur in der Vergleichung mit der breiten Menge ist sie klein – die sich labt und entzückt an deinen wunderbaren, hellen, seligen Träumen und die hohe Wahrheit schaut in diesen Träumen. Es gibt eine Gemeinde, die den Dichter nicht nach rednerischen Worten schätzt, die den feineren Wohllaut trinkt, der aus ursprünglichem Naturgefühl der Sprache quillt. Und sie wird wachsen, diese Gemeinde, sich erweitern zu Kreis um Kreis, Bund um Bund wird sich bilden von Einverstandenen in deinem Verständnis.«

Hamburg im Dezember 1905.

J. Loewenberg.

Dichtungen
von
Eduard Mörike