Der Fischer sagte zu dem Bläse: „Auf solche Weis’, Gevatter, möcht’ ich mein Handwerk nicht das ganz Jahr treiben. In allweg aber sei’s bezeugt, Ihr wisset mit dem Netz wohl umzugehen. Von heut’ an möget Ihr als Obermeister einer ehrsamen Schuhmacherzunft ganz kecklich einen Hecht so kreuzweis übern Leist in Euer Zeichen lassen malen, dem Sprichwort zum Trutz!“

Der Morgen kam schon hell herbei, als sie nach vielem Schweiß, Angst, Not und Schrecken den Weiher wieder glatt und sauber hatten. Der größte Nachen wurde voll des nassen Zeuges, auch war wieder ziemlich alles beisammen, nur da und dort fand man am Tag ein und das andre Stück noch im Röhricht versteckt.

Von dieser Geschichte erging das Gerücht natürlicherweise gar bald an die Einwohnerschaft. Die mehrsten achteten’s für Satanswerk, und ahnete es dem Meister schon, daß sich ein manches scheuen werde, ihm seine Ware abzunehmen, wie sich’s in Wahrheit auch nachher befand. Nach einem Scherzwort etlicher Fazvögel aber hat man von dort an lange Zeit eine besondere Gattung grober Schuhe, so hier gemacht und weit und breit versendet wurden, nicht anderst mehr verschrieben oder ausgeboten als mit dem Namen: Echte, genestelte Stuttgarter Wasserratten.

Jetzt war des Meisters erste Sorge, daß das gestohlene Gut nur wieder fort aus seinem Haus und an die Eigentümerin komme. Zwar seiner Frau war am lichten Tag der Mut wieder gewachsen; ja, meinte sie, es sollte lieber alles, Kundschaft und Haus und Hof, hinfahren; nur diese Schuh’ wenn sie behielten, da rindere ihnen (wie ein Sprichwort sagt) der Holzschlegel auf der Bühne. Der Bläse aber schüttelte das Haupt: „Meinst du, er könne uns nicht auch am Leib was schaden? Behüt’ uns Gott vor Gabelstich! Dreimal gibt neun Löcher.“ — Er drohte seinem Weib mit Schlägen, wenn sie noch etwas sage, ging unmüßig im ganzen Haus herum, von einem Fenster zum andern, und wollte fast verzwatzeln, bis es dunkel ward, wo seine Tochter die vermaledeiten Schuhe unter den Schurz nahm und forttrug.

Sie schlich sich damit an der Kiderlen Scheuer von hinten und stellte sie in eine Fensterluke, wo sie die Vrone, als sie früh in Stall ging, ihre Kuh zu füttern, auch sicherlich gefunden hätte, wenn sie vom Pechschwitzer nicht über Nacht wären wegstipitzt worden.

Indessen trug die gute Dirne das falsche Gemächt sonder Schaden, und wenn ein Tag herum war, hieß es beim Bettgehn allemal: „Jetzt aber, Mutter, glaubt Sie doch, daß es nicht Not gehabt hat selletwegen?“ — Die Mutter sprach: „Beschrei es nicht!“ — Auf solche Weise kam denn alles wiederum in sein Geleis, und galt die Vrone wie vordem für ein kluges, anstelliges Mädchen.

Geraume Zeit, nachdem sich dies zugetragen, saß der Bläse in seinem Weinberg draußen beim Herdweg auf der Bank am Gartenhaus, bekümmerten Gemüts, weil es die Zeit her stark hinter sich ging in seinem Geschäft. Indem er nun so in Gedanken den heurigen Herbst überschlug, was er ertragen könne, samt den Zwetschgen, davon die Bäume schwer voll hingen — horch! wispert etwas hinter ihm, und wer steht da? der Pechschwitzer, der Hutzelmann, der Tröster. Mein Schuster wurde käsebleich. — „Erschreckt nicht, Zunftmeister! Ich komme nicht im Bösen. Wir haben einen Stuß miteinander gehabt, das ist ja wieder gut, und wär’ es nicht, will ich’s vergüten, soviel an mir ist. Jetzt aber hätte ich ein kleines Anliegen, Obermeister.“ — „Und in was Stücken, liebes Herrlein, kann ich Euch dienstlich sein?“ — „Mit Erlaubnis,“ sprach der Hutzelmann und nahm Platz auf der Bank und hieß den andern zu ihm sitzen. „Seht! jensmal in der Nacht, da ich auf Eurem obern Boden war und Ihr am Fenster unten, hörte ich Euch ein Wörtlein sprechen, das will mir nimmer aus dem Sinn. Ihr habt gesagt: Ich wollt’ nur, daß das Bulver schon erfunden wär’! Was meintet Ihr damit?“

Der Bläse, sich besinnend, machte ein Gesicht, als wenn ein Mensch aufwacht bei Nacht in einem Kuhstall, darein er seines Wissens auf eigenen Füßen nicht gekommen ist, lachte und sprach: „Herrlein, das hätte der Bläse gesagt? Nun, wenn ich es noch weiß, soll mich der Teufel holen!“ — „Ei, schwöret nicht, mein Freund!“ entgegnete ihm der andere. „Warum wollt Ihr es leugnen? Vertrauet mir’s, nur so beim Beilichen, was das Bulver ist! Ich bin einmal in derlei Heimlichkeit ein stiegelfizischer, seht! Euer Schaden soll’s nicht sein, und möget Ihr dafür etwas von meinen Künsten lernen.“ — Da stellte sich der Bläse an, als wenn er freilich etwas wüßte, und sprach: „Weil Ihr es seid, Pechschwitzer, so möcht’ ich Euch wohl gern zu Willen sein; vergönnt mir nur Bedenkfrist einen Tag, damit ich doch mein Weib auch erst darum befrage!“ — Der andre fand das nicht unbillig, bat ihn beim Abschied inständig nochmals, gelobte ihm Verschwiegenheit und wollte morgen wiederkommen.

„Jetzt, Sante Blasi, hilf!“ so rief der Alte aus, wie er allein war. „Jetzt muß das Bulver ’raus aus meinem dicken Schustersgrind, und wenn’s die halbe Welt kostet!“ — Da saß er, hatte beide Ellbogen auf den Knieen und beide Fäuste an den Backen. „Vor die Ratten,“ sprach er, „kann’s nicht sein. Warum? sotts Bulver hat man lang! Selle Nacht aber ist es mir wampel gewesen, mag leicht sein, hat mir’s traumt vom güldnen Magen-Triet, so allein der König in Persia hat. — Es gibt ein Kräutlein, heißt Allermanns-Harnisch, und gibt ein anders, das heißt Dierletey, und wieder eins, Mamortica: kein Wurzler hat’s noch Krämer. Daraus hat meiner Mutter selig ihre Gschwey eine Salben gemacht, die war vor alles gut. — Ich will halt einmal gehn und schauen, was zu machen ist, und will erst Spezies kaufen; Probieren ist über Studieren.“

Auf seinem Weg zur Stadt sann er scharf nach. Auf einmal schnellt er mit dem Finger in die Luft, und — „Wetter!“ rief er aus, „kann einer so ein Stier sein und noch lang’ sinnieren hin und her, wo doch ein Ding glatt auf der Hand liegt! Was mag ein Schuster bei dem andern sonst für einen Vorteil suchen zu erfahren, wenn es nichts aus dem Handwerk ist? Da laß ich mich schon finden.“